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»Wollt ihr mich töten?«

In immer wiederkehrenden Alpträumen durchleben traumatisierte Menschen ihre Angst. Das kann helfen, das Trauma zu überwinden.
Von Wiebke Hollersen
aus SPIEGEL Wissen 4/2009

Er sitzt in einem Bus mit Bekannten, sie sind auf dem Weg zu einer Hochzeit in einer Kirche. So fängt der Traum immer an. Dann bleibt der Bus stecken, in einem Zug von Leuten, die vermutlich auch zu der Kirche wollen, allerdings zu einer Beerdigung.

Der Traum ist ein Alptraum, er wird mit Schüssen und Toten enden. Der Mann, der ihn seit Jahren immer wieder träumt, hat im jugoslawischen Bürgerkrieg gekämpft, jenem Unabhängigkeitskonflikt, der von 1991 an den Balkan mehr als zehn Jahre lang in eine Spirale aus Hass, Massenmorden und »ethnischer Säuberung« riss, in dem Kollegen zu Kriegsgegnern wurden, Nachbarn zu Mördern.

Fast 15 Jahre ist es schon her, dass der Mann an der Front war. Aber für ihn ist der Krieg noch nicht vorbei. Das spürt er an seinen Herzbeschwerden, den unerklärlichen Nervenschmerzen und den Augen, die Probleme machen. Dabei ist er erst Mitte vierzig, war immer gesund, hat Sport getrieben. In den Kämpfen wurde er auch nie wirklich schwer verletzt.

Nicht an seinem Körper jedenfalls. Aber er hat Dinge erlebt, die seine Seele nicht verwinden konnte. Er hat im Krieg ein Trauma erlitten, das nachwirkt und ihn nun krank macht: Posttraumatische Belastungsstörung nennt man diese Verletzung der Psyche, unter der auch immer mehr Bundeswehrsoldaten leiden, die aus Afghanistan zurückkehren. Die Alpträume, die ständig wiederkommen, können dazugehören.

Der Mann, der immer wieder von der Busfahrt zur Kirche träumt, ist einer von etlichen Veteranen aus den Jugoslawien-Kriegen, an denen Wissenschaftler die »Psychobiologie von posttraumatischen Belastungsstörungen« untersucht haben. Die Studie wurde von der EU finanziert, Forscher aus Serbien, Kroatien und vielen EU-Ländern haben mitgearbeitet. Sie haben sich angesehen, was im Körper der Traumatisierten geschieht, etwa ihre Blutwerte regelmäßig gemessen. Mit ihren Träumen haben sich Traumaforscher und Psychologen in einer eigenen Teilstudie befasst.

Die Probanden übernachteten dafür im Schlaflabor und ließen ihre Gehirnströme aufzeichnen. So konnten die Forscher sehen, wann sie zu träumen begannen - und wann eine Traumphase zu Ende ging. Dann wurden die Patienten geweckt und konnten so von ihren Nachtträumen erzählen, an die man sich sonst meist nicht erinnert. Morgens, wenn sie wach wurden, erzählten sie von dem, was sie zuletzt geträumt hatten. Ihre Traumerzählungen wurden protokolliert, manchmal haben die Probanden sie auch gezeichnet.

Der Veteran, dessen Alptraum mit der Busfahrt beginnt, ist Serbe. Seine Heimat aber war die jugoslawische Teilrepublik Kroatien. Seine Eltern waren Bauern, er selbst hat früher in allen möglichen Berufen gearbeitet, eher vor sich hin gelebt, aber er sei zufrieden gewesen, sagt er. Der Ausbruch des Krieges veränderte alles. Seit Monaten hatten sich militante Serben Kroatiens in der Region Krajina für einen bewaffneten Zusammenstoß mit den kroatischen Kräften gerüstet.

Schon in den ersten Wochen der Kämpfe überfielen kroatische Milizen das Haus seiner Mutter, die er gerade besuchte. Sie hätten ihn »gejagt wie einen Hund«, berichtete der Kriegsveteran den Psychologen, das ist seine schlimmste Erinnerung. Später erlebte er, wie ein Freund im Schützengraben von einer Granate am Kopf getroffen wurde und starb.

Kroatien hat der Mann schon lange verlassen, er lebt mit seiner Frau und den zwei Kindern als Flüchtling in der Nähe von Belgrad. Seit zehn Jahren hat er keine feste Arbeit mehr.

