Verwundbare Satelliten Angst vor dem Kollaps im Orbit

AP / U.S. Navy

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2. Teil: "Büroklammern statt Kanonenkugeln" - unabhängige Experten bezweifeln organisatorische Fähigkeiten des Militärs


Als Erfolgsgeschichte gilt etwa das System "SAR-Lupe", das aus fünf identischen Kleinsatelliten besteht. Mit ihren Radarwellen durchdringen sie nicht nur Wolken, sondern können ihr Ziel auch aus mehreren Positionen zugleich ins Visier nehmen, was eine enorm hohe Auflösung ergibt. Auch auf anderen Gebieten stehen die Deutschen an der Weltspitze - etwa bei der Beobachtung von Weltraumschrott. So gilt das an der TU Braunschweig entwickelte Simulationsmodell "Master 2005" als eines der besten der Welt.

Die deutsche Raumfahrtindustrie ist auf einem Wachstumskurs, der angesichts der Wirtschaftskrise erstaunlich ist. 2009 machte die Branche einen geschätzten Umsatz von zwei Milliarden Euro, was nach Angaben des Bundesverbands der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) einem Plus von 14 Prozent gegenüber 2008 entspricht. Fast ebenso rasant stieg die Beschäftigtenzahl: 6200 Menschen arbeiteten demnach 2009 in der Raumfahrtindustrie, fast zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Hinzu kommen rund 5600 Mitarbeiter an Forschungsinstituten. "Wissenschaftlich ist Deutschland führend in Europa, insbesondere in der Erdbeobachtung", sagte Evert Dudok, Chef der EADS-Raumfahrttochter Astrium, auf der ILA.

"Wenn es gelingt, diese unterschiedlichen Arten von Expertise zu bündeln, erkennen auch die USA den Wert der Kooperation mit uns", sagt Weltraumlagezentrum-Chef Borst. Bündelung bedeutet in diesem Fall auch, dass Streitkräfte und zivile Unternehmen eng zusammenarbeiten. So brachte Ende Mai eine Ariane-5-Rakete der Europäischen Weltraumbehörde Esa den zweiten Kommunikationssatelliten der Bundeswehr, "ComsatBW-2", ins All. Das erste Exemplar ist seit Oktober 2009 im Orbit. Die 2,5 Tonnen schweren Geräte werden vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen gesteuert. Sie sollen der Bundeswehr und der Regierung abhörsichere Gespräche und Datentransfer garantieren. Auch der vor allem als Forschungssatellit bekannte "TerraSAR-X" des DLR versorgt die Bundeswehr mit Daten.

Experten bezweifeln Fähigkeiten der Bundeswehr

Unabhängige Fachleute bezweifeln allerdings massiv, ob die westlichen Regierungen und damit auch die Bundeswehr in der Lage sind, selbst die notwendigsten Satellitensysteme zu schützen. "Die Bundeswehr ist für den Friedensbetrieb optimiert", spottet ein Experte aus der Rüstungsindustrie. "Die Hacker-Resistenz ihrer Systeme ist gleich Null." Im Kriegsfall bekäme man vermutlich "Büroklammern statt Kanonenkugeln geliefert".

Bundeswehrangehörige räumen durchaus ein, dass die Organisation der Materialbeschaffung es schwer macht, technologisch auf der Höhe der Zeit zu bleiben. "Unsere Beschaffung benötigt mehr Tempo und mehr Effizienz", sagt Luftwaffengeneral Schelleis. Dafür müsse man hin und wieder auch die vielzitierte "80/20"-Lösung anstreben: 80 Prozent der Fähigkeiten, die auf dem Technik-Wunschzettel stehen, für 20 Prozent der Kosten. "Oft sind es die letzten 20 Prozent der Fähigkeiten, die die Kosten enorm in die Höhe treiben", sagt Schelleis. Von der "Goldrand-Lösung" müsse man sich auch mal verabschieden können - "sonst rennen wir dem Stand der Technik immer hinterher".

Im zivilen Bereich sieht man die militärischen Aktivitäten im All dagegen äußerst kritisch - selbst wenn es um den Schutz der Systeme geht. Denkbar seien etwa völkerrechtliche Probleme. Am besten sei es, das Militär komplett aus dem Orbit herauszuhalten - "sonst wird er bald überhaupt nicht mehr nutzbar sein", meint ein Mitarbeiter einer privaten Raumfahrtfirma.

Angst vor der Unbenutzbarkeit des Orbits

Der Hamburger Friedensforscher Götz Neuneck sieht das ähnlich. Er fordert einen internationalen Vertrag, der den Zugang zum All reguliert und jeglichen Angriff auf Satelliten ächtet. Zwar ist seit 1967 der "Outer Space Treaty" der Vereinten Nationen in Kraft, doch er verbietet lediglich die Stationierung von Massenvernichtungswaffen im All. Alles andere ist demnach erlaubt. Das sei eine klaffende juristische Lücke, sagte Neuneck zu SPIEGEL ONLINE. "Sie ließe sich durch ein Zusatzprotokoll zum Weltraumvertrag schließen."

