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GENESIS Wie der Ochse pflügt

aus DER SPIEGEL 11/1959

Am Anfang war die Urgöttin. Sie und die

Schlange zeugten das Weltei, und die Schlange brütete das Weltei aus. Und die Schale des Welteies brach, und alle Dinge waren geschaffen.

So etwa müßte, nach Überlegungen, die der englische Schriftsteller Robert von Ranke Graves in seinem unlängst veröffentlichten Buch »Adam's Rib"* (Adams Rippe) anstellt, der Beginn der biblischen Schöpfungsgeschichte lauten, wenn der verantwortliche Verfasser vor zweieinhalb Jahrtausenden korrekt verfahren wäre. Der angelsächsische Weltei-Forscher glaubt nämlich, daß die ersten vier Kapitel der Genesis, des 1. Buchs Mose, nicht mit der ursprünglichen mythischen Überlieferung übereinstimmen. Nur so vermag er sich die »offensichtlichen Lücken«, »Ungereimtheiten« und »seltsamen Anomalitäten« der Schöpfungsgeschichte zu erklären.

Als ganz besonders anomal empfindet es der Brite (ein Nachfahre des deutschen Historikers Leopold von Ranke), daß Eva, die biblische Stammutter des Menschengeschlechts, aus einer Rippe Adams gefertigt sein soll. Dieser alttestamentlichen Lesart kämen, meint Graves, »an Perversität nur noch die nach-homerischen griechischen Legenden von der Geburt der Athene aus dem Haupte des Zeus ... gleich. Allen primitiven Mythen zufolge ist nicht das Männliche, sondern das Weibliche lebenspendend - und sei es auch nur eine uranfängliche skandinavische Kuh, die aus Steinblöcken die menschliche Gestalt herausleckt«.

Schon in früheren Werken hatte sich der »schrullige Literat«, wie Graves von »Time« genannt wurde, zum Verteidiger des weiblichen Schöpfungsprinzips gegen eine vermeintliche antifeminine Konspiration aufgeworfen. Die Sympathie für das weibliche Schöpfungsprinzip scheint auch der Grund dafür zu sein, daß Graves den Bibelbericht als fragwürdiges literarisches Produkt hinzustellen versucht. In der Genesis ist der Schöpfer als Herr-Gott und der erste Mensch als männliches Wesen dargestellt. Graves' Buch ist eine Sammlung erstaunlicher Thesen, mit denen er die biblische Schöpfungsgeschichte auf ihren vermuteten ursprünglichen Inhalt reduzieren zu können glaubt. Die grundlegende Annahme: Bei der Niederschrift der überlieferten Form der Genesis diente eine Bildtafel -Erzählung als Vorlage; der Genesis-Autor unterlegte den alten Bildtafeln irrtümlich oder absichtlich eine Bedeutung, die den zu seiner Zeit gültigen Glaubensvorstellungen entsprach.

Um die Herkunft dieser hypothetischen Bildtafeln motivieren zu können, serviert Graves eine weitere Mutmaßung. Er behauptet, daß die Bildwerke von den Israeliten unter Josua, dem Nachfolger Mose, bei der Einnahme Hebrons erbeutet wurden. »Die Kultur (aber), die Josuas Scharen ... in Kanaan erwartete«, schreibt Graves, »war im wesentlichen kretisch ägäisch.« Auf diese Weise gelangt er auch zu der Behauptung, daß westliche mythologische Vorstellungen in die Genesis eingeflossen seien.

Nachdem Graves die alt-orientalische und antike Götterwelt gründlich durchstöbert hatte, offerierte er in »Adam's Rib« eine komplette Rekonstruktion des Schöpfungsmythos, die dem Autor der Genesis - der freilich auch aus anderen mythologischen Quellen schöpfte - als Bilderbuch-Vorlage gedient haben soll: Anfangs erhebt sich die »Große Mutter« oder Urgöttin - Graves nennt sie nach griechischen Autoren Eurynome - aus dem Chaos, worauf mit Schlange und Weltei die Schöpfung beginnt.

Die Ereignisse im Garten Eden spielen sich zwischen einem weiblichen Wesen namens Hebe und den Zwillingsbrüdern Agenor und Belus ab. Die Brüder entbrennen in Leidenschaft zu Hebe - mit dem Resultat, daß Agenor den Belus ersticht, der nach einem Rezept der Schlange mit einem Apfel betäubt wurde. Graves: »Da lief Agenor kühn gegen den Belus an, der am Boden lag, und stieß ihm einen scharfen Feuerstein unter die fünfte Rippe, und Belus starb.«

In dieser Szene sieht Graves die Quelle des biblischen Berichts über die Erschaffung Evas: Nach der Theorie des Briten soll nämlich der Genesis-Autor das obskure Bild-Epos falsch gelesen und den dargestellten Todesstich mit einem »krummen Steinmesser« als die Extraktion einer Rippe diagnostiziert haben.

Robert von Ranke Graves glaubt auch die »konfuse Reihenfolge« der Genesis-Ereignisse korrigieren zu müssen. Er berichtigt sie, indem er den Umfang seines erdachten Schöpfungs-Bilderbuches kategorisch auf vier Sequenzen von jeweils neun Bildern festlegt und darüber hinaus anordnet, daß die Sequenzen in einer von den Griechen als »Boustrophedon« (wie der Ochse pflügt) bezeichneten Weise zu lesen sind - die erste Bildreihe von rechts nach links, die zweite von links nach rechts und so weiter. An diese Regel aber hat sich, behauptet Graves, der Genesis-Autor nicht gehalten. Der hebräische Verfasser soll es aus ungeklärten Gründen vorgezogen haben, das Bild-Epos durchweg von rechts nach links zu dechiffrieren, wodurch die ganze Erzählung durcheinandergeraten sei.

Um seine Thesen zu verdeutlichen, hat Robert von Ranke Graves Nachschöpfungen der Bildtafeln, die der Genesis zugrunde liegen sollen, dem Buch beigefügt, und zwar zweimal, in jeweils verschiedener Reihenfolge. Je nach Wunsch darf der Leser in den Bildreihen eine Illustration der Gravesschen Schöpfungstheorie oder des Fehlers sehen, der dem Autor der Genesis unterlaufen sein soll.

* Robert Graves »Adam's Rib«; Verlag Thomas Yoseloff, New York; 74 Seiten; 6 Dollar.

Große Mutter und Schlange (l.), Agenor mit Messer: Adams Rippe war ein Dolch

Schöpfungsgeschichtler Ranke Graves

Die Bibel hat nicht recht

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