Noch immer aber träumt er von völlig unerwarteten Angriffen in seiner vertrauten Umgebung, von Nachbarn, die plötzlich zu Feinden werden. Die Leute, mit denen er im Bus sitzt in seinem Traum, sind seine Leute, Serben also - die Trauergäste, das Hindernis auf dem Weg, sind Kroaten. Da sind auch Männer in Uniform. Als die Hochzeit vorbei ist, werden die Gäste auf dem Heimweg aufgehalten und gefragt, zu welcher Seite sie gehören. Es kommt zu einer Schießerei, es gibt Tote und Streit um die Frage, wer angefangen hat. Bevor der Mann selbst zuschlägt, wacht er auf. Das ist der Nachttraum.

In seinem Morgentraum läuft er erst lange durch das Dorf, das er als seinen Heimatort erkennt. Dort steigt er in den Bus. Nun kann er klarer erkennen, wer bedroht und geschlagen wird: sein Bruder und seine Cousins. Anders ist auch, dass der Mann in diesem Traum öfter selbst spricht, sich an die Angreifer wendet: »Was wollt ihr, wollt ihr mich töten, meine Familie, meine Brüder?« Dann spürt er etwas in seinem Bein, einen zuckenden Schmerz, schreiend wacht er auf.

Die Wissenschaftler haben die Traumprotokolle systematisch zerlegt, Szene für Szene. Was genau erleben die Träumenden? Wie oft greifen sie selbst in die Handlung ein? Gibt es Szenenwechsel, Bewegungen, Dialoge?

»Der Träumer ist ein Theaterregisseur, er hat eine leere Bühne, die er füllt«, sagt Tamara Fischmann vom Sigmund-Freund-Institut in Frankfurt am Main. Die Psychoanalytikerin hat mit den Forschern Vladimir Jovi'c und Stephan Hau aus Belgrad und Stockholm an der Studie über »posttraumatische Träume und Symbolisierung« mit den Veteranen gearbeitet. Alle Träume, egal, ob sie schön sind oder schrecklich, ob sie von gesunden Menschen geträumt werden oder von traumatisierten, zeigten, was die Psyche beschäftigt, sagt Fischmann: »Kein Traum ist Zufall.«

Träume seien Strategien zur Problemlösung und zur Affektkontrolle. »Wenn ich etwas nicht verstanden habe, was mit mir tagsüber geschehen ist, kann ich das im Traum bearbeiten und erledigen.« Beim posttraumatischen Stress geht es darum, die Ereignisse, die das Trauma ausgelöst haben, in die Psyche zu integrieren; man versucht, ihnen einen Sinn zu geben.

Für die Psychologen ist es wichtig zu sehen, welche Regieanweisungen jemand in seinen Träumen gibt: Je mehr sich der Traumapatient auf seiner eigenen Traumbühne zu inszenieren wage, desto näher wage er sich an seine Probleme heran. Interessant sei auch, wie er danach von einem Traum berichtet. Distanziert er sich davon, indem er etwa gleich alles kommentiert?

In dem Traum des Mannes, der auf dem Weg zu einer Hochzeit in eine Schießerei gerät, bleibt er selbst zunächst passiv, er sagt wenig, er beobachtet meist stumm. Er verschwindet eher in der Gruppe, sein Sicherheitsbedürfnis scheint hoch. »Er hat Berührungsängste und wagt nicht viel«, sagt Fischmann.

Träume können sich im Laufe der Nacht verändern - das kann ein Hinweis darauf sein, dass der Träumende sein Trauma verarbeitet. So gibt es auch im Morgentraum des Veteranen mehr Interaktion, mehr Bewegung. Jetzt ist klar, dass der Mann sich in seinem Heimatort befindet. Er ist nicht mehr ganz so zögerlich, er mischt sich zumindest verbal ein. Die Forscher werten das als gutes Zeichen, der Mann ist bei der »Traumarbeit« etwas vorangekommen.

Doch da ist noch ein verborgener Teil seiner Kriegserlebnisse, so die Hypothese der Forscher, mit dem er sich offenbar noch nicht auseinandersetzen kann, weil er unter Schuldgefühlen leidet. »Er ist im Prozess des Verarbeitens, aber da ist noch immer etwas, was ihn verfolgt. Man kann sehen, wie sehr er wünscht, dass das in Vergessenheit bleibt«, sagt Fischmann.

Die Alpträume können in der Therapie helfen, posttraumatische Belastungsstörungen zu überwinden. Im Fall des Kriegsveteranen würde der Therapeut fragen: Wie kann man den Mann dazu bewegen, in seinem Traum mehr zu interagieren? Die Entwicklung der Alpträume zu verfolgen helfe einzuschätzen, so Fischmann, »wo ein Patient steht, ob sich schon etwas getan hat bei der Verarbeitung seines Traumas«.

Der Durchbruch komme manchmal gerade dann, wenn ein Angsttraum noch quälender wird. »Wenn es dramatischer wird, dann heißt das, der Träumer lässt sich auf etwas ein« - womöglich der Schlüssel zum Trauma.

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