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ÖKOLOGIE Würgegriff der Blüten

Wasserhyazinthen überwuchern den afrikanischen Victoriasee. Jetzt will Uganda das Unkraut mit Herbiziden ausmerzen.
aus DER SPIEGEL 25/1998

Ihre zartvioletten Blütenkerzen sind eine Zierde, ebenso das wie gelackt glänzende Blattwerk. Aber an den Ufern des Victoriasees hat niemand Augen für die Schönheit von Eichhornia crassipes, der Wasserhyazinthe. Das Kraut ist dort verhaßt wie keine andere Plage - mit Ausnahme des Aidsvirus.

Vor nicht einmal zehn Jahren wurde die in Südamerika heimische Schwimmpflanze erstmals im Victoriasee gesichtet. Heute hält sie das zweitgrößte Süßwasserbecken der Welt im Würgegriff. Unermüdlich treibt Eichhornia Ausläufer und Samen - schätzungsweise alle 15 bis 20 Tage verdoppelt das driftende Pflanzengeflecht seine Ausmaße. Inzwischen bedeckt es Hunderte von Quadratkilometern, erstickt Fischgründe, blockiert Häfen und raubt ganzen Dörfern die Lebensgrundlage.

Am schlimmsten leidet das am nördlichen Seerand gelegene Uganda, dessen Ufer zu vier Fünfteln von Wasserhyazinthen zugewuchert sind. Nachdem weder gefräßige Rüsselkäfer noch eigens konstruierte Erntemaschinen der Plage Herr werden konnten, erhofft der zentralafrikanische Staat nun die Erlösung durch Gift. Gegen den Widerstand der nationalen Umweltbehörde wird die Regierung wohl noch in diesem Jahr die Substanz 2,4-D verspritzen lassen - besser bekannt als ein Grundstoff des Vietnam-Entlaubungsmittels Agent Orange.

Angesichts des Hyazinthen-Desasters erscheint selbst manchen Ökologen der Einsatz des Hardcore-Herbizids als kleineres Übel. Weil die grüne Pest ihnen den Sauerstoff zum Atmen nahm, verschwanden die Fische aus den seichten Uferregionen, die ihnen zuvor als Kinderstube dienten.

»Früher verdiente unsere Mannschaft an einem Tag 600 Shilling (18 Mark)«, berichtet der Fischer Samuel Odhiambo aus Kenia, »heute sind es nur noch 200.« Übler noch erging es Musa Aloo, der sein Boot eines Morgens inmitten einer über Nacht angetriebenen, monströsen Hyazinthenmatte vorfand. Aloo konnte weder Boot noch Netze aus dem Dickicht bergen. »Jetzt lebe ich von der Großzügigkeit meiner Freunde«, klagt der Fischer, einst ein vergleichsweise wohlhabender Mann.

Erst in den achtziger Jahren hatte Kenia ein florierendes Fischereigewerbe aufgebaut. Seinen Aufstieg verdankt es einem anderen Öko-Debakel: Der Nilbarsch, ebenfalls eine eingeschleppte Art, hatte sich massenhaft vermehrt und die vielfältige, algenvertilgende Fischfauna des Victoriasees dezimiert. Von ursprünglich rund 400 Buntbarscharten gilt die Hälfte heute als ausgestorben. Zum Glück ließ sich der Killerbarsch in Europa gut vermarkten; noch 1996 brachte der Fischexport Kenia 130 Millionen Mark ein. Jetzt veröden viele Fischerdörfer, den brandneuen Verarbeitungsanlagen geht der Rohstoff aus.

Auch der Handel zwischen den Seeanrainerstaaten Kenia, Tansania und Uganda stockt. Kaum noch können sich Fähren durch den schwimmenden Filz schieben; regelmäßig fällt in Uganda der Strom aus, weil Pflanzenknäuel Filter und Ansaugstutzen des Wasserkraftwerks am Owen- Falls-Damm verstopfen.

Die Wucherhyazinthen lähmen nicht nur die Ökonomie der Region, Heimat von 25 Millionen Menschen. Sie beherbergen auch Schnecken, die Wirte des Bilharziose-Erregers sind; immer mehr Menschen leiden an der chronischen Krankheit. Zudem könnten die fauligen Biomasse-Berge die Ausbreitung von Malaria und Cholera begünstigt haben.

Gruseliger noch: Das Gewächs verbirgt Giftschlangen, Krokodile und aggressive Flußpferde. Und mindestens 40 Menschen ertranken bei Überschwemmungen Ende Mai dieses Jahres - nach starken Regenfällen stieg der Hochwasserpegel rapide, weil Wasserhyazinthen die Abflüsse des Victoriasees verstopften.

Ob Gift das Gewässer retten kann, ist fraglich. Zwar ergaben Tests im vergangenen Jahr, daß sowohl der Unkrautvernichter 2,4-D als auch das harmlosere Glyphosat die Pflanzen wirksam abtöten; doch droht der See durch Sauerstoffmangel umzukippen, wenn auf einen Schlag große Mengen Biomasse zu Boden sinken und verrotten. Überdies tötet 2,4-D Fische und wird im Wasser nur langsam abgebaut. Glyphosat ist weniger umweltschädlich, ist aber mehr als doppelt so teuer wie 2,4-D.

Ohnehin verspricht ein chemischer Befreiungsschlag nur vorübergehende Linderung, denn täglich treiben auf dem Kagera weitere 1,5 Hektar Eichhornia-Felder heran. Es ist derselbe Fluß, der vor wenigen Jahren die Leichen Tausender niedergemetzelter Tutsi in den See spülte.

Ungelöst bleibt das Hauptproblem des Victoriasees: die Verschmutzung durch die Fäkalienströme der Großstädte; die Abwässer der Zuckerraffinerien, Papierfabriken, Gerbereien; den Schlamm, den der Regen vom weitgehend entwaldeten Land in den See wäscht. Lange schon ist das einst klare Gewässer zu einer trüben, überdüngten Lache verkommen.

»Selbst wenn wir die Wasserhyazinthe unter Kontrolle bringen«, fürchtet Geoffrey Howard von der World Conservation Union, »werden andere Unkräuter sie ersetzen.«

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