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Die SPIEGEL-Klimakonferenz 2021 Wie gelingt das grüne Wirtschaftswunder?

Die Wirtschaft soll in wenigen Jahren CO₂-neutral werden. Besonders für den Mobilitätssektor eine Mammutaufgabe. DER SPIEGEL und die Boston Consulting Group (BCG) fragten bei ihrer Klimakonferenz 2021 nach: Wie kann die Transformation im entscheidenden Jahrzehnt gelingen?
Steffen Klusmann (DER SPIEGEL) und Matthias Tauber (BCG).

Steffen Klusmann (DER SPIEGEL) und Matthias Tauber (BCG).

Foto: BCG

"Mehr Klima wagen" sei das Motto, sagte Matthias Tauber, Europachef der Boston Consulting Group, zum Auftakt der Klimakonferenz 2021. Schließlich solle Deutschland bis 2045 klimaneutral werden. Mit welchen Konzepten kann die Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft gelingen? Und wie bleibt das Land wettbewerbsfähig? Darüber diskutierten Entscheiderinnen und Entscheider aus Politik und Wirtschaft:

Fit for 55 - Schritt für Schritt zum Verbrenner-Ausstieg

EU-Vizekommissionspräsident Frans Timmermans zeigte sich optimistisch: Der wachsende Konsens der Weltgemeinschaft mache schlagkräftige Maßnahmen möglich, etwa den geplanten Ausstieg aus Verbrenner-Motoren in Deutschland. Eine Entwicklung, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen sei. BMW-Chef Oliver Zipse hingegen betonte, das Aus für Verbrenner sei kein Allheilmittel. Zusätzlich müsse eine Kreislaufwirtschaft in der Industrie helfen, Rohstoffe nachhaltiger zu nutzen, um die Klimaziele zu erreichen.

Laurin Hahn (Sono Motors), Dr. Karl-Thomas Neumann (KTN GmbH) und Simon Hage (DER SPIEGEL).

Laurin Hahn (Sono Motors), Dr. Karl-Thomas Neumann (KTN GmbH) und Simon Hage (DER SPIEGEL).

Foto: BCG

Eine Abkehr vom bisher lukrativen Geschäftsmodell mit Verbrennern forderten Sven Bauer, CEO des Batterieherstellers BMZ Group, Laurin Hahn, CEO des Solar-Autobauers Sono Motors, und Dr. Karl-Thomas Neumann, Chef der Beratungs- und Beteiligungs-GmbH KTN. Ein echter Wandel in der Automobilindustrie lasse sich nur schaffen, wenn alte Konzepte infrage gestellt und neue Wege für eine Mobilitätswende eingeschlagen würden.

Mehr als 90 Prozent der 2030 neu zugelassenen Pkw in Deutschland müssten dazu E-Autos sein, unterstrichen auch Judith Wallenstein und Dr. Patrick Herhold von BCG. Zudem sollten sektorenübergreifend, wo möglich, ab sofort keine Investitionen mehr in fossile Anlagen fließen. Die Kapazität erneuerbarer Energien sowie wasserstofffähiger Gaskraftwerke gelte es zu verdoppeln, um ein Auslaufen der Kohleverstromung zu ermöglichen. Nur so ließen sich die CO2-Emissionen perspektivisch auf null zurückfahren. Diese Transformation erfordere enorme Investitionen: insgesamt 860 Milliarden Euro in den nächsten neun Jahren allein in Deutschland.

Wie kann die deutsche Industrie ihre CO2-Emissionen bis 2030 halbieren? Dieser Frage gingen Christoph Schweizer, CEO von BCG, Holger Lösch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie, und Christian Kullmann, Vorstandsvorsitzender von EVONIK, nach. Ihre Antworten: Es brauche Allianzen, schnellere Prozesse und Genehmigungen sowie den Willen, Vorreiter zu sein. Auch Druck aus der Gesellschaft, etwa Klimaklagen gegen große Unternehmen, könne den Wandel beschleunigen, so Dr. Roda Verheyen, Gründerin des Umweltrechts-Vereins Green Legal Impact Germany. Mit Verboten allein lasse sich die Industrie allerdings nicht umbauen, so die Diskussionsteilnehmenden. Vielmehr müssten Anreize und Alternativen für Klimaneutralität geschaffen werden und die Unterstützung durch Investoren gesichert sein.

