Weltraum-Müll US-Militär will Satelliten-Kontrolle ausweiten

Weltraumschrott wird zu einer immer größeren Gefahr für Satelliten und Raumfahrer. Die USA wollen jetzt die Überwachung im All verstärken, um Kollisionen zu verhindern. Unklar ist aber, woher Geld und Personal kommen sollen - und ob die Betreiber geheimer Spionagesatelliten mitspielen.


Colorado Springs/Darmstadt - Das US-Verteidigungsministerium will in Zukunft alle manövrierfähigen Satelliten auf ihren Bahnen um die Erde erfassen. Dusty Tyson, Chef des National Security Space Office (NSSO) erklärte, ab Anfang Oktober werde man etwa 800 Satelliten im Blick haben, um Zusammenstöße künftig zu verhindern. Zurzeit würden nur etwa 300 Satelliten überwacht.

Im Februar waren ein abgeschalteter russischer Orbiter und ein noch funktionsfähiges US-Modell zusammengestoßen. Der Betreiber des US-Satelliten, die Firma Iridium, hatte später erklärt, keine Warnungen erhalten zu haben. Vor einer Woche habe eine Expertengruppe im Pentagon entschieden, die Satelliten-Überwachung auszuweiten, sagte Tyson. Man arbeite nun mit Nachdruck an der Umsetzung.

Das Projekt stelle das Pentagon aber noch vor Probleme. Zum Beispiel müssten Verträge mit den Satellitenbetreibern geschlossen und Haftungsfragen geklärt werden. Auch Kosten und Finanzierung des Vorhabens seien noch offen. Das Weltraumkommando der US-Luftwaffe habe nicht genügend Personal, um den arbeitsintensiven Auftrag auszuführen. Man erwäge daher auch die Beteiligung Chinas und Russlands an dem Vorhaben. Wie Moskau und Peking reagieren werden, muss sich allerdings noch zeigen. Schließlich verfügen beide Länder wie die Amerikaner über eigene Spionagesatelliten - und deren Positionen sollen vermutlich so geheim wie möglich bleiben.

Doch es gibt weitere mögliche Partner: Auch die Europäer planen, ein eigenes Erkennungssystem für Weltraummüll aufzubauen (siehe Fotostrecke). Bei der Esa in Darmstadt treffen sich derzeit zahlreiche Fachleute. Esa-Experte Heiner Klinkrad ließ zum Auftakt des Kongresses am Montag keinen Zweifel daran, dass die Zeit drängt. Selbst wenn es jetzt zu einem totalen Stopp der Raumfahrt käme, könnten die noch vorhandenen Teile im All immer wieder miteinander kollidieren und einen "Trümmerring um die Erde" ziehen, warnte Klinkrad.

Hunderttausende potentiell gefährliche Trümmer

Experten haben ausgerechnet, dass im All 600 Tonnen Material vorhanden sind. 600.000 Teile sind größer als ein Zentimeter, 150 Millionen haben die Größe von etwa einem Millimeter. Das mag klein und ungefährlich erscheinen, ist es aber nicht: Da die Teile im Orbit mit bis zu 50.000 Kilometern pro Stunde unterwegs sind, können selbst winzige Trümmerstücke beim Aufprall enorme Kräfte entfalten. "Objekte, die größer als ein Zentimeter sind, durchschlagen dann jede Satellitenwand", sagte Carsten Wiedemann von der Technischen Universität Braunschweig.

Satellitenkollisionen wie die vom Februar, bei denen zahlreiche neue Bruchstücke entstehen, vergrößern das Problem immer weiter. Das Horrorszenario ist das sogenannte Kessler-Syndrom: Durch einen Schneeballeffekt nimmt die Zahl der Kollisionen so stark zu, dass alle Satelliten nach und nach getroffen werden und ausfallen. Auch menschliche Vorstöße ins All wären dann zu gefährlich.

Aus Angst vor Weltraummüll muss etwa die Internationale Raumstation ISS immer wieder Ausweichmanöver fliegen, zuletzt gleich zweimal hintereinander. Auch Satellitenbetreiber müssen öfters leichte Korrekturen an den Bahnen ihrer Orbiter vornehmen, um Zusammenstöße zu vermeiden.

Esa-Experte Klinkrad appellierte an das Gewissen der Raumfahrt-Nationen: Am besten wäre es, wenn im All gar kein Müll zurückbleibe. "Nationalparksystem" nennt er das. Denn dort nehme auch jeder seinen Dreck wieder mit.

chs/dpa/Reuters/AFP

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