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KLIMA »Wir haben noch genug Zeit«

Der Klimaforscher Hans von Storch über unbegründete Ängste vor dem Weltuntergang, die Folgen der Erderwärmung für Deutschland und die Anpassungsfähigkeit des Menschen
aus DER SPIEGEL 11/2007

Storch, 57, leitet das Institut für Küstenforschung am GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht. Der Mathematiker und Meteorologe zählt zu den weltweit führenden Klimaexperten und war an der Auswertung der Computermodelle zur globalen Erwärmung beteiligt.

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SPIEGEL: Herr Storch, werden Sie auf Ihre nächste Fernreise verzichten, um das Klima zu retten?

Storch: Nein, mehrere Dienstreisen nach Übersee stehen schon für dieses Jahr auf meinem Zettel. Meinen Sommerurlaub verbringe ich aber im nahen Dänemark - allerdings nicht aus Gründen der höheren Moral, sondern weil ich dort ein Ferienhaus besitze.

SPIEGEL: Einige Klimaschützer und Politiker fordern, die Deutschen sollten die nächsten Sommerferien im eigenen Land bleiben.

Storch: Das ist wieder einer dieser typisch deutschen Versuche, die Welt durch symbolische Akte zu retten. So fühlt man sich als besserer Mensch und den anderen moralisch überlegen.

SPIEGEL: Was ist falsch daran, den CO2-Ausstoß zu senken?

Storch: Es ist sogar notwendig, den CO2-Ausstoß zu senken. Nichts spricht dagegen, nach Sylt zu reisen statt auf die Seychellen oder sparsamere Autos zu fahren - allein schon wegen der knapper werdenden Ressourcen. Aber den Klimawandel werden wir dadurch nicht wirklich aufhalten. Solange China, Indien und Amerika weitermachen wie bisher, ist es ziemlich unwichtig, was wir Deutschen tun.

SPIEGEL: Lässt sich die Erwärmung überhaupt noch verhindern?

Storch: Nein, wegen der Trägheit des Klimasystems wird es aufgrund der jetzt schon in die Atmosphäre gepusteten Treibhausgase in den kommenden Jahrzehnten auf jeden Fall einen gewissen Temperaturanstieg geben. Es wird uns nicht mehr gelingen, den menschengemachten Klimawandel ganz zu vermeiden. Nach optimistischen Schätzungen ist allenfalls eine Begrenzung des Temperaturanstiegs auf zwei Grad gerade noch möglich. Wir sollten deshalb viel mehr über die Anpassung an das Unvermeidliche reden und nicht nur über die Verringerung der CO2-Emissionen. Wir müssen den Menschen die Angst vor der Klimaveränderung nehmen.

SPIEGEL: Aber viele glauben, der Weltuntergang stehe unmittelbar bevor. Nimmt die Klimadebatte allmählich hysterische Züge an?

Storch: In der Tat. Die Angst vor der Klimakatastrophe ist uralt - ähnlich wie die Angst vor Fremden. Schon in früheren Zeiten glaubten die Menschen, dass sich das Klima fast immer nur zum Schlechteren verändere, nur ganz selten aber zum Besseren - das war die Strafe Gottes für sündiges Verhalten. Und heute sind es eben diese hedonistischen Verschwender, die die Luft verpesten, um sich in der Südsee schöne Fische anzusehen. Besser wäre es, wir würden alle nur noch Fahrrad fahren. Ach, immer dieser erhobene Zeigefinger!

SPIEGEL: Hat es nur negative Folgen, wenn es auf dem Planeten um zwei oder drei Grad wärmer wird?

Storch: Detaillierte Prognosen sind nicht möglich, da wir nicht wissen, wie sich die Emissionen tatsächlich entwickeln werden. Wir Klimaforscher können nur mögliche Szenarien anbieten; es kann also auch ganz anders kommen. Aber zweifellos gibt es Weltgegenden, die von dem Klimawandel unterm Strich profitieren werden - und zwar tendenziell jene im Norden, wo es bisher zu kalt und ungemütlich war. Nur gilt es ja als ketzerisch, überhaupt solche Fragen zu stellen.

SPIEGEL: Wie sehen denn zum Beispiel die Folgen für Deutschland aus?

Storch: Durchaus gemischt. So werden wir wahrscheinlich erleben, dass die Sturmflu-

ten höher auflaufen; folglich ist es unvermeidbar, dass wir auch die Deiche erhöhen. Aber unsere Wasserbauingenieure haben ja die höheren Sturmfluten ordentlich bewältigt, die wir uns zum Beispiel in Hamburg durch Verengung des Elbstroms selber eingebrockt haben. Gleichzeitig müssen wir, wegen der Zunahme winterlicher Niederschläge, für eine bessere Entwässerung der Äcker und Felder sorgen. Andererseits werden die milderen Sommer sicher den Tourismus ankurbeln - vor allem an Nord- und Ostsee.

SPIEGEL: Und wie steht es mit den Superstürmen, die im Treibhausklima angeblich auf uns zurasen?

Storch: Bislang Fehlanzeige - dabei ist es ja seit Beginn der Industrialisierung schon um fast ein Grad wärmer geworden. Nach den Computermodellen erwarten wir aber, dass bei uns in Norddeutschland die Starkwinde tatsächlich pro Jahrzehnt um ein Prozent zunehmen. Nur ist das ein so schwaches Phänomen, das werden wir zunächst gar nicht merken.

SPIEGEL: Und was ist mit den jährlich Tausenden Hitzetoten, die das Kieler Institut für Weltwirtschaft in einer Studie jüngst prophezeit hat.

Storch: Solche Behauptungen sind wirklich dumm und unseriös. Da wurde einfach die Sterblichkeitsrate im »Sahara-Sommer« 2003 hochgerechnet, der ja für alle überraschend kam, auf den wir also gar nicht eingestellt waren. Werden aber höhere Sommertemperaturen in Zukunft zum Normalfall, dann werden sich die Menschen auch daran anpassen. Vielleicht werden die Leute dann nachmittags öfter mal eine Siesta halten und ihre Häuser entsprechend umbauen. Das Gute ist ja, dass all die Veränderungen nicht von heute auf morgen kommen, sondern innerhalb von Jahrzehnten. Wir haben noch genug Zeit, darauf zu reagieren.

SPIEGEL: Warum ist es ein solches Tabu, nach den positiven Wirkungen des Klimawandels zu fragen?

Storch: Das hat wohl Gründe, die religiöse Wurzeln haben. Es ist eben nicht erlaubt, mit der Schöpfung herumzuspielen. Früher haben gerade tiefreligiöse Menschen übrigens gesagt: Klar spielen wir mit der Schöpfung herum - wir vollenden sie sogar. Solche Gedanken sind heute verpönt.

SPIEGEL: Sorgen nicht die Klimaforscher selbst mit ihren oft düsteren Warnungen für Panikstimmung?

Storch: Leider verstehen sich viele Wissenschaftler zu sehr als Pastoren, die den Menschen Moralpredigten halten. Das ist auch ein Erbe der 68er-Generation, der ich ja selber angehöre. Tatsächlich sollten wir besser leidenschaftslos die Fakten und Szenarien präsentieren - und dann kann die Gesellschaft selbst entscheiden, was sie dafür tun will, um den Klimawandel noch zu beeinflussen. INTERVIEW: OLAF STAMPF

* Vor dem Supercomputer im Deutschen Klimarechenzentrum in Hamburg.

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