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ARCHÄOLOGIE Wohnen in Rot

Ein Jagdlager der späten Eiszeit mit Baugrundrissen, Werkzeug und Tausenden von Steinzeichnungen ist am Mittelrhein unter Vulkanasche erhalten geblieben. Die Grabungsfunde werden jetzt ausgestellt.
aus DER SPIEGEL 14/1981

In Gönnersdorf am Rhein, Andernach gegenüber bei Stromkilometer 612, begann die Familie Middendorf im März 1968 mit dem Hausbau. Als der Bagger eine Ecke der Baugrube besonders tief für einen Weinkeller aushob, kamen aus sonst pulverfeinem Löß große, mit Kratzzeichnungen versehene Schieferplatten und uralte Knochen zutage.

Der zur Sonne gelegene Hang war also schon früher bewohnt gewesen. Vor wie langer Zeit hier Menschen lebten, erkannten die alsbald verständigten Fachleute, darunter Professor Gerhard Bosinski vom Kölner Institut für Ur- und Frühgeschichte: Die Siedlung stammt vom Ende der letzten Eiszeit; die Relikte sind 12 400 Jahre alt.

So lagen, während die Middendorfs ihren Bau hochzogen, ringsum Studenten und hilfswillige Schüler über Planken auf dem Bauch und kratzten vorsichtig mit Spachtel und Maurerkelle weiter. Bürger und Firmen der Gegend spendeten Geld für die Ausgrabung; dann nahm die Deutsche Forschungsgemeinschaft das Projekt in ihr Förderungsprogramm auf.

Denn der Gönnersdorfer Zufallsfund erwies sich als Glücksfall für die Wissenschaft: Es ist eines der besterhaltenen Jägerlager vom Ausgang der Altsteinzeit und zudem ein spektakuläres Museum eiszeitlicher Kunst -- unter unzähligen bislang nicht deutbaren Schiefer-Gravierungen wurden dort auch rund 400 stilisierte Menschenfiguren und 200 naturgetreue Tierdarstellungen entdeckt, überdies 13 etwa fingerlange Statuetten schwerhüftiger Frauen, geschnitzt aus Ren-Geweih und Mammut-Elfenbein.

Die ansehnlichsten Stücke des in acht Grabungskampagnen geborgenen Materials stellt nun das Landesmuseum Koblenz auf der Festung Ehrenbreitstein aus. Im Katalog zeichnet Grabungsleiter Bosinski das erstaunliche Bild einer Kultur, in der -- Jahrtausende bevor Menschen in Mitteleuropa seßhaft wurden -- wohnliche Behausung, Schmuck, Kunst und Kult, Erwerb weither transportierter Güter und allzeit Fleisch vom Grill zum Lebensstandard gehörten.

( Gerhard Bosinski: »Gönnersdorf -- ) ( Eiszeitjäger am Mittelrhein«. ) ( Landesmuseum Koblenz; 120 Seiten; 19 ) ( Mark. -- Ausstellung bis zum 2. ) ( August. )

Es muß damals im Mittelrheinischen ganz erträglich gewesen sein. Das Klima war kalt, doch, wie die Lößverwehungen anzeigen, häufig trocken. Die sumpfige Flußniederung, die bewaldeten Uferhänge und die offenen Steppen der ausgedehnten Terrassen über dem Strom waren wildreich.

»Wir machen einen Fehler«, erläutert Professor Bosinski, »wenn wir uns diese Menschen in einer kargen Umwelt S.267 am Rande des Existenzminimums vorstellen.«

Auf der knapp 700 Quadratmeter großen Grabungsfläche entdeckten die Archäologen die Grundrisse von drei Rundbauten mit sechs bis acht Meter Durchmesser und von vier Zelten. Das Gerüst der größeren Behausungen bildeten senkrecht eingegrabene Wandpfosten und ein Mittelmast; den Eingang umschloß ein Windfang, der Boden war mit Schieferplatten gepflastert.

Dach und Wand waren vermutlich mit Fellen von Pferden, dem wichtigsten Beutetier der Gönnersdorfer Jäger, bespannt. Das Innere muß üppig rot bemalt gewesen sein -- an vielen Stellen fanden die Ausgräber Farbreste von Hämatit und Stücke dieses Eisenoxids mit Abreibspuren.

Anscheinend wurden die Rundbauten mehrere Jahre benutzt. Darauf deutet, daß die Bewohner eines Baus über 20 Kochgruben angelegt und die zentrale Feuerstelle eigens mit teils zentnerschweren Quarzitbrocken als Wärmespeicher umringt hatten. Im Küchenabfall fanden sich 50 Hufe von Pferden, der offenbar bevorzugten Fleischnahrung.

Als Auflagen für Grillspieße hatten die Bewohner einen Mammut-Oberschenkel und die Geweihschaufel eines Rens in den Boden gerammt. Merkwürdigerweise war eine Behausung, wie sich aus den Funden schließen läßt, nur im Winter, eine andere nur im Sommer bewohnt.

Daß die Eiszeit-Jäger vom Rhein weit umherschweiften, vielleicht sogar ein wenig Ferntauschhandel trieben, belegen durchbohrte Schmuckschnecken vom Mittelmeer und die Steinwerkzeuge. Mehr als 40 000 Artefakte (insgesamt wurden über 70 000 Klingen, Kratzer, Stichel und Abschlagbruchstücke gefunden) sind aus Feuersteinen gefertigt, die zum Teil aus Norddeutschland, zum Teil aus dem Aachener Gebiet stammen und mindestens 100 Kilometer weit herangeschafft werden mußten.

Ebenso verblüffend sind viele andere Befunde, insbesondere in der Kunst. Gezeichnet hatten die Jäger auf ihre Fußbodenplatten; aber manche Schiefertafeln sind mit einer verwirrenden Fülle von Strichen übersät, andere leer.

Bei den realistischen Tierdarstellungen überwiegen Pferde. Am zweithäufigsten sind Mammuts, von denen jedoch kaum Knochen zu finden waren; anscheinend wurden sie nicht gejagt. Und es gibt, seltsam genug für einen Ort tief im Inland, auch einige Zeichnungen von Robben.

Von den lebensecht detailreichen Tierbildern unterscheidet sich deutlich der Stil der Menschendarstellungen. Fast immer sind es schematisierte Umrisse weiblicher Körper, stets ohne Kopf; Brüste, Arme und Beine sind allenfalls angedeutet.

Das Schönheitsideal dieser Magdalenien genannten letzten Kultur der Altsteinzeit, die von Nordspanien bis in die Ukraine reichte, war der Kontrast von schmaler Taille und üppigem Hinterteil. In den Bildern wie an den Statuetten ist es vorgewölbt wie bei einem Sprung aus der Hocke.

Daß die Funde von Gönnersdorf überhaupt erhalten blieben, ist einer Naturkatastrophe zu danken. Etwa ein Jahrtausend nachdem die Eiszeit-Jäger am Rhein kampiert hatten, brach zwölf Kilometer weiter auf der anderen Seite des Stroms (heute ist dort der Laacher See) ein Vulkan aus: Dabei wurden die nur von etwas Löß überwehten Relikte des Lagers mit einer schützenden, bis zu zwei Meter hohen Schicht Bims zugeschüttet.

S.264Gerhard Bosinski: »Gönnersdorf -- Eiszeitjäger am Mittelrhein«.Landesmuseum Koblenz; 120 Seiten; 19 Mark. -- Ausstellung bis zum 2.August.*

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