Kosmodrom Wostotschnij Putins Weltraumbahnhof hat ein Problem

Das Kosmodrom in Sibirien ist ein Prestigeprojekt von Wladimir Putin. Nun soll die erste Rakete starten. Doch es wird noch Jahre dauern, bis Menschen von hier ins All fliegen.

Weltraumbahnhof Wostotschnij
Roskosmos

Weltraumbahnhof Wostotschnij


Früher warteten hier Atomraketen in unterirdischen Silos auf den Einsatzbefehl. Jetzt entsteht auf dem ehemaligen Gelände der Strategischen Raketentruppen der UdSSR der erste zivile nationale Weltraumbahnhof Russlands. Wostotschnij liegt weit im Osten des Landes an der chinesischen Grenze. Nun soll der erste Teil des Kosmodroms mit dem Start einer Sojus-Rakete eingeweiht werden.

Der Träger steht schon seit Samstagfrüh auf der funkelnagelneuen Rampe. Derzeit arbeiten die Startmannschaften daran, ihn startklar zu machen. Sie tun das zum ersten Mal quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Denn um die Rakete vor Wind, Regen und im Winter vor der sibirischen Kälte zu schützen, wird sie jetzt von einem gewaltigen 50 Meter hohen Turm umhüllt.

Dabei handelt es sich um das Pendant einer ähnlichen Anlage, die für die Sojus-Startrampe auf dem europäischen Weltraumbahnhof in Kourou (Französisch-Guyana) entwickelt wurde. Der dortige Turm schützt das empfindliche Gerät vor dem heftigen Tropenregen.

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Wostotschnij: Kosmodrom im Osten Russlands

Mit dem Prestigeobjekt von Präsident Wladimir Putin will sich Russland auf dem eigenen Territorium einen unabhängigen Zugang zum All sichern. Bislang starten seine Raketen und Raumschiffe nämlich vor allem vom Kosmodrom Baikonur, das nach dem Zerfall der UdSSR in Kasachstan liegt.

Erster Schritt zur Unabhängigkeit

Eigentlich sollte das neue Kosmodrom bereits Ende Dezember eröffnet werden. Doch die Bauarbeiten waren in Verzug geraten , und Putin erlaubte es deshalb, den Termin auf "irgendwann im Frühling" zu verschieben. Sein heimlicher Wunsch, dass der Prestigebau wenigstens zum 12. April fertig würde, erfüllte sich nicht. An diesem Tag stahlen ausgerechnet Stephen Hawking und Mark Zuckerberg Putin die Show. Am 55. Jahrestag des Flugs von Jurij Gagarin ins All kündigten sie die Erforschung von Flügen zu den Sternen an .

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Nun ist es auch in Wostotschnij so weit. Ursprünglich war der Start für Mittwochmorgen angesetzt, inzwischen wurde er auf Donnerstag verschoben. Dann soll die Sojus-Rakete, an deren Nutzlastverkleidung ein Porträt des Weltraumpioniers prangt, drei Wissenschaftssatelliten in die Umlaufbahn schießen. Sie wurden von Studenten aus Moskau und Samara gebaut. Die junge Generation sei willens und bereit, den Raumfahrtstaffelstab in die Zukunft zu tragen, lautet die Botschaft.

Keine bemannten Sojus-Starts

Die Erwartung Putins, dass Wostotschnij Russland in absehbarer Zeit in die Lage versetzt, alle seine Weltraumraketen und Raumflugkörper zu jeder Zeit von seinem eigenen Territorium ins All zu bringen, bleibt aber vorerst ein frommer Wunsch.

Denn wie sich inzwischen herausgestellt hat, dürfen von hier aus Sicherheitsgründen gar keine bemannten Raumschiffe zur Internationalen Raumstation ISS starten. Die Flugbahn führt nämlich in der Aufstiegsphase über das Ochotskische Meer, die Halbinsel Kamtschatka und den Pazifik.

Und da die Sojus-Kapseln für die Landung auf festem Boden konzipiert wurden, sind sie wenig seetauglich. Experten befürchten denn auch, dass sie im Fall einer Notwasserung untergehen, bevor die Bergungsmannschaften zur Stelle sind.

Deshalb wird inzwischen die einstige Option, ab 2018 hier auch bemannt mit der Sojus zu starten, mit keinem Wort mehr erwähnt.

So bleiben für die Sojus-Raketen auf dem neuen Kosmodrom nur noch die anderen Nutzlasten bis zu rund acht Tonnen. Nach einer gewissen Anlaufzeit sind ab 2018 etwa zehn Starts pro Jahr geplant. 2020 soll dann der Normalbetrieb beginnen.

