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AUTOMOBILE Wwwppp - und weg

Eine Fahrschule der besonderen Art bietet exotischen Freizeitspaß: Zu Preisen ab 2600 Mark ermöglicht sie betuchten Laien den Ausritt auf einem echten Formel-1-Rennwagen.
aus DER SPIEGEL 12/2001

Das Auto ist eng. Es hat nur Platz für einen. Und um reinzukommen, muss man erst einmal das Lenkrad ausbauen. Behutsam zwängt sich Klaus Strohbücker ins Cockpit des Arrows-Rennwagens.

Der Elektrikerlehrling aus Warendorf bei Münster hat gelb gefärbte Haare wie Formel-1-Rowdy Jacques Villeneuve in seinen wildesten Jahren. Er ist auch ungefähr so vorlaut, jetzt aber ganz, ganz still.

Mit Pressluft startet ein Mechaniker den Motor. Der Achtzylinder kreischt auf. Der Teamchef gibt die vereinbarten Handzeichen. Strohbücker erhöht behutsam die Drehzahl. Ein Hauch am Pedal führt zu einer Eruption im Wagenheck.

Der Formel-1-Gebrauchtwagen, der nun ohrenbetäubend bellt, wurde einst von Weltmeister Damon Hill gesteuert, hat noch immer einen Zeitwert von rund 1,5 Millionen Mark und leistet etwa 700 PS. Strohbücker hat seit einem Jahr den Führerschein. »Aber fahren tu ich schon länger.«

Wie kommt der Azubi in das Auto von Damon Hill?

»Es ist ein Lehrgang, um das Formel-1-Fahren zu ermöglichen«, erklärt Organisator René Wolff von der Kölner Agentur »Formula Event«. Der Lothringer Ex-Rennfahrer vermakelt Interessenten an den französischen Veranstalter »F1 International«. Der vermietet fünf ausgemusterte Formel-1-Fahrzeuge samt Instrukteuren und Mechanikerteam an die betuchten Freizeit-Rennsportler.

Das Programm beginnt bei 2600 Mark (ohne Anreise- und Übernachtungskosten). Dafür gibt es acht Runden auf der Teststrecke von Lurcy-Lévis im französischen Bourbonnais, insgesamt gut 20 Kilometer. Viele buchen das volle Programm: 20 Runden für 6200 Mark - »das absolute Maximum«, sagt Wolff, »weil die Konzentration und die Physis darüber hinaus nicht mehr mitmachen.«

Lehrling Strohbücker zahlt keinen Pfennig. Er verdankt seine Teilnahme einer Verkettung vortrefflicher Zufälle: Sein Chef gewann fünf Runden in einem Internet-Quiz, verstauchte sich aber zwei Tage vor Kursstart den Fuß. Generös im Ungemach schickte er seinen kecken Azubi los. ("Wie? Frankreich? Formel 1? Geht klar, Chef.")

Unversehens wurde Strohbücker in eine ferne Galaxie der Gesellschaft katapultiert. Vorwiegend sind es vermögende Stammkunden, die auf den Formula-Events im Zenit ihrer Eitelkeit einherdriften. Zum Frühstück erscheint der passionierte Sportfahrer Wolfgang Grefe bereits in voller Rennmontur, einem blauen Feuerschutzanzug. Für den Fall, dass der Overall nicht zur Wagenfarbe passt, hat er auch noch einen weißen dabei.

Der Tübinger Geschäftsmann bezeichnet sich als »reinen Unternehmenssanierer«. Sein Geld macht er damit, halb tote Firmen zu filetieren: »Wir sind sozusagen die Anästhesie, kommen kurz vor dem Insolvenzverwalter.« Grefe hat einen Porsche mit Rennwagensitzen und einen Geltungsdrang so groß wie Baden-Württemberg.

Mit kaltem Troubleshooter-Blick doziert er über den Rennsport als moralische Anstalt: »Was zählt, ist reine Disziplin.«

250 000 Mark investiert Grefe pro Jahr in den Charakterdrill am Steuer bei Clubrennen und Lehrgängen. Ferry Porsche sei ein Duzfreund von ihm gewesen, sagt er.

Lieber anonym bleiben möchte der Stuttgarter Kleinindustrielle mit dem Decknamen »Turbospeeder«. Der wurde ihm bei illegalen Rennen auf nächtlichen Autobahnen verliehen. Sein Auto-Spleen ist eine schwäbisch-schlichte Mischung aus Hedonismus und Weltschmerz: »Du erfüllscht dir deine Träume, aber du kriegscht auch Alpträume. Des isch e Sucht.«

Mit zweiseitigen Sicherheitshinweisen und einem einstündigen Theorieunterricht zur Einweisung versuchen die Veranstalter, Eskalationen vorzubeugen, bislang mit Erfolg. In zehn Jahren, so Wolff, ist es bei den Kursen zu keinen schweren Unfällen gekommen.

Eindringlich warnen die Instruktionen vor den Eigenarten eines völlig übermotorisierten Fahrzeugs. 700 PS treiben etwa 600 Kilogramm an. Im Straßenverkehr gibt es nichts Vergleichbares.

Beschleunigen darf man deshalb erst, wenn die Räder nach der Kurve wieder ganz gerade stehen. Gasgeben am Kurvenausgang, so der Lehrtext, »führt sofort zum Dreher (... im besten Falle)«. Ähnlich vernichtend könnten sich Gangwechsel während der Kurvenfahrt auswirken.

