X-Flugzeuge Zerplatzte Träume vom Orbital-Bomber

In den sechziger Jahren schien der technische Fortschritt keine Grenzen zu kennen. Die X-Flugzeuge der USA knackten reihenweise Rekorde, brachten Testpiloten bis an die Grenze zum All - und waren auch als nukleare Bomber im Gespräch. Doch Kennedys Mondprogramm durchkreuzte die Pläne der Militärs.


X-15 unter dem Flügel eines B-52-Bombers: Mach 6 und neuer Höhenrekord von 108 Kilometern
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X-15 unter dem Flügel eines B-52-Bombers: Mach 6 und neuer Höhenrekord von 108 Kilometern

Wie kann der Mensch die irdische Schwerkraft überwinden und in den Weltraum vorstoßen? Sollen Raketen oder neuartige Flugzeuge den Weg in den Orbit bahnen? Neben diesen technischen Details stand in den USA der fünfziger Jahre noch eine weitere Frage im Raum: Wer darf den absehbaren Ruhm der kommenden Pioniertaten ernten? Zivilisten oder Militärs?

Bereits 1954 waren in den Vereinigten Staaten Pläne für ein neues Forschungsflugzeug ausgearbeitet. Die "X-15", so der Name des schwarzen Jets, sollte unter den Flügeln eines B-52-Bombers in zwölf Kilometer Höhe geschleppt werden und nach dem Ausklinken ihren Raketenantrieb zünden. Die Ingenieure wollten endlich wissen, wie sich Flugzeug und Pilot beim flotten Raumfahrttempo verhielten. Die Rekordmarke lag damals bei Mach 3, also der dreifachen Schallgeschwindigkeit. Der neue X-Flieger sollte die Marke bei weitem übertreffen.

Schon während des Baus der X-15 nahm in den Köpfen der Konstrukteure das Nachfolge-Projekt Gestalt an. Das nächste Raketenflugzeug, Arbeitstitel X-20, sollte kein schnödes Höhenflugzeug mehr sein. Der fünf Tonnen schwere Deltaflügler mit einem Piloten als Besatzung war als echtes Raumschiff konzipiert. Eher spärlich fiel allerdings die vorgesehene Nutzlast aus: Mehr als 450 Kilogramm waren nicht drin.

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Halb Rakete, halb Flugzeug: Die X-Flieger

Bei der Auslegung der X-Flieger stützten sich die Konstrukteure auf Vorarbeiten des Österreichers Eugen Sänger. Sein "Silbervogel" war eine von Hitlers "Wunderwaffen", die das Reich der Theorie nie verlassen hatten. Allerdings stimulierte Sängers Projektbericht aus dem Jahr 1944 im Nachkriegs-Amerika die Flugzeugbauer, wie später John V. Becker vom X-15-Programm bekannte. "Sängers Bericht bewirkte weitere Studien in den USA mit Modifikationen und Erweiterungen des Sänger-Konzeptes. Diese Arbeiten bildeten die Basis für unsere X-15".

Teures Raketenspielzeug

Die Feuertaufe des neuen Höhenflugzeugs fand 1959 statt. Piloten der Air Force und der neu gegründeten zivilen Weltraumbehörde Nasa brachen einen Rekord nach dem anderen. Nicht nur den Maschinen, sondern auch Testpiloten wurde in den fast 200 Flügen einiges abverlangt. Unter ihnen waren spätere Berühmtheiten wie etwa Neil Armstrong, der 1969 als erster Mensch den Mond betrat. Während Mediziner besorgt registrierten, wie der Puls der Piloten bisweilen auf 185 hochschnellte, jagten Armstrong und seine Kollegen den Jet bis an die Grenze des Weltalls. Im Jahr 1963 setzten sie mit 108 Kilometern einen neuen Höhenrekord.

Doch während an Bord der X-15 bei Mach 6 auf die Tube gedrückt wurde, geriet ihr Nachfolger in Schwierigkeiten. Die Air Force hatte Probleme zu erklären, wofür das teure X-20-Spielzeug eigentlich gut sein sollte.

Anfangs war vom Weltraum-Bomber die Rede. "Dyna Soar", so der Beiname der X-20, könne an der Spitze einer umgebauten Interkontinentalrakete in eine suborbitale Bahn gebracht werden und die UdSSR überfliegen. Eine günstige Position für den Abwurf von Wasserstoffbomben - meinte die Air Force.

Doch waren Interkontinentalraketen für bemannte Missionen nicht konzipiert. Eine Vielzahl von Sicherheitsproblemen war zu befürchten. Schließlich ließ ein unabweisbares Argument die Bomber-Idee platzen: Mit unbemannten Interkontinentalraketen würde sich der sowjetische Gegner für einen Bruchteil der Kosten nuklear bombardieren lassen.

Die Mondrakete war wichtiger

Nun sollte ein neues Betätigungsfeld das angeschlagene Projekt retten: "Dyna Soar" wandelte sich zum Aufklärungs-Orbiter. Nichts im Sowjetreich sollte seinen Hightech-Spionagekameras entgehen. Zum Leidwesen der Air Force rief auch diese Idee Zweifler auf den Plan. Unbemannte Spionagesatelliten, so ihr Argument, könnten die kommunistische Konkurrenz ebenso gut im Auge behalten.

War überhaupt ein neues Transportsystem nötig? Satellitenstarts funktionierten mittlerweile recht zuverlässig mit den verfügbaren Raketen, und die bemannte Raumfahrt hatte alle Hände voll zu tun, die ambitionierte Mond-Vision von Präsident John F. Kennedy zu verwirklichen. Alle Kräfte mussten dazu auf das Apollo-Programm und die riesige Mondrakete konzentriert werden.

Im Dezember 1963 kam das Aus für die X-20, ein halbes Jahr vor der geplanten Fertigstellung der ersten Maschine. Die "Dyna Soar", rein akustisch kaum vom englischen Wort für Dinosaurier zu unterscheiden, starb aus, bevor sie zum ersten Flug ansetzen konnte. Die Raketen hatten das Rennen ins All gewonnen - und die Militärs neiden bis heute den Nasa-Astronauten ihren Ruhm.



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