Baikonur vorerst unverzichtbar

Für Russland und seine ISS-Partner bedeutet das, dass Baikonur mindestens bis 2023 ihr einziger Startplatz bleibt. Erst für dieses Jahr ist nach den derzeitigen Vorstellungen der erste bemannte Start des neuen Raumschiffes Federazija mit der neuen Angara-5P-Trägerrakete in Wostotschnij vorgesehen. 2021 soll der neue Träger das erste Mal unbemannt abheben.

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Russische Raumfahrt: Mit Staatskonzern aus der Krise

Doch bis dahin wird noch viel Zeit vergehen. Denn bisher ist noch nicht einmal klar, wo der Startkomplex für die Angara-Baukastenraketenfamilie in Wostotschnij entstehen soll. Die Entscheidung darüber soll im Sommer fallen.

Zugleich muss man auch nach einem neuen Generalauftragnehmer dafür suchen. Denn der alte, Spezstroj Rossii, wurde inzwischen in die Wüste geschickt. Man wirft ihm Schlamperei, Betrug und Korruption in großem Stil vor. Mehrere Köpfe sind schon gerollt, und bei der Generalstaatsanwaltschaft sind rund 20 Ermittlungsverfahren anhängig. Mit dem Bau der Angara-Rampe beginnt in Wostotschnij dann die zweite Etappe des 2,6-Milliarden-Euro-Projekts.

Damit muss auch die schwere Proton-Trägerrakete, die von der Angara abgelöst werden soll, vorerst noch viele Jahre weiter in Baikonur ihren Dienst tun, und das sehr zum Verdruss der Kasachen. Denn die Rakete fliegt mit hochtoxischem Hydrazin. Da es in den vergangenen Jahren mehrfach zu Havarien gekommen ist, hat Kasachstan den Russen nicht nur saftige Rechnungen für die Beseitigung von Umweltschäden präsentiert, sondern auch das Versprechen abgerungen, die Starts in Baikonur spätestens 2020 einzustellen. Sicher ist auch das noch nicht das letzte Wort.

Im Lichte all dieser Umstände fügt es sich für Russland wenigstens gut, dass es Baikonur für jährlich 115 Millionen Dollar bis zum Jahr 2050 von Kasachstan gepachtet hat.

insgesamt 70 Beiträge
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Herkules67 26.04.2016
1. ... im Osten nichts Neues........
... erinnert mich an den BER in Berlin-BRB, schätze mal, der Weltraumflughafen geht 2030 in Betrieb, wenn Russland dann solange noch Geld zum Bauen hat...........
pb-sonntag 26.04.2016
2.
Hahaahhaaaa, da klopfen sich bestimmt die Versagen vom Berlin-Brandenburg-Flughafen auf die Schenkel in zeigen nach Russland: Der Putin bekommt ja nichts fertig. Ich nehme an, dass da eher Menschen ins Weltall fliegen, als irgendeiner von diesem Berliner Flughafen.
klumpescheel 26.04.2016
3. reines Prestigeobjekt
Der neue Weltraumbahnhof hat noch einen gravierenden Nachteil: Er liegt zu weit nördlich. Ideale Startplätze liegen in Äquatornähe, da man dann beim Start die Erdumdrehung nutzen kann. Dummerweise haben die Russen aber niemals Kolonien in den Tropen gehabt wie die Franzosen in Surinam, und in einem Wüstenstaat für viel Erlaubnisgeld solch eine Einrichtung auf fremden Boden zu bauen ist offenbar auch nicht im Sinne der nationalbewußten Russen. So blieb nur der jetzige Standort, der sehr nach einer Fehlplanung aussieht.
viceman260 26.04.2016
4. wenn man das so liest,
kann ich nur an deutsche stümper/korruption und unfähigkeit beim ber denken. die russen werden mit ein paar monaten verspätung starten. in berlin werden wohl niemals flugzeuge starten oder gar millionen fluggäste abgefertigt werden. aber die deutschen Schreiberlinge träumen immer noch von der 'deutschen überlegenheit'...
friedenspfeife 26.04.2016
5. Irgendwie hoert man selbst
bei wissenschaftlichen Themen eine gewisse Haeme in den Spon-Artikeln. OK, das mit den Fertigstellungstermin hat nicht geklappt- aber das die USA dieses Jahr gerade einen Vertrag ueber die Lieferung von 20 Raketenmotoren aus russischer Produktion unterschreiben mussten, da sie selber nicht in der Lage sind solche Motoren herzustellen, wird sanft unterschlagen. Wann kapiert man, das es ohne die Russen nicht geht?
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