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EVOLUTION Zeit der Morgenröte

Sie sehen aus wie eine Kreuzung aus Ratte und Känguru, tragen seltsame Nasen und berauschen sich am Alkohol: Eine Fernsehserie dokumentiert das Leben der frühen Säugetiere.
aus DER SPIEGEL 4/2002

Wer nach den Vorfahren des Menschen sucht, braucht ein solides Schlachtermesser - jedenfalls in Hessen. Dort liegen, gepresst zwischen millimeterdünnen Ölschieferplatten, die Überreste früher Säugetiere in einer stillgelegten Bergbaugrube. Nebenan forschen die Wissenschaftler des Forschungsinstituts Senckenberg in einem unscheinbaren Zweifamilienhaus. Geologe Franz-Jürgen Harms zückt sein Messer, zieht ein Buch aus dem Regal und wagt einen großen Vergleich: »So«, sagt er, während er mit der Klinge zwischen die Seiten fährt, »blättern wir durch die Gesteinsschichten und schlagen das Buch des Lebens auf - Seite für Seite.«

Bei ihrer Blätterei in der südhessischen Grube Messel, Deutschlands einzigem Weltnaturerbe, fanden die Forscher unzählige versteinerte Insekten und Pflanzenreste, aber auch Fossilien von Fledermäusen, Nagetieren oder Huftieren wie dem berühmten, nur 30 Zentimeter hohen europäischen Urpferdchen. Sie alle stammen aus dem Eozän, der »Zeit der Morgenröte«, und versteinerten vor 49 Millionen Jahren.

Lange hatten die ersten Vertreter der modernen Säuger ein Schattendasein neben den Land, Luft und Wasser beherrschenden Dinosauriern geführt. Dann aber, vor 65 Millionen Jahren, löste ein gewaltiger Meteoriteneinschlag einen Klimaschock aus, der die Saurier dahinraffte. Damit war die Weltbühne frei für den Siegeszug der Säugetiere. Mit exzentrischen Körperformen und ausgeklügelten Verhaltensweisen eroberten sie die Erde - »und in Messel«, sagt Harms, »hat sich die ganze neue feine Gesellschaft damals getroffen«.

Nun kommt die frühzeitliche High Society ins Fernsehen: Messels Tierleben eröffnet eine sechsteilige BBC-Dokumentation über die Evolution der Säugetiere, die der Sender ProSieben an zwei Abenden ausstrahlt*. Für rund 11 Millionen Euro hat der Brite Tim Haines, dessen Produktion »Walking with Dinosaurs« schon im vergangenen Jahr weltweit rund 400 Millionen Zuschauer vor die Glotze lockte, nun auch die Nutznießer des Dinosauriersterbens zum Leben erweckt. »Die frühen Säuger«, so sagt der Filmemacher, »sind unsere wahren Alpträume. Sie gehören noch mehr zu unserer Geschichte als die Dinos.«

Sein Doku-Drama wirkt so vertraut, als liefe Grzimeks »Seren-

geti darf nicht sterben« auf der Mattscheibe. Haines erzählt kleine Alltagsepisoden aus dem Leben der Tiere - die einzige Möglichkeit, 49 Millionen Jahre auf drei Stunden zusammenzuraffen. Allein zwischen dem Auftritt der ersten Menschenaffen und dem der Säbelzahnkatzen liegen rund 20 Millionen Jahre. Vor 30 000 Jahren schließlich - so endet die Dokumentation - macht sich der Mensch auf, die Erde zu beherrschen.

Es zirpt und fiept und knirscht, es blubbt und blabbert, kratzende Geigen setzen dramatische Musikakzente, und stets sind es die Unvorsichtigen und Schwachen, die auf der Erde, gleich wie viele Millionen Jahre vor Christus sie leben, das Nachsehen haben: Das possierliche Leptictidium, dem Aussehen nach ein geflecktes Geschöpf irgendwo zwischen Ratte und Känguru, landet im Schnabel eines Urvogels. Kleine Raubtiere zerbersten in den Kiefern fünf Meter großer Huftiere. Geierartige Kreaturen stürzen sich mit Flügeln, die so weit wie drei Stockwerke hoch sind, vom Himmel auf unbedarftes Kleinvieh. Und Säbelzahnkatzen verspeisen ungerührt die ersten Urmenschen.

