Zur Ausgabe
Artikel 44 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Automobile Wütendes Geschick

Mit der neuen E-Klasse soll gelingen, wovon Mercedes seit langem vergebens träumte: eine Markteinführung ohne Macken.
aus DER SPIEGEL 21/1995

Das erste Lob für die neue Mercedes E-Klasse kam früh. Eine amerikanische Fachzeitschrift bezeichnete die Limousine mit den auffälligen Kulleraugen bereits als »das beste Alltagsauto aller Zeiten« - lange bevor Mercedes die ersten Wagen für Testfahrten zur Verfügung stellte.

Doch solch vorauseilende Begeisterung mag die Mercedes-Direktoren nicht wirklich beruhigen. »Ich kann nicht behaupten, wir werden keine Probleme kriegen«, sagt der Sindelfinger Werksdirektor Helmut Petri. Allemal jedoch, kontert Pkw-Vorstand Jürgen Hubbert, sei man in Stuttgart gegen das wütende Geschick besser gewappnet denn je: »Wir haben jetzt alle Instrumente, um die Probleme sofort zu erkennen.«

Probleme gab es bisher reichlich bei Modelleinführungen der Marke Mercedes, und oft wurden sie zu spät erkannt. »Erste Zweifel an dem Musterunternehmen« äußerte Auto, Motor und Sport, nachdem 1986 die Premiere des E-Klasse-Vorgängers W 124 gründlich danebengegangen war.

Das Fachblatt notierte damals nach Kundenbefragungen 15 schwerwiegende Mängel, unter anderem »knarrende Türen, abfallende Fensterkurbeln, schnell durchgesessene Sitze, Staubeinschlüsse im Metallic-Lack und frühzeitigen Bremsbelagverschleiß«. Mancher Kunde mußte fast jede Woche in die Werkstatt. Die Taxifahrer, mit die wichtigste Stammklientel der schwäbischen Wagenbauer, quittierten solche Nachlässigkeiten mit Protestveranstaltungen vor diversen Werkniederlassungen.

1991 setzte die S-Klasse die Serie der Mißlichkeiten fort - sie kam mit chronischem Übergewicht auf den Markt. Bei besonders gut ausgestatteten Modellen war das Leergewicht so hoch, daß die erlaubte Zuladung nicht einmal für vier durchschnittlich beleibte Passagiere reichte. Nachträglich mußte das Werk beim TÜV um die Absegnung eines höheren zulässigen Gesamtgewichts nachsuchen.

Wenig später sah sich die Bahn genötigt, die Auffahrspur auf den Verladedecks der Autoreisezüge zu verbreitern - die ungewöhnlich breit geratene S-Klasse paßte nicht ins Normprofil. Spott und Mißgunst der Mitreisenden ergoß sich über die Lenker der prestigeträchtigen Jumbo-Limousinen.

Vor zwei Jahren erschien die neue C-Klasse und fiel Autotestern sogleich unangenehm auf: Die Bremskraftverstärker der Basismodelle erwiesen sich als unterdimensioniert. Mercedes mußte die zu klein geratenen Bremshilfen gegen größere umtauschen.

Um von solchen Überraschungen diesmal verschont zu bleiben, inszenierte Mercedes während der vergangenen Monate das aufwendigste Vorab-Testprogramm der Unternehmensgeschichte. 260 Vorserienfahrzeuge der E-Klasse wurden von Mercedes-Mitarbeitern einer »kundennahen Fahrerprobung« (Werksabkürzung KF) unterzogen.

Angestellte aller Hierarchiestufen durften sich freiwillig als Testfahrer melden, vorausgesetzt, sie waren bereit, in zwei Tagen 2000 Kilometer zurückzulegen. Keine vergnügliche Spazierfahrt also, sondern »durchaus eine Erschwernis für unsere Mitarbeiter«, meint Hubbert.

Bewußt wählte Entwicklungsvorstand Dieter Zetsche vorwiegend Nicht-Techniker aus. Ingenieure, sagt er, neigten meist dazu, Fehler am einzelnen Fahrzeug gleich selbst zu beseitigen und nicht zu melden. Die unbedarften Versuchsfahrer sollten dagegen als Indikatoren dienen, »wie der Kunde das Fahrzeug künftig erleben wird« (Hubbert).

Was er nie erleben soll, wird nun von den Laienfahrern des KF-Teams rechtzeitig herausgetestet. Im Falle der E-Klasse waren es »kleine ergonomische Dinge« (Zetsche), etwa die Grundhelligkeit der Instrumente oder der anfänglich zu breite Sonnenschutzstreifen in der Frontscheibe, den einige Probefahrer als störenden »Balken vorm Kopf« empfanden.

Daß sich derart umfangreiche Tests trotz der vergleichsweise harmlosen Verbesserungsvorschläge bezahlt machen, steht für die Mercedes-Vorstände außer Zweifel. Geradezu lächerlich sei der Aufwand, gemessen an dem Schaden, den kleine Ärgernisse auslösen können.

»Ein auf immer verlorener Kunde«, verriet Hubbert, »kostet Mercedes im Durchschnitt 800 000 Mark.« Y

Zur Ausgabe
Artikel 44 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.