Zur Ausgabe
Artikel 82 / 105
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Sicherheit Zartes Pflänzchen

Fehlurteil bei Fahrradhelmen - die Stiftung Warentest hat einen verkehrspädagogischen Skandal ausgelöst.
aus DER SPIEGEL 22/1992

Wenn Gerhard Boye, 50, zur Arbeit radelt, trägt er - wie das Comic-Küken Calimero - eine bunte Styroporschale auf dem Kopf. »Einige Leute gaffen mich an, andere tun amüsiert«, berichtet der Sicherheitsexperte vom TÜV Rheinland.

Boye kann mit dem Spott gut leben. Seit sieben Jahren untersucht der oberste Helmprüfer der Nation die Qualität von Fahrradschutzhauben. Im Jahr 1990 wurden in Deutschland 68 000 Radfahrer zum Teil schwer verletzt, 908 starben, meist infolge von Kopfwunden.

Doch der Experte aus Köln, so behauptet nun die Stiftung Warentest, wiegt sich in »trügerischer Sicherheit«. Boyes Helm, Marke »Atlas touring«, ist nach Ansicht der Stiftung Warentest ein Schrottprodukt.

18 Schutzhelme für Kinder ließen die Berliner Warenprüfer untersuchen, neunmal hagelte es die Note »mangelhaft«. Riemen rissen, Befestigungssysteme barsten, einige der 200 bis 450 Gramm schweren Hartschaumprodukte rutschten von den Prüfköpfen.

Der Minus-Bericht, im Mai-Heft der Zeitschrift Test erschienen, hat beinahe zum Kollaps der laufenden Helm-Kampagne geführt. Seit Jahren werben der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC), die Polizei und die »Arbeitsgemeinschaft deutscher Verkehrserzieher« (ADV) für den Helmkauf.

In Aufklärungsfilmen stürzen Kinder koppheister vom Rad, die Gefährdung des Kopfes wird mit einer zersplitternden Melone demonstriert. Schupos lassen im Verkehrsunterricht rohe Eier fallen. Der ADV erreicht mit seinen Broschüren über 3000 Schulen.

Die Industrie hat sich schnell auf den Trend eingestellt. Etwa 90 Modelle sind mittlerweile auf dem Markt. Im letzten Jahr wurden gut eine Million der Styroporkappen verkauft. Immer mehr Kids halten sich an den Tip von Familienministerin Hannelore Rönsch: »So lange quengeln und die Eltern nerven, bis sie einen Radhelm kaufen.«

Auch Mercedes-Benz geht erfolgreich gegen das Gurken-Image der Plastikschalen vor. Gemeinsam mit dem Comic-Verlag Ehapa offeriert die Firma ein Sortiment an »crazy« Helmen. Gleichzeitig turnen Donald und Mickymaus in eigens konzipierten Bildergeschichten behelmt durch Entenhausen.

Doch die mühsam erkämpfte Akzeptanz beim Nachwuchs scheint schlagartig dahin. ADV-Chef Günter Kortstock schreibt den Warentestern eine »verheerende Wirkung« zu: »Die Eltern sagen, wir hätten Mist empfohlen.«

Mit »mangelhaft« zensierte Helme flogen aus den Sortimenten der Warenhäuser. Der Marktführer Bil Atlas aus Schweden, der im letzten Jahr in Deutschland 800 000 Fahrradhelme absetzte, verzeichnet schwere Umsatzeinbußen. Nach dem »skandalösen Urteil der Stiftung«, sagt der deutsche Vertriebschef Werner Goretzki, »sind uns sofort Aufträge im Wert von 1,5 Millionen Mark weggebrochen«.

Die Testresultate, von dem holländischen Institut TNO ermittelt, sind um so verwirrender, weil viele der angeblichen Schrottmodelle die GS (Geprüfte Sicherheit)-Plakette tragen. Eine ADAC-Untersuchung, im Februar vorgestellt, hatte unter 29 Helmen nicht einen einzigen für untauglich erklärt.

