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DELPHINE Zerrissene Mäuler

Ein Massensterben von Delphinen vor der amerikanischen Ostküste irritiert die Wissenschaftler. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Die Strandgänger an Amerikas Ostküste sind verängstigt, die Biologen ratlos und die Umweltschützer empört: Seit 1. Juli haben die Behörden von New Jersey, Virginia und Delaware über 200 tote Delphine an ihren Stränden registriert - befallen von einer rätselhaften Krankheit.

»Was wir sehen, ist absolut neu - ist beispiellos«, entsetzte sich James G. Mead von der renommierten Smithsonian Institution in Washington. »Die Säugetiere, die im Wasser leben, werden getötet, die das Wasser nutzen, werden krank«, sagte Dennis Sternberg, ein Zahnarzt aus dem Küstenort Ocean Township in New Jersey, und brachte damit Delphin und Homo sapiens in Verbindung.

An der Ostküste Amerikas, zwischen New Jersey und Virginia, treiben sich im Sommer regelmäßig an die 1400 Delphine in Schwärmen herum. Ein knappes Dutzend pro Jahr landet tot an den Küsten.

Dieses Jahr, fürchten die Behörden, könnten die Delphine schwer dezimiert werden. Luftaufklärer über der riesigen Chesapeake Bay zwischen Virginia und Maryland haben Scharen unüblich langsam schwimmender Delphine gesichtet, deren Bewegungen lahm waren und zwischen denen massenhaft tote Tiere trieben.

Die gestrandeten Tierkadaver zeigten Verwüstungen in den inneren Organen und teilweise grausige äußere Verletzungen. »Ihre Haut ist tot«, berichtete Joseph Geraci, Chef einer Wissenschaftler-Mannschaft, die das Desaster untersuchen soll, »sie löst sich von selbst vom Fleisch.«

Den Delphinen sind vor ihrem Tod oft schon Haut und Fleisch des Unterkiefers bis auf die Knochen abgefault. Die Mäuler sind zerrissen, Lungen, Brust und Magen stecken voll Blut, massive Gehirnblutungen verändern die Verhaltensweise der Tiere. Das Geraci-Team und die staatlichen Behörden kamen den Ursachen der Krankheit indes nicht näher, bevor ihnen nicht lebende Tiere in die Hände fielen.

Robert Schoelkopf, Direktor des Zentrums für gestrandete Wale in Brigantine (US-Staat New Jersey), konnte schließlich einen Delphin »in entsetzlichem Zustand«, aber noch lebendig, sicherstellen. Das Tier verendete zwei Stunden danach in Professor Schoelkopfs Instituts-Becken.

Seither sehen die Wissenschaftler etwas klarer: Die tödliche Krankheit ("Septikämie") wird offenbar durch Streptokokken und sogenannte Vibrio-Bakterien ausgelöst - Erreger, mit denen die Delphine normalerweise »in Harmonie leben« (Geraci). Unklar ist, weshalb die sonst eher harmlose Infektion jetzt zu jenen schweren inneren Blutungen führt, die bei den verendeten Tieren festgestellt wurden.

»Wenn wir die Ursache dafür herausfinden«, meint Geraci, »können wir etwas dagegen unternehmen«; wenn nicht, so der Biologe »haben wir es womöglich mit einer zyklischen Krankheitsform zu tun, die irgendwann in den nächsten hundert Jahren wieder auftaucht«. 1979, erinnern sich Biologen, waren vor Cape

Cod scharenweise die Seehunde gestorben, vermutlich an einem Virus.

Einige Biologen suchen denn auch diesmal wieder nach einem Grippe-Virus, das die Widerstandskraft der Delphine tödlich herabgesetzt haben könnte. Allerdings konnte bislang noch nicht einmal festgestellt werden, ob die Tiere sich gegenseitig angesteckt haben oder sich einzeln - aus verseuchtem Meereswasser- infizierten.

Chemische Gifte, die gleichfalls die Widerstandsfähigkeit der Tiere geschwächt haben könnten, wurden im Blut der obduzierten Delphine bislang nicht entdeckt. Doch ganz ausschließen will Walfachmann Schoelkopf eine mögliche Giftursache nicht:"Es können sich Dinge im Ozean abspielen, von denen wir keine Ahnung haben.«

Eine Ahnung davon bekamen in der Zeit des großen Delphinsterbens die Badegäste vor Ort. Ihnen wurden die Strände vor der Nase abgesperrt, weil in Küstennähe ein 50 Meilen langer Teppich teils toxischer, teils nur ekelhafter Abfälle herumschwappte.

Der Abfallfilm vor der Küste, so wurde ruchbar, stammt aus Riesenmengen Krankenhausmüll, den obskure Abfallunternehmer einfach ins Wasser gekippt haben: Giftflaschen, Mullbinden, verfallene Medikamente und - besonders appetitlich - Operationsreste.

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