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RAUMFAHRT WG über den Wolken

Gemeinsam errichten 16 Länder das teuerste Bauwerk der Geschichte. Ende dieser Woche wird der erste Teil der Internationalen Raumstation ins All geschossen. Der fliegende Außenposten soll als Forschungslabor dienen. Vor allem ist er eine Jobmaschine für die Raumfahrtindustrie.
aus DER SPIEGEL 47/1998

Die Traumvilla erfüllt alle Wünsche: 13 Zimmer, 1200 Quadratmeter Wohnfläche, unverbaute Lage, freier Blick auf sieben Weltmeere. Der Strom kostet nichts, Solarzellen versorgen das Haus mit Energie.

Nur die schlechte Verkehrsanbindung stört ein wenig, höchstens einmal im Monat legt eine Raumfähre an - das Luxusdomizil soll in der Erdumlaufbahn entstehen. Überirdisch ist auch der Preis: rund 60 Milliarden Mark, ohne Nebenkosten.

Die Bauherren werden es bezahlen können. 16 Länder der Erde, angeführt von Amerika und Rußland, wollen bis zum Jahre 2004 die Internationale Raumstation (ISS) errichten. Deutschland beteiligt sich mit 2,5 Milliarden Mark.

Geplant ist ein Himmelsmonument völlig neuer Dimension: 420 Tonnen schwer, größer als ein Fußballfeld. Wie eine Riesenlibelle wird die ISS in jeweils anderthalb Stunden die Erde umkreisen und am Nachthimmel heller als der hellste Stern, Sirius, erstrahlen.

Seit Jahren streiten die Gelehrten, ob man das Monstrum aus Leichtmetall wirklich bauen sollte. Für die einen ist es das bedeutendste Bauwerk seit den Pyramiden - für die anderen das teuerste Luftschloß aller Zeiten.

Doch nun steht die Grundsteinlegung im All unmittelbar bevor. Das erste Bauelement - von Amerika bezahlt, von Rußland gebaut - trägt den symbolträchtigen Namen »Sarja« (Morgendämmerung). Am Freitag dieser Woche soll eine unbemannte Proton-Rakete die 13 Meter lange Aluröhre in eine Erdumlaufbahn stemmen. Das zylinderförmige Modul wird gleichzeitig Maschinenraum und Steuerzentrale des zukünftigen Riesenraumschiffs sein. Mit ihren Triebwerken, Treibstofftanks und Batterien wiegt sie soviel wie ein Lkw.

Schon zwei Wochen später trifft Besuch von der Erde ein, die Raumfähre »Endeavour« legt an. In der Shuttle-Ladebucht liegt das zweite ISS-Modul namens »Unity« (Eintracht). Es ist als zentrales Verbindungsstück zwischen dem russischen und dem amerikanischen Sektor der Station vorgesehen. Das annähernd würfelförmige Bauteil enthält sechs Luken zum Andocken weiterer Stations-Module.

Ein Roboterkran, so der Fahrplan, hievt den sieben Meter langen Klotz aus der Ladebucht und trägt diesen sachte zur Russen-Röhre hinüber. Dann legen die US-Astronauten Hand an. In zentnerschweren Raumanzügen verlassen sie ihr Gefährt, um die beiden Module zusammenzustöpseln.

Bewohnbar ist der Außenposten im All damit aber noch nicht. Wer haust schon gern im Heizungskeller?

Die möblierten Zimmer der Raumstation können nur einzeln in den Orbit geschossen werden. Stück für Stück werden die bierdosenförmigen Bauelemente dort zu einem immer größeren Gebilde montiert. Das erste Wohn-, Schlaf- und Badezimmer, das russische Service-Modul, soll erst im nächsten Juli kommen. Danach müssen noch Vorräte und Einrichtungsgegenstände hochgeschafft werden. Frühestens im Januar 2000 können die ersten drei Astronauten in die himmlische Herberge einziehen.