Schuld an den widersprüchlichen Noten ist das Normengestrüpp für Fahrradhelme. In Schweden, England, Deutschland und den USA gibt es unterschiedliche nationale Richtlinien. Um die Sicherheitsstandards grenzüberschreitend zu formulieren, handeln die 19 Efta- und EG-Staaten in Brüssel derzeit beim Comite europeen de normalisation (Cen) eine europäische Norm aus.

Das Tauziehen um diese Vorschrift ist seit Jahren im Gange. Im derzeitigen Stadium stellt das Arbeitspapier extrem hohe Anforderungen an die Helme. An dieser unausgegorenen Richtlinie haben sich die Warentester orientiert.

Beim Reißtest für die Verschlußriemen etwa schreibt die Cen-Norm - auf Wunsch der Franzosen - die gleichen Werte wie für Motorradhelme vor. Als die TNO-Leute die kleinen Plastikschalen auf die Quetschbank legten, entstand Riemensalat. »Verschlüsse brechen«, »Bänderung reißt«, lauten die Befunde.

Tief hinabgezogen wurde das Gesamtergebnis auch durch den sogenannten »Roll-off-Test« - eine Extrawurst der Briten. Gegen den erbitterten Widerstand der Schweden und Deutschen konnte Peter Lawson von der British Standards Institution diesen Spezialtest im Cen-Papier verankern.

Bei dem Experiment wird mittels einer speziellen Vorrichtung versucht, den Helm vom Prüfkopf zu zerren und seine Rutschfestigkeit zu bestimmen. Lawson selber nennt den Test »höllisch": Den TNO-Technikern kegelten die Helme reihenweise von den kahlköpfigen Dummys.

Boye hält es für ausgeschlossen, daß die Cen-Richtlinie in der jetzigen Form EG-Recht wird. Entsprechend groß ist sein Unmut über die entstandene Verunsicherung bei Eltern und Verkehrserziehern: »Das zarte Pflänzchen Helmakzeptanz wurde mit dem Holzhammer traktiert.«

Das TNO-Institut scheint zudem pfuschig getestet zu haben. Professor Volker Briese vom ADFC wirft den Holländern »unsaubere Arbeit« vor. So seien »Fehlmessungen« in die Prüfbögen eingetragen worden. Helme mit viel zu schmalen Riemen wurden nicht beanstandet.

Bei anderen Prüfsegmenten schlugen die Warentester um so härter zu. Der Helm-Bestseller »Atlas touring« zum Beispiel wurde zehnmal aus 1,50 Meter Höhe auf den Boden geknallt. Bei zwei Abstürzen lag der Dämpfwert knapp über dem erlaubten Cen-Maximum von 250 G (einer technischen Meßeinheit für Stoßdämpfung). Rigoroses Urteil: »Mangelhaft.«

TÜV-Kontrolleur Boye, der die Messungen vorletzte Woche nachprüfte, kam nur auf Crashwerte von 230 G. Seiner Meinung nach erfüllt der Atlas-Helm alle Sicherheitskriterien. Auch der ADAC attestiert dem schwedischen Produkt gute Dämpfeigenschaften.

Angesichts der meßtechnischen Konfusion halten es alle Beteiligten für kontraproduktiv, mit Greuel-Urteilen auf den Markt zu platzen. Der TV-Journalist und Helm-Aufklärer Heinz Faßbender: »Es ist der fatale Eindruck entstanden, als könne man sich gleich eine Plastiktüte auf den Kopf setzen.«

Infolge der nicht abreißenden Protestwelle scheint die Stiftung Warentest nun zu wanken. Für Mittwoch dieser Woche haben die Produkt-Prüfer zu einem »Gipfeltreffen« (Briese) nach Berlin geladen. Der verantwortliche Mitarbeiter Klaus Düts wurde in eine andere Abteilung weggelobt.

Radclub-Professor Briese ist sicher, daß auf der Sitzung ein Dementi vorbereitet werden soll. In der fast 30jährigen Geschichte der Stiftung Warentest wäre das ein einmaliger Vorgang.

Zur Ausgabe
Artikel 82 / 105
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.