KLONEN Wiedergeburt im Stall
In einer arabischen Legende wird ein Tier beschrieben, das alle anderen an Schönheit, Kraft und Mut übertrifft. »Als Gott das Pferd erschuf«, heißt es in der Sage, »da sprach er zu dem herrlichen Geschöpf: Dich habe ich erschaffen ohnegleichen.«
Heute gilt diese orientalische Weisheit nicht mehr.
»Schauen Sie sich dieses herrliche Araberfohlen an!«, schwärmt Eric Palmer, Chef der französischen Biotech-Firma Cryozootech. »Ein wahrer Champion! Seine Gene haben schon mehrere Marathonprüfungen gewonnen.«
Das einjährige Pferd ist ein Klon: die Kopie des heute 24-jährigen Wallachs Pieraz, der 1994 und 1996 Weltmeister im Distanzreiten wurde. Munter galoppiert Pieraz Nummer zwei durch die Reithalle des Gestüts Zangersheide im belgischen Lanaken.
»Wie Sie sehen, ein ganz normales, gesundes Fohlen«, versichert Palmer dem staunenden Publikum, das aus skeptischen Pferdezüchtern besteht. »Im Grunde handelt es sich um einen eineiigen Zwilling, der allerdings zeitversetzt auf die Welt gekommen ist. Mit einem künstlichen Lebewesen hat das nichts zu tun!«
Wenige Wochen nach Pieraz wurde der Klon des bekannten Springpferds Quidam de Revel geboren. Die Schöpfung aus der Petrischale wurde auf den Namen Paris- Texas getauft. Bestellt hat die Kopie der dänische Besitzer Flemming Velin. Und das ist erst der Anfang. In diesem Jahr sollen weitere Berühmtheiten auf die Welt kommen. Für Juni etwa wird die Geburt einer wahren Reitsportlegende erwartet: E. T. Der heute 19-jährige Hannoveraner ist mit über drei Millionen Euro Preisgeld das erfolgreichste Springpferd der Geschichte. Das Original gehört dem österreichischen Springreiter Hugo Simon: »Ich bin auch überrascht, wie schnell es mit dem Klonen gegangen ist.«
Im August soll dann die Kopie von Calvaro V das Licht der Welt erblicken. Es wäre tatsächlich eine Art Wiedergeburt: Das Original-Springpferd musste vor zweieinhalb Jahren eingeschläfert werden.
Im September folgt schließlich die Kopie des 18-jährigen Dressurpferds Rusty, mit dem die deutsche Reiterin Ulla Salzgeber bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 die Mannschaftsgoldmedaille gewann.
Das Klonen ist inzwischen bei vielen Tieren geglückt. Seit der Geburt des Schafs Dolly 1996 entstanden in den Labors genetische Kopien von Rindern, Ziegen, Schweinen, Kaninchen, Ratten, Mäusen, Katzen - und unlängst auch von einem Hund. Doch mit dem Klonen von Pferden erreicht diese Technik eine neue Qualität.
Denn die Kopien von E. T., Calvaro und Rusty werden keine anonymen Labortiere mehr sein, sondern die Wiedergänger großer Sportler. Unter den Pferdenarren der Welt haben die vierbeinigen Athleten einen ähnlichen Bekanntheitsgrad wie unter Fußballverrückten die Namen Pelé oder Beckenbauer.
Palmer schließt nicht aus, dass seine Geschöpfe irgendwann auch auf Turnieren starten; aber das soll die Ausnahme bleiben: »Niemand muss sich Sorgen machen, dass in den Springprüfungen lauter E. T.s die Preise abräumen.«
Was in ihren Chromosomen steckt, sollen die Klone besser woanders zeigen - in der Hochleistungszucht. Pferde wie E. T. oder Rusty haben nämlich eines gemeinsam: Sie sind Wallache. Sie wurden bereits als Junghengste kastriert - lange bevor sie im Spitzensport Erfolge feierten.
Bei Turnierpferden ist ein solcher Eingriff üblich: Hengste sind schwerer zu reiten; sie lassen sich zum Beispiel auf dem Abreiteplatz leicht von einer rossigen Stute
ablenken und sind im Dressurviereck oder im Springparcours dann aufsässig und unaufmerksam. Weit über 90 Prozent aller männlichen Dressur- und Springpferde sind daher Kastraten. Der Nachteil: Selbst noch so erfolgreiche Wallache können keine Nachkommen zeugen und folglich ihre überragenden Fähigkeiten auch nicht weitergeben.
Gleichsam durch die Hintertür versuchen die Pferde-Kloner jetzt, die Kastration rückgängig zu machen. »Wir wollen das wertvolle genetische Material der unfruchtbaren Champions retten, das sonst für immer verloren wäre«, sagt Palmer. So lautet ein Werbespruch von Cryozootech: »Gestern kastriert - morgen der Vater Ihrer Fohlen!«
Der Reproduktionsbiologe hat sich mit einem einflussreichen Verbündeten zusammengetan: dem Erfolgsgestüt Zangersheide. Der einst von dem belgischen Bauunternehmer Leon Melchior gegründete Pferdezuchtbetrieb ist immer für einen Tabubruch gut.
Zangersheide war zum Beispiel das erste Gestüt, das vor über 30 Jahren im großen Stil mit der künstlichen Besamung von Stuten begann - gegen den heftigen Widerstand der deutschen Zuchtverbände. Inzwischen wird ein Großteil aller Zuchtstuten künstlich besamt, meist sogar mit Tiefkühlsperma; nur noch die Vollblutzüchter schreiben für ihre Galopper den »Natursprung« vor. Auch bei anderen Techniken wie dem Einsatz von Leihmüttern ("Embryotransfer") preschten die Belgier vor. Und nun ist Zangersheide wiederum das erste Gestüt, das die Klone von Pieraz und Quidam de Revel für die Zucht zugelassen hat.
