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INTERNET Weltradio mit Charme

Apples Online-Musikshop macht den Bürgerfunk per Internet populär. Radiofans versorgt das »Podcasting« mit frischen Amateursendungen zum Mitnehmen - und mit viel Audiomüll.
aus DER SPIEGEL 33/2005

Pater Roderick Vonhögen ist ein Mann mit Sendungsbewusstsein. Direkt vom Petersplatz in Rom, »aus dem Herzen der katholischen Kirche«, pflegt Vonhögen seine Hörer mit religiöser Ansprache zu versorgen.

Weilt der umtriebige Gottesmann aus dem niederländischen Utrecht mal nicht in Rom, diskutiert er in seiner Sendung mit Vorliebe die mythologischen und religiösen Symbole bei »Harry Potter« oder den Kampf gegen das Böse in »Star Wars: Episode III«. Dabei gibt sich Vonhögen durchaus selbstironisch: Auf seiner Internet-Seite ist er als Katholik mit weißem Kragen im Scherenschnitt-Stil von Apples iPod-Werbung zu sehen.

»Catholic Insider«, so der Name von Vonhögens Sendung, ist ein sogenannter Podcast, eine Radiosendung aus dem Internet. Rund 8000 solcher Programme haben Radiofans, die »Podcaster«, inzwischen allein in den USA ins Netz gestellt. In Deutschland sind es derzeit über 350 Sendungen, die jeder kostenlos abonnieren und mit der richtigen Software automatisch auf einen tragbaren MP3-Spieler übertragen lassen kann.

»Graswurzelradio« nennen die einen den Bürgerfunk mit digitalen Mitteln. Und tatsächlich erfordert die Produktion eines Podcast kaum mehr als einen Computer mit Internet-Anschluss, im Web kostenfrei erhältliche Software und ein Mikrofon (siehe Grafik). Doch »Podcasting«, eine Wortschöpfung aus dem Namen des populären MP3-Spielers iPod und dem englischen »broadcasting« (senden), ist möglicherweise viel mehr als eine Art Offener Kanal für Computerfreaks: »Ein Trend ist im Gang, der die ganze Radioindustrie umkrempeln könnte«, schreibt etwa die amerikanische »Business Week«. Ohne Lizenzen, Frequenzen oder Sendemasten produzierten ganz normale Menschen Radiosendungen für Tausende Hörer: »Eine ganze Industrie wird umgangen.«

»Podcasts sind der heißeste Trend im Radio«, sagt auch Steve Jobs, Chef des Computerherstellers Apple. Der Konzern hat allen Grund, die Technik über den Klee zu loben. Zwar war es nicht Apple, sondern der Ex-MTV-Moderator Adam Curry, der das Podcasting im vergangenen Jahr populär gemacht hat. Jede Erwähnung des Download-Weltradios wirbt nun jedoch automatisch für Apples MP3-Player.

Ende Juni integrierte das Unternehmen die Technik in seinen Online-Musikshop.

Damit ist die Welt der Podcasts nun auch für Computeranfänger mit wenigen Klicks erreichbar. Kostenlose Audiobotschaften zu fast jedem Thema dringen mittlerweile an die Ohren von mehreren Millionen Podcast-Nutzern weltweit.

»Governor Schwarzenegger's weekly radio address« ist genauso im Netz zu finden wie die Sendung »Word Nerds«, in der drei US-Literaturwissenschaftler über Themen wie den Gebrauch von Nahrungsmittel-Metaphern beim Flirten diskutieren. In den USA hat das Ex-Punker-Ehepaar Dawn und Drew aus Wisconsin Kultstatus erlangt, das in seiner Show schlicht, aber unterhaltsam sein Privatleben verhandelt. Und selbst US-Medienunternehmen wie Disney, Newsweek oder Fox bieten inzwischen Podcasts an. Kein Wunder: Direkt ins Ohr einer jungen, an Technik interessierten Zielgruppe können die Konzerne ihre Shows senden.

Nun hat der Hype auch Deutschland erreicht. Der Selbstversuch indes beginnt mit einer herben Enttäuschung. Denn größtenteils wabert ein Audiomaterial durchs Internet, dessen Qualität kaum an das von Anrufbeantworteransagen heranreicht.

Die Situation erinnert an den Start der ersten sogenannten Blogs: Von einer Revolution des Journalismus war die Rede, als diese elektronischen Tagebücher das Netz zu fluten begannen. Allein, was die vielen Blogger zu sagen haben, ist oftmals kaum der Rede wert. Mit dem Podcasting verhält es sich nicht besser. Einstündige tibetische Meditationen etwa dringen an das Ohr des Testhörers, selbstverständlich ungeschnitten. Dann wieder gilt es, den Ergüssen eines Nebenerwerbtankwarts zu lauschen.

