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Marco Evers

Elementarteilchen Haben Verkehrsflugzeuge bald nur noch einen Piloten?

Marco Evers
Von Marco Evers, Redakteur im Wissenschaftsressort

Liebe Leserin, lieber Leser,

könnten Sie noch entspannt in die Ferien fliegen, wenn Sie wüssten, dass vorn im Cockpit nur noch ein Pilot sitzt? Ich nicht. Ein Irrtum, ein Herzinfarkt, eine Überforderung, ein Nickerchen, ein böser Wille – und die Maschine schmiert ab. Dennoch will die europäische Flugsicherheitsbehörde Easa jetzt die Voraussetzungen dafür schaffen, dass nach dem Funker, dem Navigator und zuletzt dem Flugingenieur bald auch die zweite Pilotin oder der zweite Pilot phasenweise oder ganz aus der Kanzel verschwindet.

Die Easa hat im Namen ihrer Mitgliedstaaten, also auch Deutschlands, bei der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO kürzlich einen entsprechenden Antrag  eingereicht. Die Europäer hoffen, dass diese nun Regularien erarbeitet, wie Flüge mit nur einer Person im Cockpit in Zukunft legal und sicher funktionieren könnten. Sie versprechen sich davon vor allem eines: geringere Kosten für die Airlines, die dann überdies geringere Nachwuchssorgen hätten.

Für allseitige Begeisterung sorgt der Vorstoß aber nicht. Richard de Crespigny war im November 2010 Kapitän eines Airbus A380 der australischen Fluglinie Qantas. Kurz nach dem Start in Singapur explodierte ein Triebwerk, Trümmer beschädigten die Tragfläche, das Fahrwerk, Tanks und noch viel mehr. Dennoch gelang der Besatzung die Meisterleistung, alle 440 Passagiere und 29 Crewmitglieder sicher auf den Boden zu bringen.

Hätte de Crespigny das auch allein geschafft? Wohl kaum. »Flugzeuge sind dafür ausgelegt, von zwei voll kompetenten, ausgebildeten Piloten geflogen zu werden«, sagt er. »Das System versagt, wenn man nicht zwei Piloten auf den Sitzen hat.«

In der Luftfahrt hat sich zum Glück das Redundanzprinzip durchgesetzt: Alle wichtigen Systeme sind mindestens zweifach vorhanden. Eine auf eine Person halbierte Cockpitbesatzung wäre ein eklatanter Verstoß gegen diese Regel, denn sie verfügte im Notfall nur über halb so viele Ressourcen wie nötig.

Und doch wird es genau so kommen. Nicht sofort, aber bald.

Viele Airlines weltweit wünschen sich zumindest einen gelockerten Cockpitbetrieb, bei dem im Reiseflug nicht mehr zwei Menschen auf die Bildschirme und Instrumente blicken, sondern nur noch einer. Der/die andere schläft oder ruht währenddessen. Nur in den kritischsten Flugphasen Start und Landung wären beide Flugzeugführer auf ihren Plätzen.

Auf diese Weise könnten die Fluggesellschaften Langstreckenflüge durchführen mit nur zwei statt wie bisher üblich drei Piloten, von denen jetzt noch abwechselnd immer zwei arbeiten und einer pausiert. Airbus und die Airline Cathay Pacific aus Hongkong bereiten solche Flüge mit reduzierter Crew bereits vor, schon 2027 könnten sie Realität werden.

Doch dabei wird es nicht bleiben. Frachtflugzeuge dürften als erste von einer einköpfigen Besatzung geflogen werden, denn ihre Ladung hat keine Flugangst. Aber große Passagiermaschinen? Airbus hat schon erfolgreich seinen A350 im autonomen Betrieb getestet. Der Riesenflieger, ausgestattet mit speziellen Sensoren und Künstlicher Intelligenz, rollte los auf der Startbahn, hielt Spur und hob nach den Regeln der Kunst zum richtigen Zeitpunkt ab, ohne dass ein Pilot eingegriffen hatte. Auch die Landung geschah vollautomatisch und unter Verzicht auf die heute üblichen externen Hilfen wie GPS-Daten oder das ILS-Landesystem. Alles, was der A350 an Technik zum Landen brauchte, hatte er selbst an Bord.

Noch wagt es niemand, zahlende Fluggäste in solche Experimentalmaschinen zu setzen. Aber die Technologie der Zukunft wird jetzt entwickelt, und es ist absehbar, dass die zunehmende Automatisierung in einer neuartigen Flugzeuggeneration irgendwann das Cockpit nahezu komplett übernehmen wird. Der Flugroboter mit Zulassung zum interkontinentalen Menschentransport, der vielleicht noch eine angelernte Hilfskraft im Cockpit neben sich duldet, kommt nicht 2025 und auch nicht 2035. Aber was ist mit 2050 oder 2060? Viel wird auch davon abhängen, was die Passagiere bereit sind zu akzeptieren – und was nicht.

Herzlich
Ihr Marco Evers

Noch sind sie immer zu zweit: Piloten im Airbus A320

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