»Die Menschen haben Angst vor jeder neuen Technik«, sagt Leo de Backer, Chefveterinär von Zangersheide. »Aber das gibt sich mit der Zeit.« Einst ging de Backer als Promi-Tierarzt in den Ställen der Weltmeister und Olympiasieger ein und aus. Der Belgier half auch, die Türen zu den Top-Reitern zu öffnen. Überraschend viele von ihnen waren bereit, Zellproben ihrer Pferde zur Verfügung zu stellen - über das Honorar schweigen sich alle Beteiligten aus.
Vor zwei Jahren begann Palmer damit, von Stall zu Stall zu reisen, um die Gene einzusammeln. Er stanzte den Pferden fingernagelgroße Hautproben aus der Brust; die Zellen wurden kultiviert und in flüssigem Stickstoff tiefgefroren. Zugleich entnahm er Blutproben, die er für den späteren Identitätsnachweis an ein unabhängiges DNA-Testlabor schickte.
Seine Firma bei Paris arbeitet eng mit erfahrenen Tierklonern in Italien und Texas zusammen. Noch immer ist die Erfolgsquote beim Einpflanzen des Erbguts in entkernte Spendereizellen sehr gering. Für das Kopieren von Pieraz etwa verbrauchten die Biotechniker Hunderte Eizellen.
Innerhalb einer Woche wuchsen aus den manipulierten Eizellen sandkorngroße Embryonen heran. Von den zwölf Stuten, denen die Kloner Pieraz-Embryonen einpflanzten, wurden nur drei trächtig. Am Ende kam gerade mal ein Retortenpferd gesund auf die Welt; die zwei anderen Stuten verfohlten.
Der enorme Aufwand erklärt, warum das Klonverfahren so viel kostet und bestenfalls eine Spielwiese reicher Leute ist. Anfangs berechnete Cryozootech für ein Klon-Pferd 300 000 Euro. Mittlerweile ist der Preis schon leicht gesunken. Wer heute bei ihm ein Pferd kopieren lasse, so Palmer, müsse nur noch 250 000 Euro bezahlen: »Ich gebe zu, die Pferdebesitzer stehen noch nicht Schlange bei uns.«
Auch den Eigentümern von E. T. und Rusty war es zu teuer. Wenn die Klon-Hengste
in diesem Sommer gesund auf die Welt kommen, sind sie daher Eigentum der Firma Cryozootech.
Um die Kosten wieder reinzuholen, verkauft Geschäftsführer Palmer bereits Anteilsscheine an den Klon-Pferden. Für 5000 Euro erhalten Interessierte ausreichend Spermaportionen, um jedes Jahr ein Fohlen mit Siegergenen zu züchten. »Ich gehe davon aus«, behauptet Palmer, »dass die Zeichnungslisten voll sind, ehe die Klon-Hengste auf die Welt kommen.«
Deutsche Experten räumen dem Geschäftsmodell durchaus Chancen ein. Paul Schockemöhle, der im niedersächsischen Mühlen einen der größten privaten Zuchtställe der Welt betreibt, hält es für möglich, dass das Klonen schon in zehn Jahren eine akzeptierte Technik in der Pferdezucht darstellt: »Wenn das bezahlbar wird, werden sicher viele ihre moralischen Bedenken beiseite schieben.«
Er selbst habe aber keinesfalls vor, die Klontechnik in seinem Zuchtbetrieb einzusetzen. »Die ethischen Fragen sind ungeklärt«, erklärt Schockemöhle, »und ich will auch nicht dazu beitragen, Ängste in der Bevölkerung zu schüren.«
Ohnehin werde der Einfluss der Gene überschätzt, der sportliche Erfolg hänge vom Zusammenspiel vieler Faktoren ab. Schockemöhle: »Schon die Unterschiede in der Aufzucht spielen eine tragende Rolle - man erhält nie wieder das gleiche Tier. Ob der Klon eines Spitzenpferds an die Leistungen des Originals herankäme, steht in den Sternen.«
Ähnlich sieht das auch Axel Brockmann, stellvertretender Landstallmeister des Niedersächsischen Landgestüts in Celle, das Hannoveraner in alle Welt exportiert. »Ein Olympia-Pferd hat seinen Meister gefunden«, so Brockmann, »aber das garantiert noch lange nicht, dass die Chemie zwischen dem Reiter und der Kopie ebenfalls stimmen muss.«
Im Übrigen müssten neben der sportlichen Befähigung noch andere Eigenschaften berücksichtigt werden, darunter der korrekte Körperbau und der Charakter: »Es gibt ja gute Gründe dafür, warum man viele Junghengste gar nicht erst für die Zucht zulässt und sie stattdessen kastriert.«
Auf keinen Fall dürfe es für die Klone eine Vorzugsbehandlung geben, nur weil sie vermeintliche Siegergene in sich trügen, sagt Thomas Nissen, Zuchtleiter des Holsteiner Verbandes. »Wie wir inzwischen wissen, sind Klone keine biologisch exakten Kopien der Ursprungstiere«, so Nissen. »Sie müssten erst einmal ihre Tauglichkeit für die Zucht unter Beweis stellen.«
Und noch wisse niemand, wie gesund die Klon-Pferde langfristig bleiben, warnt der Zuchtexperte. Am Ende könnte ein Laborgeschöpf doch krankheitsanfälliger sein und sein Sperma von minderer Qualität. Nissen: »Wenn ich mir die hohe Missbildungsquote beim Klonvorgang ansehe, frage ich mich sowieso, ob das mit dem Tierschutz noch vereinbar ist.«
OLAF STAMPF, ANNIKA THOMÉ