Wettlauf im Weltraum Die Wiederentdeckung des Mondes

Der Mond fasziniert die Menschen seit Jahrtausenden, für die moderne Wissenschaft aber schien der Erdtrabant seinen Zauber verloren zu haben. Jetzt aber entdecken Forscher in aller Welt den Erdtrabanten neu - und hoffen durch die Entschlüsselung seiner Geschichte auf Erkenntnisse über die Entstehung der Erde.


Der Mond: Forscher erhoffen sich durch eine akribische Erforschung Rückschlüsse auf die Geschichte der Erde
REUTERS

Der Mond: Forscher erhoffen sich durch eine akribische Erforschung Rückschlüsse auf die Geschichte der Erde

Bernard Foing pustet sanft über die Innenfläche seiner Hand, lächelt stolz und sagt: "Das ist die Kraft, die uns zum Mond bringen wird." Der 46-jährige Franzose, Physiker bei der "European Space Agency" (Esa) im niederländischen Noordwijk, koordiniert Europas erste Fahrt zum Erdtrabanten: Sein Team schickt ein "Smart-1" getauftes, unbemanntes Fluggerät los, den Mond zu umrunden und dabei genauer auszukundschaften, als es je zuvor gelungen ist.

In "Smart-1" schlägt ein winziges, aber höchst kraftvolles Herz: der Ionenantrieb. Dieses neuartige Triebwerk, das von außen einer Fernsehröhre gleicht, benötigt nicht mehr Strom als ein normaler Föhn, wird "Smart-1" aber fast 400.000 Kilometer weit bis in den Mondorbit führen. Anders als übliche Raketen verfeuert es keine chemischen Brennstoffe, sondern stößt bloß einen dünnen, blau schimmernden Strahl elektromagnetisch beschleunigter Ionen des Edelgases Xenon aus. Der so erzeugte Schub entspricht zwar nur der Gewichtskraft einer Postkarte; dafür reicht der Treibstoff jahrelang.

Ganz langsam soll "Smart-1" so in einer Spiralbahn an den Mond heranschweben: Erst Anfang 2005, etwa 16 Monate nach dem Start, wird die Sonde ihr Ziel erreichen, den Trabanten ein bis anderthalb Jahre lang umrunden und währenddessen ihr Reisetagebuch zur Erde funken: Daten über das genaue Höhenprofil und über die Geochemie des Mondes. Das weitere Schicksal von "Smart-1" steht noch nicht fest: Genügt der Brennstoff, werden die Esa-Forscher versuchen, die Sonde auf eine stabile Umlaufbahn im Mondorbit zu lenken - andernfalls wird sie im Staub zerschellen.

"Von dem Territorium, das 'Smart-1' erkunden wird, wissen wir auch 30 Jahre nach der ersten Mondlandung noch erstaunlich wenig", sagt Foing. Denn die Apollo-Astronauten hätten stets nur winzige Ausschnitte der Mondoberfläche untersucht. Daraus auf die geologische Struktur des Mondes schließen zu wollen gleiche dem Versuch, die Beschaffenheit der Erde allein anhand von Sandproben aus der Sahara zu erklären. "Smart-1" werde nun die erste detaillierte Karte der Gesteinsformationen des gesamten Mondes zusammenstellen.

Eines ihrer wichtigsten Werkzeuge dabei ist die Digitalkamera "AMIE", nur 450 Gramm schwer und klein wie ein Feldstecher, aber so lichtstark und hochauflösend, dass sie sogar die zurückgelassenen Landegestelle der Apollo-Raumfähren registrieren könnte. Was aber ist das für eine Welt, die unter AMIEs elektronischem Auge vorbeiziehen wird? Als "großartige Trostlosigkeit" hat sie Edwin Aldrin, einer der beiden ersten Mondpioniere, beschrieben: ein Wüstenreich, viermal so groß wie die Sahara, gespickt mit den Wundkratern eines Jahrmillionen andauernden Meteoritenhagels, zernarbt von kilometertiefen Rillen, den Relikten glühender Lavaflüsse.

US-Astronaut Aldrin auf dem Mond: "Großartige Trostlosigkeit"
DPA

US-Astronaut Aldrin auf dem Mond: "Großartige Trostlosigkeit"

Kein Windhauch und keine Wolke ziehen hier über die Hänge - denn die Anziehungskraft des Mondes reicht nicht aus, um eine komplexe Atmosphäre festzuhalten. Eine hauchdünne Gashülle gibt es zwar, aber sie ist 100 Milliarden Mal schwächer als jene der Erde und enthält keinen Sauerstoff, sondern vor allem Edelgase. Zudem schwebt sie nur knapp über dem Boden.

Dieser Gasmantel vermag, anders als die Erdatmosphäre, die Landschaft nicht vor Meteoriteneinschlägen zu schützen. Und weil auch das Magnetfeld des Mondes sehr schwach und überaus löchrig ist, fegen zusätzlich noch Sonnenstürme, gewaltige Ströme elektrisch geladener Teilchen, ungebremst über die Felswüste - und zermürben das Gestein. Schallwellen hingegen können sich in dem nahezu leeren Raum nicht ausbreiten. Und so verpuffen selbst die heftigsten Meteoritentreffer ohne einen Laut. Weil sich der Mond nur langsam dreht, brennt die Sonne stets zwei Wochen lang auf die leblosen Täler und Berge nieder; das Gestein erhitzt sich dabei bis auf 130 Grad Celsius.

Esa-Forscher Foing: "Die Kraft, die uns zum Mond bringen wird"

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In der folgenden, zwei Wochen währenden Nacht hingegen sinkt die Temperatur bis auf 160 Grad unter dem Gefrierpunkt. In einigen besonders tiefen Kratern, in die nie ein Sonnenstrahl bis zum Boden vordringt, herrscht gar ewige Kälte. Im 2600 Kilometer breiten Aitken-Becken am lunaren Südpol etwa haben Raumsonden eine Temperatur von minus 233 Grad gemessen - womit der größte Einschlagskrater auf dem Mond zugleich als einer der kältesten Plätze im gesamten Sonnensystem gilt. Dort, am Südpol, wird die "Smart-1"-Sonde besonders genaue Messungen vornehmen. Denn in den Tiefen des Aitken-Beckens vermuten die Esa-Forscher Wassereis - was eine entscheidende Voraussetzung für eine spätere Mondsiedlung wäre.

Ungefähr vor 4 bis 3,8 Milliarden Jahren muss der heftigste Meteoritensturm verebbt sein. Seither hat auch die Kraft des Vulkanismus nachgelassen. Und heute registrieren die von Apollo-Astronauten auf dem Mond zurückgelassenen seismographischen Sonden nur noch hin und wieder schwache, von der Erdgravitation ausgelöste Beben in Lunas Bauch.

Der Mond ist eine stille, in der Zeit erstarrte Welt; aber er birgt das Erbe einer turbulenten Epoche aus der Frühzeit unseres Sonnensystems. Während die Spuren davon auf der Erde längst durch Erosionskräfte verwischt worden sind, hat der Mond sie in seiner Wüstenwelt gebannt. Anhand der lunaren Gesteinsstrukturen können Wissenschaftler nun beispielsweise hochrechnen, in welchem Abstand auch auf der Erde katastrophale Meteoriteneinschläge auftreten wie jener, der womöglich vor 65 Millionen Jahren die Dinosaurier ausgelöscht hat.

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