Die Perlen im Audiomüll zu finden erfordert Geduld. Zum Glück gibt es Hitlisten, die dem verirrten Audiowanderer Anhaltspunkte auf digitalen Ohrenschmaus liefern. Wer schließlich fündig wird, beginnt, das Potential der neuen bunten Radiowelt zu erahnen.

Annik Rubens aus München beispielsweise sendet schon seit März dieses Jahres ihre Show »Schlaflos in München«. Allabendlich setzt sich die 29-Jährige in ihrer Wohnung in Schwabing mit Kater »Tiger« vor das Mikrofon und berichtet drei Minuten aus ihrem Leben. »Ich wollte schon immer eine eigene Kolumne machen«, sagt die freie Journalistin. »Hier habe ich die Chance.« Wenn Rubens über den kulinarischen Wert von Cocktailkirschen oder ihr Faible für Feuerwehrmänner plaudert, ist das vollkommen harmlos, aber überaus charmant. Täglich etwa 6000 Hörer hat »Schlaflos in München« inzwischen.

Oder der Podcast »Kino im Kopf« des Studenten Timo Hetzel. Der 25-Jährige schlachtet die Kinosendung »Filmfabrik« des Münchner Lokalsenders M94.5 aus, bei dem er arbeitet. Aus den ohnehin vorhandenen Beiträgen bastelt Hetzel einmal pro Woche etwa zehnminütige Kinotipps. »Normalerweise werden die Radiobeiträge ein oder zweimal gesendet und verschwinden dann im Archiv«, sagt Hetzel. »Als Podcast jedoch sind sie viel länger und für viel mehr Leute verfügbar.«

Schon hat »Kino im Kopf« fast genauso viele Fans wie M94.5 herkömmliche Hörer. »Viele der Leute hören die Sendung zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit in der S-Bahn«, sagt der Student und nennt damit einen der größten Vorteile der Technik. Denn Podcasting ist Radio zum Mitnehmen. Einmal abonniert, fließen die Sendungen fast automatisch auf den MP3-Spieler und können dann unabhängig von Sendezeiten und Empfangsbedingungen jederzeit und überall gehört werden.

Ganz neue Hörergruppen versprechen sich daher auch die etablierten Medien: Die »Tagesschau« kann seit vergangener Woche für den MP3-Spieler abonniert werden. Der Hörbuchanbieter Audible stellt ausgewählte Artikel etwa von »Handelsblatt« und »Zeit« als Hörstücke ins Netz. Südwestrundfunk, Deutschlandfunk und Bayerischer Rundfunk (BR) experimentieren mit dem Konzept. »Unsere zum Teil sehr aufwendig hergestellten Sendungen erreichen ein ganz neues Publikum«, schwärmt Rainer Tief, Multimediachef des BR. Im September will Tief eine Podcast-Offensive starten. Vor allem Buchkritiken, Interviews oder Hörspiele seien ideal geeignet für das »zeitversetzte Hören«.

Den Hörer freut's, liegt doch urplötzlich ein bis dato ungeahntes Audioangebot nur einige Mausklicks entfernt. Lust am Experiment beweisen vor allem die Hobby-Podcaster. Alte Radiotugenden wie die »Atmo«, die Akustikkulisse aus der Wirklichkeit, erleben ihre Wiedergeburt. »Soundseeing« nennt es Thomas Wanhoff, deutscher Podcaster der ersten Stunde, wenn er auf einer Reise per Minimikrofon das Rascheln der Reisfelder auf den Philippinen einfängt oder im deutschen Wald nach Wildschweinen pirscht. Und in »Kobe Beef« lässt Podcaster Terrance Young seine Hörer an der Soundkulisse japanischer Kaufhäuser teilhaben.

Im besten Fall ist Podcasting also Weltradio mit skurrilem Charme. Experten erwarten eine Explosion der Angebote, sollte sich ein Weg finden, auch lizenzierte Musik legal in die Tondateien zu integrieren. Die Werbewirtschaft jedenfalls steht schon in den Startlöchern. Selbst »Podfather« Adam Curry höchstpersönlich hat den unter Podcastern umstrittenen Marketing-Sündenfall begangen. Über seine Internet-Plattform Podshow.com versucht er, Werbekunden für das neue Medium zu interessieren. Nur von kurzer Dauer könnte daher die Phase sein, in der das Stöbern im Podcast-Verzeichnis noch jene Audioschnipsel zutage fördert, in denen sich Dilettantismus und Originalität zu etwas ganz Besonderem vereinen.

Pater Vonhögen allerdings muss sich um seine Zukunft im Podcast-Business wohl keine Sorgen machen. Kaum kann er die Freude verbergen, die ihm seine eigene stetig wachsende Popularität bereitet. Maximal 500 Gemeindemitglieder lauschten dem Katholiken in seiner Erzdiözese Utrecht, bevor er zum »Popecaster« wurde. Jetzt hat Vonhögen bis zu 9000 Schäfchen pro Sendung. PHILIP BETHGE

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