IPCC-Berichtsentwurf Weltklimarat warnt vor »irreversiblen« Folgen bei Erderwärmung von über 1,5 Grad

Sollte die Menschheit das Ziel des Pariser Klimaabkommens verfehlen, würde dies nach Einschätzung des Weltklimarates unwiderrufliche Folgen haben. Die Gefahren im Überblick.
Niedergebrannter Wald im indonesischen Meulaboh (Archiv)

Niedergebrannter Wald im indonesischen Meulaboh (Archiv)

Foto: Nurul Fahmi / SOPA Images / LightRocket / Getty Images

Mehr Hitzewellen, mehr Hunger, überschwemmte Küstenorte, Artensterben – ein Verfehlen des 1,5-Grad-Ziels des Pariser Klimaabkommens hat nach Einschätzung des Weltklimarates IPCC »irreversible Auswirkungen auf Menschen und ökologische Systeme«. Im Entwurf zu einem IPCC-Bericht, der der Nachrichtenagentur AFP vorliegt, gehen die Experten davon aus, dass eine Erderwärmung um zwei Grad 420 Millionen Menschen zusätzlich dem Risiko von Hitzewellen aussetzt.

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Zudem sieht der Entwurf bis zum Jahr 2050 eine Hungergefahr für acht bis 80 Millionen zusätzliche Menschen. Das Ausmaß dieses Risikos sei abhängig von der Entwicklung der Treibhausgasemissionen, heißt es weiter. Schon in den vergangenen 30 Jahren hat der Klimawandel den Angaben zufolge einen globalen Ernterückgang um vier bis zehn Prozent verursacht – in Afrika und Südamerika ist der Rückgang noch deutlicher. Auf die weiteren bevorstehenden Veränderungen ist die Welt den IPCC-Experten zufolge schlecht vorbereitet.

Der Zusammenbruch ganzer Ökosysteme, Wasser- und Lebensmittelknappheit und Krankheiten als Folgen der Erderwärmung werden dem Berichtsentwurf zufolge in den kommenden Jahrzehnten immer schneller zunehmen – selbst wenn es den Menschen gelingen sollte, ihren Treibhausgasausstoß zu reduzieren. Dabei sei der Mensch letztlich der größte Leidtragende der von ihm selbst verursachten Krise.

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Schwerwiegende globale Folgen für Mensch und Natur

»Das Leben auf der Erde kann sich von einem drastischen Klimaumschwung erholen, indem es neue Arten hervorbringt und neue Ökosysteme schafft«, heißt es weiter in der 137-seitigen technischen Zusammenfassung des Entwurfs. »Menschen können das nicht.«

Die Erde hat sich seit dem vorindustriellen Zeitalter um 1,1 Grad erwärmt. Das Pariser Abkommen soll die Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad, möglichst aber auf 1,5 Grad beschränken.

»Das Leben auf der Erde kann sich von einem drastischen Klimaumschwung erholen, indem es neue Arten hervorbringt und neue Ökosysteme schafft. Menschen können das nicht.«

IPCC-Berichtsentwurf

Bereits für eine Erwärmung um zwei Grad zeichnet das IPCC-Papier schwerwiegende globale Folgen für Mensch und Natur. Derzeit steuert die Erde jedoch auf eine Erwärmung um rund drei Grad zu.

»Das Schlimmste kommt erst noch und wird das Leben unserer Kinder und Enkel viel mehr betreffen als unseres«, heißt es in dem IPCC-Papier. Bis 2050 werden demnach bei einer Erderwärmung von 1,5 Grad rund 350 Millionen Bewohner von Ballungsräumen wegen schwerer Dürren unter Wassermangel leiden. Bei einer Zwei-Grad-Erwärmung wären es sogar 410 Millionen Betroffene.

Besonders stark betroffen: arme Länder

Küstenstädte rückten an die »Frontlinie« der Klimakrise, weil sie immer häufiger von Stürmen getroffen würden, die wegen steigender Meeresspiegel noch gefährlicher seien. »Der derzeitige Stand der Anpassung wird unangemessen sein, um künftigen Klimarisiken zu begegnen«, heißt es in dem Entwurf.

»Das Schlimmste kommt erst noch und wird das Leben unserer Kinder und Enkel viel mehr betreffen als unseres.«

IPCC-Berichtsentwurf

Besonders stark betroffen von den Klimafolgen sind laut Weltklimarat arme Länder. Aber auch Europa werde die Folgen zu spüren bekommen: Die dortigen Schäden durch Überflutungen würden sich bis zum Ende des Jahrhunderts auch bei einem hohen Maß an Anpassungsmaßnahmen deutlich erhöhen, prognostizieren die Berichtsautoren auf Grundlage internationaler Studien.

Die Zahl der Menschen in Europa mit einem hohen klimabedingten Sterberisiko wäre demnach bei einer Erderwärmung um drei Grad dreimal so hoch wie bei 1,5 Grad, insbesondere in Zentral- und Südeuropa. Außerdem dürfte Europa dem IPCC zufolge mit mehr Hilfesuchenden aus Afrika und zunehmend mit von Mücken übertragenen Krankheiten wie Malaria, Dengue oder Zika konfrontiert sein.

Was passiert, wenn die Kipppunkte erreicht sind?

Darüber hinaus weist der Berichtsentwurf auf die Gefahr hin, dass sogenannte Kipppunkte erreicht werden könnten, ab denen eine massive Beschleunigung des Klimawandels nicht mehr aufzuhalten ist – etwa durch das Schmelzen des Eisschildes in Grönland und der Westantarktis oder durch Auftauen des Permafrostbodens.

Dennoch betonen die Berichtsautoren, dass jeder »Bruchteil eines Grads Erwärmung« zähle. Klimaschutzmaßnahmen zahlten sich insbesondere in der zweiten Jahrhunderthälfte aus und könnten die Menschheit vor dem Aussterben bewahren.

»Wir müssen unsere Lebensweise und unseren Konsum neu definieren.«

Aus dem IPCC-Berichtsentwurf

Nötig sei, dass Individuen, Gemeinden, Unternehmen und Regierungen nun einem Konzept der »Klimagerechtigkeit« folgten, mahnen die Autoren. »Wir müssen unsere Lebensweise und unseren Konsum neu definieren.«

Der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) wertet für Entscheidungsträger in aller Welt wissenschaftliche Studien zum Klimawandel aus und formuliert Schlussfolgerungen als Handlungsorientierung für seine rund 195 Mitgliedstaaten. Bei dem rund 4000 Seiten starken Berichtsentwurf handelt es sich um die vorläufigen Ergebnisse der IPCC-Arbeitsgruppe II, welche die Folgen der Erderwärmung beleuchtet.

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Die Endfassung des Berichts, an dem mehr als 700 Fachleute beteiligt waren, soll frühestens im Februar veröffentlicht werden. Zuvor finden im Oktober der UN-Biodiversitätsgipfel und im November die UN-Klimakonferenz statt.

oka/AFP