Für jedes Tier ließ Haines Modelle basteln. Bei Nahaufnahmen, zum Beispiel wenn ein Mammut den Kopf in den Schnee senkt, spielte seine Crew mit den bis zu vier Meter großen Silikonmodellen eine Art Riesen-Puppentheater. Alle Feinmotorik lief über Fernbedienung: ein Knopfdruck, und schon klappten Kiefer und Augenlider auf und zu.

Haines Tiere erscheinen wirklichkeitsnah, weil sie bis in die letzte zuckende Riesenwimper animiert sind. Scharen von Technikern simulierten Bewegungen, Farbe und Fell der Geschöpfe und bearbeiteten die in Florida, Brasilien und Kanada gedrehten Episoden am Computer nach. 17 Monate dauerte es, dann waren die Giganten virtuell auferstanden, die in Haines'' Dokumentation die Hauptrolle spielen.

Dabei begann die Geschichte der Säuger mit Kleindarstellern. Kaum ein Tierfund aus der Grube Messel misst mehr als 80 Zentimeter. Erst 25 Millionen Jahre nach Beginn des Eozäns sah die Erde so aus, dass Riesen wie das 15 Tonnen schwere, nashornähnliche Indricotherium sich wohl fühlten: weite Ebenen, ein trockenes Klima. »In den engen Regenwäldern des Eozäns«, erklärt der Paläontologe Gerhard Storch vom Naturmuseum Senckenberg in Frankfurt am Main, »konnten sich die Giganten noch gar nicht entwickeln.«

Stattdessen kreuchten erst einmal Miniatur-Säuger über den feuchten Dschungelboden. Überall auf der Welt bot die Erde den neuen Wesen ähnliche Lebensbedingungen - eine optimale Voraussetzung für die Tiere, sich flächendeckend zu erproben und ältere Säugerformen zu verdrängen: Mit schwülen 26 Grad Durchschnittstemperatur herrschte fast allerorten das gleiche Tropenklima. Im weltweiten Dickicht hoher Bäume und bunter Blütenpflanzen verfeinerten die Tiere Geruchs- und Hörsinn; wuchsen ihnen spezialisiertere Nasen und zusätzliche Mittelohr-Knochen.

Nichts hielt die Neuankömmlinge auf, deren Gestalt und Verhalten zunehmend bunter und vielfältiger wurde: Weil Nordamerika und Eurasien über die Beringstraße durch eine Landbrücke miteinander verbunden waren, konnten sie sich überall verbreiten. Deshalb finden sich heute in Messel Fossilien von Tieren, deren Entwicklung im asiatischen oder amerikanischen Raum begonnen hat.

»Einige«, erklärt Storch, »waren schon relativ weit ausgebildet, als sie hier ankamen.« Der Flug- und Gehörapparat mancher Fledermäuse etwa gleicht dem heutiger bis auf das letzte Knöchelchen - ihre Entwicklung muss lange vor dem Eozän begonnen haben. »Häufig«, schwärmt Storch, »war die Tierwelt damals einfach bizarrer und kreativer als heute.« Allein drei Igelarten habe Messel zu bieten, jede anders gegen den Feind gewappnet: Die einen rannten davon, die anderen rollten sich zur Stachelkugel, die dritten konnten beides.

Woher nehmen die Paläontologen solches Wissen? Schließlich haben Tiere, anders als die frühen Menschen, keine aufschlussreichen Höhlenzeichnungen hinterlassen, die etwas über ihre Jagd-, Nahrungs- oder Sexualgewohnheiten überliefern.

Die Grube Messel macht es den Urzeitforschern relativ leicht: In dem weitgehend sauerstoffarmen Ölschiefer des ehemaligen Maar-Sees konnten sich die Tierkadaver ziemlich vollständig erhalten. Unter dem Elektronenmikroskop lassen sich sogar oft an der Anordnung fossiler Bakterien die Hautschatten oder Fell- und Federstrukturen erkennen. Mageninhalte erzählen etwas über die Nahrungsgewohnheiten der Tiere, ein fossiler Fötus, wie er in einem der Urpferdchen entdeckt wurde, über die Fortpflanzung.