In einer völkerrechtlich verbindlichen Ächtung der Weltraum-Kriegführung sieht Neuneck das einzige probate Mittel, die wertvolle Satelliten-Infrastruktur zu schützen. Denn technische Maßnahmen, Satelliten gegen gezielte Angriffe zu schützen, seien entweder nicht vorhanden oder viel zu teuer. Allerdings sei es kein gutes Zeichen, dass es einen solchen Vertrag trotz mehrerer Satelliten-Abschüsse und einer großen Kollision noch nicht gebe. "Vielleicht", sagt Neuneck, "ist es schon zu spät."

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Kaygeebee 22.06.2010
1. WTF! Kalter Krieg?
Was ist im Moment eigentlich los? Wir haben momentan im Westen einen tiefen Frieden und plötzlich herrscht wieder eine Stimmung als wäre der Kalte Krieg wieder warm. Brauchen die Medien ein neues Thema? Oder müssen unsere Militärs sich mal wieder profilieren? Und warum ausgerechnet Deutschland sich daran beteiligen will ist mir schleierhaft. Wir können höchstens die Technologie dafür liefern. Aktiv können wir nicht daran teilnehmen. Unsere Bundeswehr schafft es ja noch nicht einmal ein paar einwandfreie Hubschrauber nach Afghanistan zu schicken.
Marvel Master 22.06.2010
2. dämliche Menschen
Tach, Menschen sind halt blöd und denken von jetzt bis + 1 Minute. Als die 2 Satelliten von den USA und China zerstört wurden, hat man sichtlich stolz präsentiert, wie toll man das kann. Der Verstand hat aber nicht soweit gereicht, um zu erkennen, dass man dadurch 300.000 neue Trümmerteile hat, die die nächsten 10 Millionen Jahre die eigenen Satelliten ebenfalls mit zerstört und beschädigt. Ich denke auch nicht, dass man auf absehbarer Zeit in der Lage ist, den Müll aus dem Orbit wieder einzusammeln. Dafür ist er einfach zu gross. Dämliche Menschen.... VG Marvel
jupiter999 22.06.2010
3. Oh je
Seine Idee in allen Ehren aber dennoch muss ich immer über die Naivität von Leuten wie Herrn Götz Neuneck schmunzeln. Völkerrecht ... Vertrag .. Ächtung Erstmal müsste er die Staaten benennen die über die Waffentechnologie zum Abschuß von Satelliten verfügen. Wer sind die denn ? China , USA ? Denn die haben das ja schonmal gemacht ? Die USA würde da erstmal antworten "Wir haben solche Waffen gar nicht, da die Rakete die wir gegen den beschädigten Satelliten eingesetzt haben einzigartig war, es keine weiteren davon gibt, und die Modifikation am Schiff das die Rakete abgefeuert hat wieder rückgängig gemacht wurden. Desweiteren handelte es sich hierbei gar nicht um einen militärischen Waffentest Herr Götzeck." China würde genau dasselbe antworten. "Haben wir nicht, bauen wir nicht, wollen wir nicht" und desweiteren darauf verweisen das es selbst wenn es sie hätte diese zur reinen Verteidigung genutzt würden und daher schon mal gar kein Interesse an der Ratifizierung eines solchen Vertrags hätten. Wenn ich ein Land bin das von einem anderen angegriffen wird das sich Satelliten zunutze macht um Waffen zu lenken, militärische Aufklärung zu betreiben usw. und ich die Möglichkeiten besitze dies zu stoppen, dann tuhe ich das auch. Ich blende die Satelliten mit Lasern, schieße sie ab, störe ihren Funkverkehr. Wer will mir per Völkerrecht verbieten mich zu verteidigen ? Und selbst wenn, streite ich es einfach ab das ich das war. Vielleicht hat ja Weltraum Müll den Satelliten getroffen ? Laser ? Hab keinen. Der kam aus meinem Land ? Können sie das auch beweisen ? ;-) Soll der Herr Neuneck mir doch via der UN einen bösen Brief schreiben in dem er mir sagt wie sehr er das doch alles ächtet. Den rahme ich mir ein und häng ihn übers Sofa. Vielleicht interessiert er mich irgendwann mal wenn der Krieg vorbei ist.
graealex 22.06.2010
4. Mitnichten
Zitat von sysopSatelliten sind die Taktgeber des modernen Lebens: Ohne sie würde die westliche Zivilisation kaum noch funktionieren. Doch die Infrastruktur im All ist äußerst verwundbar. Deutsche Militärs fordern eine nationale Schutzstrategie - allerdings bezweifeln Experten, dass die Bundeswehr dazu in der Lage ist. http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,701135,00.html
Mitnichten. Insbesondere Internet und Telefon kommunizieren über Seekabel und andere feste Verbindungen, jedoch nicht per Satellit.
Ylex 22.06.2010
5. Weltraum-Lagebewusstsein?
Zitat aus dem Artikel: "Wir müssen im eigenen Interesse ein Weltraum-Lagebewusstsein entwickeln", sagte Bundeswehr-General Schelleis..." Haben die Oberstrategen bei der Bundeswehr angesichts Afghanistan nichts Besseres zu tun als ein Weltraum-Lagebewusstsein zu entwickeln? - ist doch unglaublich, dieser Quatsch. Die Probleme mit der Beeinflussbarkeit von Satelliten im Erdumlauf und die Gefahren, die von den vielen Trümmerteilen ausgehen, sind lange bekannt, die deutschen Militärs werden sie schon gar nicht lösen können. Übrigens war gestern der kalendarische Sommeranfang - das gibt mir mit Blick auf den Artikel zu denken.
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