Isabell Hülsen (DER SPIEGEL), Holger Lösch (BDI), Christoph Schweizer (BCG), Dr. Roda Verheyen (Green Legal Impact Germany) und Steffen Klusmann (DER SPIEGEL).

Isabell Hülsen (DER SPIEGEL), Holger Lösch (BDI), Christoph Schweizer (BCG), Dr. Roda Verheyen (Green Legal Impact Germany) und Steffen Klusmann (DER SPIEGEL).

Foto: BCG

Lösung mit Zukunft

Elektrische Lösungen gelten als ein zentraler Baustein im Kampf gegen den Klimawandel. Doch die Herstellung von Batterien birgt ökologische Herausforderungen. JB Straubel, CEO des Batterie-Recycling-Spezialisten Redwood Materials und Co-Gründer von Tesla, ist daher überzeugt: "Recycling wird für die Automobilindustrie eines der wichtigsten Themen im kommenden Jahrzehnt werden." Dadurch fallen Transportwege weg, seltene Elemente können wiederverwendet und Batterien umweltschonender hergestellt werden.

Auch Städte müssen ihren Beitrag zur Klimawende leisten. Christian Hochfeld, Direktor des Think Tanks Agora Verkehrswende, Lars von Lackum, CEO des Wohnungsunternehmens LEG Immobilien und Markus Lewe, Oberbürgermeister von Münster, sahen vor allem einen Ansatzpunkt: die autofreie Stadt. Durch die Elektrifizierung von Bussen, den Schienenausbau und eine fahrradfreundliche Infrastruktur könnten ÖPNV und Fahrräder das Auto als nachhaltige Alternativen ablösen.

Wird die Klimawende zum Jobkiller in der Autoindustrie? Christiane Benner, zweite Vorsitzende der IG Metall, Alexander Wachtmeister, Autoexperte von BCG, und Dr. Ariane Reinhart, Vorständin von Continental, betonten, die Branche verfüge hierzulande über viel Potenzial und qualifizierte Arbeitskräfte. "Es gibt schon einen Grund, warum Elon Musk nach Deutschland gekommen ist", so Reinhart. Nun müssten Arbeitgeber in Umschulungen der Beschäftigten investieren, um sie fit für den Wandel zu machen.

Batterien als Schlüsseltechnologie

Verstärkte Talentförderung, mehr Risikobereitschaft und Innovation in Europa forderte Peter Carlsson. Er entwickelt mit Northvolt Elektrobatterien auf Lithium-Ionen-Basis und ist überzeugt: Nur mit einem europäischen Ökosystem für Elektromobilität und Pionierarbeit bei der Technologie für Batteriesysteme werde der Kontinent gegen die Konkurrenz aus Übersee bestehen.

Isabell Hülsen (DER SPIEGEL), Carsten Spohr (Lufthansa), Oliver Blume (Porsche) und Steffen Klusmann (DER SPIEGEL).

Isabell Hülsen (DER SPIEGEL), Carsten Spohr (Lufthansa), Oliver Blume (Porsche) und Steffen Klusmann (DER SPIEGEL).

Foto: BCG

Auf Lithium-Ionen-Akkus setzt ebenfalls Porsche-CEO Oliver Blume. Er will das Unternehmen auch mithilfe von E-Mobilität bis 2030 bilanziell klimaneutral machen. Carsten Spohr, CEO von Lufthansa, peilt dieses Ziel bis 2050 an. Er setzt dazu auf synthetische Kraftstoffe. Um diese in ausreichender Menge und zu konkurrenzfähigen Preisen verfügbar zu machen, brauche es allerdings staatliche Unterstützung, so Spohr.

Marktführer bleiben

Ausreichende Mengen Ökostrom benötigt wiederum die deutsche Autoindustrie, um ihre globale Führungsposition verteidigen zu können, so Verbandschefin Hildegard Müller.

Martin Hesse (DER SPIEGEL), Hildegard Müller (VDA) und Steffen Klusmann (DER SPIEGEL).

Martin Hesse (DER SPIEGEL), Hildegard Müller (VDA) und Steffen Klusmann (DER SPIEGEL).

Foto: BCG

Als weitere wichtige Voraussetzungen machten Wolf-Henning Scheider, CEO des Zulieferers ZF, Audi-CEO Markus Duesmann und Prof. Dr. Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management den Ausbau der Ladeinfrastruktur, staatliche Unterstützung sowie eigene Technologie- und Softwarekompetenz aus. Nur so werde die deutsche Autobranche das Rennen gegen die Konkurrenz aus China und Tesla gewinnen.

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