Weltraumteleskop Nasa entscheidet über Leben oder Tod von "Hubble"

Die US-Raumfahrtbehörde Nasa steht kurz vor einer der wichtigsten Entscheidungen seit Jahren: Am Dienstag gibt Nasa-Chef Griffin bekannt, ob das "Hubble"-Weltraumteleskop repariert wird oder verglühen muss. Es gibt schon erste Anzeichen, wie die Wahl ausfallen wird.


Im Januar 2004 sagte die Nasa den lange geplanten Reparaturflug zum "Hubble"-Teleskop ab - und löste einen globalen Sturm der Entrüstung aus: Zahlreiche Wissenschaftler ließen die berufsübliche Zurückhaltung fahren und machten sich vehement für eine Rettung des Observatoriums stark, Weltall-Enthusiasten und Amateurastronomen begruben die Nasa unter einem Berg von Bittbriefen.

Kurz darauf wurde Michael Griffin neuer Direktor der Raumfahrtbehörde - und setzte die Entscheidung zum kontrollierten Absturz von "Hubble" erst einmal aus. Die endgültige Entscheidung, ob die defekten Kreiselstabilisatoren und die Batterien des Teleskops von Astronauten ausgetauscht werden, falle nach dem Neustart des Space-Shuttle-Programms, kündigte Griffin an.

Inzwischen sind die Raumfähren "Discovery" und "Atlantis" insgesamt dreimal geflogen und haben damit die Zwangspause, die seit dem Absturz der "Columbia" im Februar 2003 galt, beendet. Am Dienstag soll nun die endgültige Entscheidung über die Zukunft von "Hubble" fallen.

"Rockstar der Astronomie"

Die Terminankündigung der Nasa liest sich zunächst vielversprechend: Für 20.30 Uhr deutscher Zeit ist eine Pressekonferenz angesetzt - "mit den Astronauten, die die Mission durchführen würden". Allerdings gelte dies nur für den Fall, dass zuvor grünes Licht für die Reparatur gegeben werde.

Am Freitag hatte ein Nasa-Sprecher betont, dass Griffin seine Entscheidung erst am Wochenende fälle. Der Nasa-Direktor steht vor einer schwierigen Wahl: Die Aufgabe des "Hubble"-Teleskops - laut Washington Post der "Rockstar der Astronomie" - wäre sowohl in der Forschergemeinde als auch in der Öffentlichkeit extrem unpopulär. Eine bemannte Reparaturmission aber birgt immer ein Risiko für die Astronauten. Aus diesem Grund hatte Griffins Vorgänger Sean O'Keefe, damals noch unter dem Eindruck des "Columbia"-Unglücks, den Reparaturflug abgesagt.

"Jeder Wissenschaftler der Welt und die Öffentlichkeit warten gespannt auf diese Entscheidung", sagte Mario Livio vom Space Telescope Science Institute in Baltimore, der wissenschaftliche Leiter des "Hubble"-Teleskops. "Ich bin vorsichtig optimistisch, aber es gibt viele Faktoren." Im Nasa-Terminplan ist für Februar 2008 ein Flug zu "Hubble" vorgesehen. Mitarbeiter der Behörde haben aber betont, dass er eher als Platzhalter zu verstehen ist und keine Entscheidung vorwegnimmt.

Griffin selbst hat immer wieder betont, dass er das Weltraum-Observatorium für eines der erfolgreichsten wissenschaftlichen Instrumente aller Zeiten halte und gerne eine Reparaturmission anordnen würde. "Wenn es auf eine sichere Art möglich ist, wollen wir es tun", sagte Griffin im September nach der Landung des Space Shuttles "Atlantis". Andererseits hätten der "Columbia"-Absturz und die anschließende komplette Überarbeitung der Space Shuttles auch "ein neues Verständnis über die Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit" der Raumfähren mit sich gebracht.

Angst um das Leben der Astronauten

Die Nasa will die alternden Raumfähren im Jahr 2010 aufs Altenteil schieben - und bis dahin die Internationale Raumstation (ISS) fertigstellen. Eine Reparaturmission zum "Hubble"-Teleskop könnte diesen ohnehin schon straffen Zeitplan durcheinanderbringen. Zudem fungiert die ISS auch als Rettungsboot für die Shuttle-Besatzung, sollte bei einem der Flüge etwas schiefgehen. Bei einem Trip zu "Hubble" wäre die Raumstation im Notfall unerreichbar, da sie die Erde in einer weit entfernten Umlaufbahn umkreist.

Sollte Griffin die Reparatur des Teleskops anordnen, könnten sich Wissenschaftler auf Fotos in nie dagewesener Qualität freuen. Denn am Boden warten seit Jahren zwei neue leistungsfähige Instrumente, die eigens für "Hubble" gebaut wurden.

Die neue "Wide Field Camera 3" würde laut Livio mit Beobachtungen im Bereich des infraroten und ultravioletten Lichts neue Erkenntnisse über die Frühzeit des Universums ermöglichen. Der "Cosmic Origins Spectrograph" würde sogenannte Baryonen, die zu den Bausteinen von Atomen zählen, untersuchen können. Die beiden Instrumente haben ungefähr 200 Millionen Dollar (157 Millionen Euro) gekostet und wären wahrscheinlich Edelschrott, wenn sie nicht im "Hubble"-Teleskop verbaut werden.

Sollte das Observatorium im Orbit dagegen nicht repariert werden, rechnen Experten mit einem kontrollierten Absturz im Jahr 2008 oder 2009. Der geplante Nachfolger, das James-Webb-Teleskop, soll jedoch erst 2013 in die Umlaufbahn geschossen werden.

mbe



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