»Volksrepubliken« Luhansk und Donezk Kosmonauten provozieren mit Flaggenshow im All

Bislang war der Ukrainekrieg auf der internationalen Raumstation ISS kein Thema. Doch nun haben russische Raumfahrer mit Flaggen der kremltreuen Pseudostaaten posiert. Was bedeutet das für die Zusammenarbeit im All?
Eine Analyse von Christoph Seidler
Raumfahrer Korsakow, Artemjew und Matwejew mit Flagge der »Volksrepublik« Luhansk

Raumfahrer Korsakow, Artemjew und Matwejew mit Flagge der »Volksrepublik« Luhansk

Foto: ROSCOSMOS / REUTERS

Der frühere US-Astronaut Scott Kelly vertritt eine Außenseitermeinung im Weltraumbusiness. Der Vierfach-Raumfahrer ist seit April 2016 im Ruhestand. Vor einiger Zeit sagte er, dass »die Ermordung unschuldiger Menschen, Vergewaltigung, Völkermord« an einem gewissen Punkt »die Bedeutung der Zusammenarbeit im Weltraum« übersteigt. Es geht um die Frage, ob die bisherige Kooperation zwischen Russland und dem Westen im Kosmos angesichts von Moskaus brutalem Angriffskrieg in der Ukraine einfach unbehelligt weitergehen kann.

Die Mehrheit im Weltraum-Establishment sieht die Dinge eher pragmatisch. Die USA und Russland sind seit mehr als zwei Jahrzehnten die wichtigsten Partner für den Betrieb der Internationalen Raumstation. Japaner, Europäer und Kanadier haben nur Nebenrollen. Nur wenn die beiden großen Weltraumnationen zusammenarbeiten, lässt sich die dauerhafte menschliche Präsenz im All aufrechterhalten. Nasa-Chef Bill Nelson sagte kürzlich im SPIEGEL-Interview , es gebe »absolut keine Entschuldigung für das, was Präsident Putin in der Ukraine getan hat, für das Abschlachten unschuldiger Menschen, für die Invasion eines unabhängigen Landes«.

Und dann folgte die Einschränkung: »Dennoch gibt es dort oben im All eine Raumstation, die von Russen und Amerikanern gemeinsam betrieben wird. Und das wird auf friedliche und professionelle Weise weitergehen«, so Nelson.

Neu ist diese Art von Realitätsverweigerung nicht. Als im Jahr 2014 Russland der Ukraine die Krim raubte, bemühte man sich bei der Nasa trotzdem ernsthaft, die Internationale Raumstation als Kandidat für den Friedensnobelpreis zu platzieren.

Derzeit werden die Bemühungen um Harmonie allerdings empfindlich gestört. Moskaus Kosmonauten Oleg Artemjew, Denis Matwejew und Sergei Korsakow haben den Ukrainekonflikt auf die Internationale Raumstation geholt: Sie posierten auf der Raumstation mit den Fahnen der »Volksrepubliken« Luhansk und Donezk – schwarz, dunkelblau, rot und hellblau, dunkelblau, rot. International sind die auf ukrainischem Staatsgebiet durch russische Eroberungen entstandenen Territorien nicht als Staaten anerkannt. Nur Russland und Syrien bilden eine Ausnahme.

Nichts, was man mit einem Federstrich wegwerfen sollte

Was bedeutet die Provokation für das Schicksal der Raumstation? Aufbau und Betrieb der ISS haben viele Milliarden Dollar gekostet. Es ist die wohl komplexeste Maschine, die Menschen je ersonnen und realisiert haben. Und sie könnte, so glauben es jedenfalls viele Experten, noch bis zum Ende des Jahrzehnts gute Dienste leisten.

Nur mithilfe der Station haben die Raumfahrtorganisationen Erfahrungen mit einer dauerhaften Präsenz im All sammeln können. Mehr als 240 Menschen aus 19 Ländern waren auf dem schwebenden Außenposten zu Gast. Und lange Zeit konnten amerikanische Raumfahrer nur mit russischer Hilfe überhaupt dorthin gelangen, nachdem Washington die Space-Shuttle-Flotte eingemottet hatte. All das muss einem bewusst sein, wenn man über die Zukunft der Station nachdenkt. Dieses Erbe ist nichts, was man einfach mit einem Federstrich wegwerfen sollte.

Womöglich auf Wunsch von ganz oben inszeniert

»Wir sind untereinander befreundet und konzentrieren uns auf unser gemeinsames Ziel, die Arbeit im All fortzuführen«, so hat es die italienische Esa-Astronautin, die aktuell auf der Raumstation lebt und arbeitet, vor dem Start dem SPIEGEL gesagt . »Ich glaube, wir werden das Thema Ukraine einfach nicht ansprechen.« Menschlich ist diese Strategie nachvollziehbar. Man lebt in lebensfeindlicher Umgebung auf engstem Raum zusammen, ist aufeinander angewiesen – da möchte man keinen Streit.

Aber nicht erst seit den völlig inakzeptablen Äußerungen  des russischen Raumfahrtchefs Dmitrij Rogosin, der der Ukraine »ein für alle Mal« ein Ende setzen will, muss man sich fragen, wie lange man mit diesem Russland und seinen Vertretern tatsächlich noch auf die bewährte Weise zusammenarbeiten kann und sollte.

Die neuerliche Provokation schürt Skepsis. Zur Erinnerung: Artemjew, Matwejew und Korsakow waren diejenigen, deren gelb-blaues Outfit beim Flug zur Raumstation im März aufgefallen war. Für kurze Zeit war das als subtile Solidaritätsbekundung mit der Ukraine gedeutet worden. Kurze Zeit später hatte der Kreml Artemjew dann bereits klarstellen lassen: »Eine Farbe ist einfach eine Farbe. Sie ist in keiner Weise mit der Ukraine verbunden.«

Womöglich ist die Flaggenshow auch auf Wunsch von ganz oben zustande gekommen. Spricht man doch bei Roskosmos im Begleittext zu den Bildern extra von der »Befreiung« der betreffenden Territorien. Dass die drei Raumfahrer nun mit den Hoheitszeichen dieser Möchtegernstaaten posieren, hat womöglich mehr dem Befolgen von Befehlen zu tun als mit persönlicher Überzeugung. Raumfahrer sind am Ende auch nur Staatsangestellte, die im Zweifelsfall tun müssen, was man ihnen sagt. Gerade in einem totalitären System.

Aber kann der Westen ein weiteres Mal so tun, als wäre nichts passiert? Ex-Astronaut Kelly hat dazu eine klare Haltung. Im gleichen Gespräch  wurde er übrigens gefragt, ob die Nasa die Raumstation nicht doch ohne Hilfe der russischen Technik in einem stabilen Orbit halten könne. Seine Antwort: »Es wäre wirklich sehr, sehr schwer. Aber ich denke, die Nasa ist großartig darin, sehr, sehr schwere Dinge zu tun.«

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