Doch dann wird den amerikanischen Kommandanten Bill Shepherd und seine Crew ein Komfort erwarten, wie es ihn an Bord eines Weltraumdampfers nie zuvor gegeben hat. So sollen die Astronauten nicht länger nur mit Fertigkost abgespeist werden. Erstmals haben die Konstrukteure im Service-Modul einen Kühl- und Gefrierschrank eingebaut. Endlich können sich die Raumfahrer ein Steak braten, frisch aufgetautes Obst und Gemüse essen und dazu ein Glas Milch trinken.

»Ein Riesenfortschritt«, urteilt der deutsche Astronaut Ulrich Walter. Als er vor fünf Jahren mit der Raumfähre »Columbia« durchs All düste, gab es nur vorgekochte Gerichte, die in einem kleinen Umluftofen erwärmt wurden. »Ungenießbar« fand Walter etwa das gefriergetrocknete Rührei, das mit warmem Wasser verrührt wurde. Kaum besser erging es den Kosmonauten an Bord der russischen Raumstation »Mir«, ihr Nahrungsbrei war immerhin ein wenig deftiger.

Begrüßen werden es die Raumfahrer auch, daß die Klimaanlage der ISS mit neuartigen Schalldämpfern ausgestattet ist. Auf der altersschwachen »Mir«-Station sorgen die Ventilatoren für einen Lärmpegel wie im Innern eines Staubsaugers. Ein amerikanischer Besucher schlief deshalb mit Walkman, russische Raumfahrer kehrten mit Hörschäden zur Erde zurück.

Neu an Bord der ISS ist eine Duschkabine. Die Ingenieure haben lange daran getüftelt. In der Schwerelosigkeit fällt Wasser nicht nach unten, sondern bleibt als zentimeterdicke Schicht um den Körper haften (und kann so schlimmstenfalls zur Erstickung führen). Bislang mußten sich die Raumfahrer deshalb damit begnügen, ihre Gesichter und Glieder mit nassen Handtüchern abzureiben. Der Trick bei der ISS-Brause: Mit kräftigen Saugdüsen wird das Waschwasser gleich wieder vom Leib geschlürft.

Für Entspannung an Bord wird ebenfalls gesorgt. Zur Stärkung der Fitneß gibt es, von der Nasa spendiert, schon im Service-Modul ein Laufband und ein Standfahrrad. Auf Videorekordern können sich die Astronauten die neuen Folgen von »Krieg der Sterne« anschauen.

Doch die Himmelsstürmer werden kaum Zeit haben, sich zu amüsieren. Ihre Behausung im All soll vor allem als fliegendes Forschungslabor dienen. Zehn Stunden am Tag müssen die Astronauten experimentieren; nur sonntags haben sie frei.

Auch bei etlichen Shuttle-Flügen war bereits ein Raumlabor mit an Bord. Doch spätestens nach zwei Wochen mußten die Raumfähren stets wieder landen, für länger dauernde Untersuchungen war das oft zu knapp. »Auf der ständig bemannten ISS können Experimente sofort wiederholt werden, die Wissenschaftler brauchen nicht mehr jahrelang auf ihren nächsten Flug zu warten«, erläutert Raumfahrtprofessor Ernst Messerschmid, der als deutscher Astronaut 1985 mit einer US-Raumfähre die Erde umrundete. »Dadurch kriegen wir viel bessere Ergebnisse.«

Das Rennen um die besten Laborplätze hat schon begonnen. Es ist der Zustand der annähernd totalen Schwerelosigkeit, der die Wissenschaftler ins Weltall treibt.

Krebsforscher ärgern sich beispielsweise über die irdische Schwerkraft, weil sie dazu führt, daß in Nährstoffschalen wachsende Tumorzellen nur flache Schichten bilden; solche pfannkuchenförmigen Labor-Geschwülste verhalten sich aber anders als Tumoren im menschlichen Körper. Auf der fast schwerelosen Raumstation hingegen ließen sich annähernd natürliche Krebsklumpen züchten.

