Kampf gegen Klimawandel-Folgen Wie die reichsten Länder die Ärmsten im Stich lassen

Ein gebrochenes Versprechen belastet die Klimakonferenz der Uno: Die reichen Staaten wollen Entwicklungsländern erst ab 2023 mit 100 Milliarden Dollar pro Jahr unterstützen – drei Jahre später als zugesagt.
Mutter mit Baby nach Überschwemmungen in Pakistan (Archivbild)

Mutter mit Baby nach Überschwemmungen in Pakistan (Archivbild)

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Paula Bronstein/ Getty Images

Die Menschen in armen Ländern tragen am wenigsten zum Klimawandel bei, leiden häufig aber am stärksten unter den Folgen der Erderwärmung. Um den Umbau der Wirtschaft sowie Anpassungsmaßnahmen in diesen Staaten zu bezahlen, sollen reiche Länder jährlich 100 Milliarden Dollar (86 Milliarden Euro) bereitstellen – eigentlich seit 2020.

Diese Summe kommt nun aber offenbar erst in zwei Jahren zusammen. »Wir werden noch nicht 2022 an diesem Ziel sein. Aber 2023 werden wir dieses Ziel erreichen oder sogar übersteigen«, sagte Umweltstaatssekretär Jochen Flasbarth am Montag bei einer gemeinsamen Veranstaltung mit Vertretern aus Kanada und Großbritannien.

In den beiden Jahren nach 2023 soll die Summe Prognosen zufolge über der Schwelle liegen und bis zu 117 Milliarden US-Dollar aus »privaten und öffentlichen Quellen« erreichen. Der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge beläuft sich die Höhe der Klimafinanzierung bisher auf rund 80 Milliarden Dollar pro Jahr. Ziehe man Hilfen in Form von Darlehen ab, sei die Summe laut Nichtregierungsorganisationen noch nicht einmal halb so hoch.

Die Klimafinanzierung durch reichere Länder gilt als wichtige Grundlage für einen Erfolg der Verhandlungen bei der bevorstehenden Klimakonferenz COP26 in Glasgow. Das 100-Milliarden-Dollar-Ziel wurde erstmals 2009 in Kopenhagen ausgegeben und im Pariser Klimaabkommen bekräftigt. Das Versprechen wurde anschließend gebrochen.

»Verständlicherweise gab es viel Frustration in Entwicklungsländern«, sagte der designierte britische COP-Präsident Alok Sharma über die bislang nicht erreichten Ziele. Es gehe nun darum, Vertrauen wiederherzustellen und in Glasgow Fortschritte zu erzielen. Deutschland und Kanada waren damit beauftragt, einen Plan für die Erfüllung der Zusage auszuarbeiten.

Unter dem neuen Präsidenten Joe Biden hatten die USA zwar ihre Hilfen verdoppelt und ab 2024 jährlich 11,4 Milliarden Dollar zugesagt. Dies reicht aber nicht aus, um die Lücke zu schließen. Es wird damit gerechnet, dass vor allem Kanada und Deutschland vor der am 31. Oktober beginnenden Konferenz in Glasgow ihre Zusagen noch einmal erhöhen.

»Der Mangel an Mitteln kostet Leben und Existenzen«

Bei den Klimahilfen spielt Verantwortungsgefühl eine wichtige Rolle. Zwar ist China mittlerweile der größte Treibhausgasemittent der Welt und erzeugt mehr als ein Viertel der Treibhausgasemissionen, aber die USA und andere große Emittenten tragen historisch gesehen eine viel größere Verantwortung für die Erderwärmung.

Der Premierminister des COP-Gastgeberlandes Großbritannien, Boris Johnson, wies unlängst selbst darauf hin, dass sein Land als Pionier der industriellen Revolution eine Menge Abgase in die Atmosphäre geblasen habe. Es sei daher selbstverständlich, dass die Industriestaaten nun »ihre Verantwortung schultern«.

Der Vorsitzende der Gruppe der am wenigsten entwickelten Staaten (LDC), Sonam Wangdi, erklärte unlängst: »Der Mangel an Mitteln kostet Leben und Existenzen.« Dass die Industriestaaten endlich ihr altes Versprechen einlösen, anfällige Länder zu unterstützen, sei nun »entscheidend, um Vertrauen aufzubauen und die globale Antwort auf den Klimawandel zu beschleunigen«.

Gegen Corona saß das Geld lockerer

2009 klangen 100 Milliarden Dollar nach einer horrenden Summe, aber die Hitzewellen, Dürren, Stürme und Überschwemmungen in den vergangenen Jahren haben nach Einschätzung von Experten deutlich gemacht, dass die Summe nicht annähernd ausreicht. Die billionenschweren Hilfspakete, die im Rahmen der Coronakrise zur Stützung der Wirtschaft in reichen Ländern geschnürt wurden, lassen die Klimahilfen noch geringer erscheinen.

»Bei einer steuerpolitischen Antwort auf die Krise von zusammengenommen fast zwölf Billionen Dollar stellt sich eine Frage«, schrieben Klimafinanzierungsexperten kürzlich in einem Bericht im Auftrag der Vereinten Nationen: »Wenn eine Pandemie solch eine schnelle und weitreichende Reaktion auslöst, kann die Welt doch sicherlich den notwendigen Willen aufbringen, mit der gleichen Entschlossenheit und Dringlichkeit auf die Klimakrise zu reagieren?«

Die 100 Milliarden Dollar müssten deshalb »als Sockel gesehen werden und nicht als Deckel«, heißt es in dem Bericht weiter.

fww/dpa/AFP
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