Doch selbst im Paläontologen-Paradies Messel sind Säugerfunde rar. Ehe die Wissenschaftler auf ein Pferdchen oder einen Tapir stoßen, durchblättern sie mit ihren Schlachtermessern durchschnittlich 300 bis 500 Kubikmeter Ölschiefer.

An anderen Grabungsorten müssen sich die Forscher oft mit wenigen Zähnen und Knochen begnügen. »Die erste Frage«, sagt der Urzeitforscher Michael Morlo, der als einer von rund 400 Wissenschaftlern das Filmteam beraten hat, »lautet immer: Warum sieht etwas aus, wie es aussieht?« Weite Nasenkanäle etwa weisen auf den ausgeprägten Geruchssinn von Tieren hin, die in der Dämmerung jagen. Bissspuren von Artgenossen können bedeuten, dass die Männchen sich regelmäßig bei Rangkämpfen im Rudel zerfleischt haben.

Vor allem das Gebiss erlaubt Rückschlüsse: Die Forscher erkennen an der Art eines Zahns, was das Tier gefressen hat. Die Abnutzungserscheinungen bei den Zähnen von Hyaenodon-Männchen aus dem Eozän führen sie allerdings auf heftiges Zähneknirschen zurück, mit denen die Raubtiere ihre Feinde einschüchterten.

Ein noch nicht durchgebrochener Zahn wiederum gehört meist zum Kiefer eines Jungtiers - er kann aber auch im Maul eines Säugers gesteckt haben, dem nach Art der Elefanten ein neuer Zahn wächst, wenn der alte hinüber ist.

»Plausible Spekulation« nennt Morlo diese Methode. Gewissheit haben Paläontologen selten, vor allem, wenn sie das Sozialverhalten der Urzeitkreatur beschreiben. Sie können wenig sagen über die Farbe eines Fells und allenfalls ahnen, ob ein Tier beim Balzen brüllte, zwitscherte oder heulte. Selbst die Erkenntnisse über Größe und Gestalt sind oft nur das Ergebnis einer Hochrechnung.

Zwangsläufig transportiert Haines'' Dokumentation daher Bilder mit hohem Fiction-Anteil: Niemand weiß, ob die Säbelzahnkatzen wie Löwen im Rudel gejagt haben. Oder ob das Urpferdchen am Messelsee tatsächlich zu betrunken war, um dem flügellosen Riesenvogel Gastornis zu entkommen. Getrieben von Hunger hatte es, so will es der Film, am Ufer des Messelsees zu viel vergorene Trauben gefressen. Ein Happs - und Gastornis hatte ihm mit dem Schnabel das Genick gebrochen.

Wissenschaftler Storch verweist diese Folgen von Frühzeit-Alkoholismus ins Reich der »Paläofantasy«. Belegt ist, dass die Urpferdchen keine harten Gräser gefressen, sondern sich von Blättern und Früchten ernährt haben - die Überreste sind als Mageninhalte in Messel zu besichtigen. Zweifelsfrei ist auch, dass Tiere nach dem Genuss vergorener Früchte in Vollrausch geraten können.

Doch ob Gastornis jagen ging, ist unter den Experten umstritten. Sein kräftiger, großer Schnabel spricht dafür. Sein unförmiges Skelett aber legt nahe, dass er ein richtig lahmer Vogel gewesen sein muss, der verhungert wäre, hätte er seine Beute hetzen müssen. »Und was in der Welt«, fragt Storch und blickt sinnend auf ein Mobile aus Katzen-, Ratten- und Kaninchenschädeln über seinem Schreibtisch, »soll so einer schon von einem beschwipsten Urpferdchen gewollt haben?« KATJA THIMM

*"Die Erben der Saurier - Im Reich der Urzeit«, 24. und 31.Januar, jeweils um 20.15 Uhr. Unter dem gleichen Titel ist bei dervgs-Verlagsgesellschaft das Buch zum Film erschienen.

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