Andere Mediziner wollen das Rätsel lösen, weshalb Astronauten unter rapidem Knochenschwund leiden. Diese vorübergehende Raumkrankheit ähnelt einer im Zeitraffer ablaufenden Osteoporose. Die Ärzte hoffen, im All eine Therapie gegen die schleichend verlaufende Volkskrankheit alternder Erdenfrauen zu finden.

Alles ehrenwerte Forschungsvorhaben. Aber rechtfertigt das den gewaltigen Aufwand? Von Anfang an haben Wissenschaftlervereinigungen wie die Amerikanische und die Deutsche Physikalische Gesellschaft das Weltraumprojekt erbittert bekämpft. Mit den ISS-Milliarden, so ihr Argument, könnten am Erdboden oder mit unbemannten Satelliten mehr und wichtigere Experimente finanziert werden.

Allerdings ist die Raumstation nicht nur ein wissenschaftliches Abenteuer, sondern auch eine Jobmaschine für Zehntausende Beschäftigte der Raumfahrtindustrie - vor allem in Amerika und Rußland. Das

* Zeichnung von Chesley Bonestell (1952).

gigantische ABM-Projekt soll verhindern, daß die russischen Raumfahrtingenieure Raketen für Diktatoren in der Dritten Welt bauen. Diplomatisch drückt das Douglas Stone, ISS-Manager beim Luft- und Raumfahrtkonzern Boeing, so aus: »Allein schon, daß Länder wie Amerika und Rußland friedlich zusammenarbeiten, ist mehr wert als der Preis für diese Station.«

Nasa-Chef Dan Goldin verfolgt kühnere Ziele. Mit der Raumstation will er eine Art Brückenkopf im All errichten, um von dort aus zu fernen Himmelskörpern aufzubrechen. »Bevor wir zum Mars fliegen, müssen wir klären, ob Menschen mehrere Jahre lang sicher im Weltraum leben können«, sagt Goldin. »Genau deshalb bauen wir diese Station.«

Mit solchen Äußerungen ruft der Nasa-Chef Erinnerungen wach an jene phantasiebegabten Raumfahrt-Pioniere, die schon kurz nach der Jahrhundertwende von künstlichen Siedlungen im All träumten.

»Die Erde ist die Wiege der Menschheit, aber man kann nicht sein ganzes Leben in der Wiege bleiben«, verkündete etwa Konstantin Ziolkowsky, einer der Väter der Weltraumfahrt. Um 1911 entwarf der russische Mathematiker das Modell eines von Menschen bewohnten Satelliten im All, der zur Gewinnung von Energie aus Sonnenlicht dienen sollte. Um die Raumfahrer mit Luft und Nahrung zu versorgen, glich die Station einem fliegenden Treibhaus, in dem es künstlich angelegte Gärten gab.

Noch einen Gedankenschritt weiter ging der amerikanische Raumfahrtpionier Robert Goddard. Schon um 1920 dachte er über den Bau riesiger Weltraum-Archen nach, in denen Tausende von Menschen zu fernen Sternen reisen und dort Kolonien gründen sollten.

Bescheidenere Flugziele hatte der deutsche Raketenpionier Wernher von Braun im Sinn, als er 1952 in Amerika mit seinem »Weltraumrad« für Aufsehen sorgte. Es war die erste bis ins Detail durchkalkulierte Projektstudie für eine Station in der Erdumlaufbahn. Von Braun schlug vor, aufblasbare Kunststoffmodule in den Orbit zu befördern, die dort zu einem Reifen mit 75 Meter Durchmesser zusammengesetzt werden sollten.

Von Braun sah sein Riesenrad in erster Linie als Umsteigebahnhof für Weltraumreisende in Richtung Mond und Mars. Doch dann befahl US-Präsident John F. Kennedy den direkten Flug zum Erdtrabanten, ein Sprungbrett im Orbit war damit überflüssig.

