Naturschutz Zu wenig Wildnis – Deutschland setzt Vorschriften nicht um

Zwei Prozent der Landesfläche soll eigentlich Wildnis sein – komplett der Natur überlassen. Medienberichten zufolge hat Deutschland bei der Schaffung solcher Oasen versagt.
Reh in einem Weizenacker (Archivbild): Nur 0,6 Prozent der Landesfläche sind echte Wildnis

Reh in einem Weizenacker (Archivbild): Nur 0,6 Prozent der Landesfläche sind echte Wildnis

Foto: Marius Bulling / onw-images / imago images

Deutschland liegt laut Medienberichten weit hinter seinen Zielen zur Schaffung reiner Wildnisgebiete zurück. Obwohl die Bundesregierung bereits im Jahr 2007 beschlossen hatte, zwei Prozent der Landesfläche für Wildnisgebiete bereitzuhalten, kommt Deutschland bis heute nur auf die Quote von 0,6 Prozent, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland und das ZDF-Magazin »Frontal21«  berichten. Die Bundesrepublik habe also nicht einmal ein Drittel ihres selbst gesteckten Ziels erreicht.

Kein einziges der deutschen Flächenländer schafft es diesen Berichten zufolge, zwei Prozent seiner jeweiligen Fläche der Wildnis zu überlassen:

  • Schlusslicht ist demnach Nordrhein-Westfalen, das Flächenland mit der höchsten Bevölkerungsdichte komme nur auf 0,19 Prozent Wildnis, und zwar in der Kernzone des Nationalparks Eifel.

  • Selbst Bayern als größtes Flächenland mit viel Wald habe nur 0,63 Prozent Wildnis.

  • Noch niedriger ist der Wildnisanteil den Berichten zufolge in den eigentlich waldreichen Bundesländern Rheinland-Pfalz (0,54 Prozent) und Hessen (0,48 Prozent).

  • Baden-Württemberg hat mit 0,23 Prozent eine fast so schlechte Quote wie das viel dichter besiedelte NRW.

  • Dank seiner verwilderten Truppenübungsplätze und Tagebauflächen schneidet Brandenburg mit 0,78 Prozent besser ab.

  • Die höchsten Anteile von Wildnis gibt es demnach im Saarland (0,97 Prozent) sowie in Mecklenburg-Vorpommern mit seinen ausgedehnten Nationalparks (1,58 Prozent).

Erst im Herbst vergangenen Jahres hatte die Bundesregierung einen Bericht veröffentlicht, wonach Deutschland es nicht schafft, die heimische Biodiversität ausreichend zu schützen, obwohl sich die Regierung dazu völkerrechtlich verpflichtet hat. Bei 11 von 13 Indikatoren mit konkreten Zielwerten, darunter Artenvielfalt und der Schutz gefährdeter Arten, liegen die Werte demnach noch »weit« oder »sehr weit« vom Zielbereich entfernt. In einer Einschätzung des Umweltministeriums zum Bericht heißt es, die für die Jahre 2020 und 2030 geltenden Zielwerte könnten »aller Voraussicht nach nicht erreicht werden«.

Die wichtigste Ursache für den Artenrückgang, so der Bericht, sei die intensive landwirtschaftlich Nutzung. In Siedlungsbereichen wirken sich Bautätigkeit und Flächenversiegelung negativ aus. Auch die Zunahme von Schutzgebieten führt offenbar nicht dazu, die Arten ausreichend zu schützen.

Bedrohung der Artenvielfalt

Wie gravierend die Bedrohung für die biologische Vielfalt in Deutschland allein durch die Landwirtschaft ist, hatten im vergangenen November Wissenschaftler verschiedener Akademien gemeinsam beschrieben: »Der Rückgang der biologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft ist so dramatisch, dass in Zukunft ernsthafte Folgen für die Funktionsfähigkeit der Agrarökosysteme und für das Wohlergehen des Menschen zu erwarten sind«, heißt es in dem Papier »Biodiversität und Management von Agrarlandschaften«, das die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina, die Akademie der Technikwissenschaften und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften veröffentlichten. Ihr Fazit: Alles, was Landwirtschaft effizienter und wettbewerbsfähiger macht, gefährde die Vielfalt der Arten in Deutschland.

oka/AFP
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