Die meisten Anfänger scheitern jedoch bereits beim Losfahren. Im Idealfall, sagt der Instrukteur, verhalte sich das Auto wie ein Pfeil beim Bogenschießen. Eine Metapher, die den Lernenden wohl einleuchtet: Wwwppp - und weg!

Doch so einfach ist es nicht. Die extrem harten Kupplungsfedern schnappen beim Lösen des Pedals so abrupt zu, dass die meisten Kandidaten den hoch empfindlichen Motor zunächst brutal abwürgen.

Geduldig kommt der Mechaniker wieder mit der Pressluft. Der Instrukteur gibt erneut die vereinbarten Handzeichen. Spotzend kriecht das Sportgerät mit dem ersten Freizeitpiloten auf die Piste. Die Fahrbahn ist nass und glitschig. Im Schneckentempo dreht der 75-jährige Vorarlberger Kunststoffindustrielle Engelbert Schwendiger seine teuer bezahlten Runden. Der urgemütliche Ex-Bergführer scheint immun gegen jegliche Profilierungssucht.

Mit dem Dauerregen sickert Ungeduld ins Fahrerlager. Zwei der drei Rennwagen kauern mit nässebedingten Elektronikproblemen in den Boxen, umwuselt von geschäftigen Mechanikern. Mit dem dritten startet Arno Wehrmann aus dem pfälzischen Bad Sobernheim beherzt auf die klitschnasse Piste. Das volle Programm für 6200 Mark hat er gebucht. Eltern, Frau und Sohn sehen zu.

Doch schon in der ersten Runde wird der bangenden Familie deutlich, dass zwischen der Kaufkraft und den Fahrkünsten des EDV-Experten offenbar ein Abgrund klafft. Im Kurvenausgang (gerade hatten wir es noch gelernt!) tritt Wehrmann aufs Gas und kreiselt sogleich in die vom Regen überflutete Wiese.

Fahrer und Auto werden tropfnass geborgen. Stille legt sich über Lurcy-Lévis. Nun sind alle Autos außer Gefecht. Azubi Strohbücker, in seiner entwaffnenden Natürlichkeit längst der Star der Truppe, albert quietschvergnügt um das havarierte Sportgerät herum ("Hey, da schwimmen ja Kaulquappen drin!"), während die hoch motivierten Stammkunden allmählich Nerven zeigen.

Porschefahrer Grefe, seit Stunden in voller Montur, hält dem Gestrauchelten einen Kurzvortrag über die Kardinaltugend des Motorsports ("Disziplin, Disziplin, Disziplin"), die jedoch nicht mit Altruismus verwechselt werden sollte. Veranstalter Wolff kriegt die deutliche Anweisung seines Großkunden: »Wenn der nächste Wagen fertig ist, dann sitze ich da drin, klar?«

Fertig wird der weiße Arrows, der blaue Anzug passt perfekt. Grefe stellt sich vor dem Wagen in Pose wie der Weidmann vor einem erlegten Achtzehnender. Seine Begleiterin, bis dahin kaum in Erscheinung getreten, zückt die Videokamera mit der Pflichtschuldigkeit eines Militäradjutanten.

Der Rest ist Routine: Lenkrad raus, einsteigen, Lenkrad rein, Feuerhaube auf, Helm auf, Handzeichen an den Mechaniker, Pressluft, Motor springt an, Kupplung, erster Gang, Motordrehzahl hoch. Disziplin, Disziplin, Disziplin.

Der Instruktor kommt kaum nach mit den Signalen. Er könnte auch Kaffee trinken gehen. Grefe braucht keine Anweisungen. Er kann das alles längst im Schlaf. Man könnte ihn um drei Uhr in der Nacht wecken, und er würde alle Schritte runterbeten wie ein Kampfpilot seine Checkliste.

Grefe ist der einzige Teilnehmer, der ein solches Fahrzeug wirklich beherrscht. Man könnte meinen, hier trainiert ein Profi. Respektvoll sehen die anderen zu, einige aber auch mit der diebischen Hoffnung auf einen Fahrfehler.

Doch Grefe macht keinen Fehler. Würden die Runden gestoppt, wäre klar ersichtlich, wie weit er vor dem Feld der anderen Laien liegt. Doch es gibt keine Zeitnahme, jedenfalls nicht offiziell. »Ein Rennen zwischen zwei Autos ist strikt verboten«, so steht es fett gedruckt und dick unterstrichen in den Sicherheitshinweisen.

Auch die Androhung handfester Disziplinarmaßnahmen soll Übermütige bremsen. »Achtung«, lautet ein weiterer Hinweis: »Die Beschädigung eines Fahrzeugs führt zum sofortigen Ausschluss!«

Die finanziellen Risiken halten sich für die Teilnehmer in Grenzen. Jeder muss 1600 Mark in bar oder als Euroscheck hinterlegen, mit denen er für Fehltritte haftet - angesichts eines potenziellen Totalschadens von 1,5 Millionen Mark eher ein Trinkgeld.

Doch für Lehrling Strohbücker, der als Letzter ins Auto steigt, ist die Zahl auf dem Scheck ungefähr so groß wie für Grefe der Gegenwert eines gestrandeten Chemiekonzerns. Der Chef in Warendorf hat unmissverständlich mit Lohnkürzungen gedroht.

Wie auf rohen Eiern juckelt der Azubi über die glatte Strecke. Als er dem unbeschädigten Sportgerät entsteigt, tost ein Applaus, wie ihn sonst nur Sieger kriegen. Strohbücker strahlt: »Formel 1, Mann, dat is voll dat andere Gefühl, irgendwie.«

CHRISTIAN WÜST

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