1984 ließ US-Präsident Ronald Reagan die Idee einer riesigen Station in der Erdumlaufbahn wieder aufleben. Ihn hatten die Pläne der Sowjets aufgeschreckt, die eine Orbitalstation namens »Mir« bauen wollten. Reagan befahl der Nasa, binnen acht Jahren ein noch gewaltigeres Himmelsmonument zu errichten - die »Freedom« sollte als Symbol für die technische Überlegenheit des Westens am Firmament erscheinen. Europäer, Kanadier und Japaner sagten ihre Unterstützung zu.

Doch während die Russen 1986 mit dem Aufbau ihrer »Mir« begannen, blieb die amerikanische »Freedom« eine Reißbrett-Phantasie. Je mehr das Gebilde mit jeder neuen Planungsphase der Nasa schrumpfte, desto höher stieg der Preis. Am Ende war die Raumstation selbst für die Amerikaner kaum mehr zu bezahlen. Und dann endete auch noch der Kalte Krieg.

Beinahe wäre das Weltraumunternehmen deshalb 1993 beerdigt worden; im US-Kongreß fehlte für den entsprechenden Antrag nur eine Stimme. »Ein Sieg ist ein Sieg«, seufzte Nasa-Chef Goldin erleichtert. Um das Projekt zu retten, überredete er die Russen, an der mittlerweile abgespeckten All-Station mitzubauen - Startschuß für die ISS.

Doch die neue Weltraumpartnerschaft gestaltet sich schwierig. Die russische Raumfahrt steht vor dem Ruin. Wegen chronischer Geldnot geraten die Russen regelmäßig mit der Fertigstellung wichtiger Komponenten in Verzug.

Vor wenigen Monaten schlugen die Raumfahrtmanager in Moskau mal wieder Alarm. Ihnen fehlte plötzlich das Geld, um das wichtige Service-Modul, den ersten Wohncontainer der ISS, fertigzustellen. »Ein Fehler« sei es gewesen, tobte Goldin, den Russen die Konstruktion dieses Herzstücks der Station zu überlassen: »Wir waren zu naiv.«

Anfang Oktober eilten die Nasa-Oberen zur Krisensitzung nach Rußland. Um das Projekt am Leben zu halten, gewährten sie ihren Bummel-Partnern eine sofortige monetäre Infusion von 60 Millionen Dollar. Im Gegenzug mußten die Russen für die nächsten Jahre die gesamte Forschungszeit in ihren eigenen ISS-Labors an die Amerikaner abtreten.

Auch die knauserigen Europäer, die nur mit acht Prozent am Bau der ISS beteiligt sind, müssen sich vorerst mit einer Zuschauerrolle begnügen. Frühestens in fünf Jahren, wenn ihr kleines Labor-Modul »Columbus« an die Raumstation angedockt wird, dürfen sie in die WG über den Wolken einziehen.

»Wir Europäer haben zwar nur eine Mansardenwohnung an Bord der ISS«, räumt Messerschmid ein, »aber das genügt, um bei der Hausordnung mitbestimmen zu können.«

Von diesem Recht machten die Untermieter im All schon mal Gebrauch, als kürzlich nach einem Namen für die ISS gesucht wurde. Die Verhandlungen verliefen zäh und endeten ergebnislos.

Laßt uns die Raumstation nach dem ersten griechischen Buchstaben »Alpha« taufen, eröffneten die amerikanischen Unterhändler die Unterredung. Die Russen waren empört, schließlich sei ihre »Mir« viel eher im Orbit gewesen. Den russischen Gegenvorschlag »Atlant« lehnten wiederum die Amerikaner ab - sie fühlten sich dadurch an den Untergang des Sagen-Kontinents »Atlantis« erinnert, kein gutes Omen.

Als Kompromiß fiel den japanischen Vertretern »Camelia« ein. Doch diesmal verhinderten die Deutschen eine Einigung - dies sei in ihrem Land der Markenname für eine Damenbinde. OLAF STAMPF

[Grafiktext]

Start der ersten Bauelemente für die Internationale Raumstation ISS

[GrafiktextEnde]

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Start der ersten Bauelemente für die Internationale Raumstation ISS

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* Zeichnung von Chesley Bonestell (1952).

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