Zur Ausgabe
Artikel 8 / 35
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Zügig ins Koma

Mussten die Patienten früher bei Operationen höllische Schmerzen erdulden, fürchtet heute so mancher, aus einer Narkose nicht wieder zu erwachen. Dabei gelten Narkosen als extrem sicher.
aus SPIEGEL Wissen 4/2009

Jahrhundertelang war die Chirurgie ein Handwerk, bei dessen Vertretern die Patienten nur in äußersten Notlagen Zuflucht suchten. Zu groß war die Wahrscheinlichkeit, den Eingriff nicht lebend zu überstehen oder danach noch kränker zu sein.

Verletzte sich etwa ein Soldat im Dreißigjährigen Krieg schwer am Bein und wurde dieses »brandig«, verweste also das Gewebe, blieb ihm nur, den Bader oder Barbier aufzusuchen. Der brauchte kaum mehr als einen großen Holztisch in seinem Operationsraum. Am schlimmsten waren die Torturen, die der Patient bei einer Amputation durchleiden musste. Eine Betäubung wagte man nicht aus Angst, dass die Patienten nicht wieder aufwachen könnten.

Auch für den Chirurgen war so eine Operation nicht angenehm: Gepeinigt von höllischen Qualen, zappelten die Kranken, schlugen wild um sich, bis der Schmerz ihnen das Bewusstsein raubte. Nicht selten holten sich zuvor die Bruchschneider zwei starke Männer vom Markt, die den Patienten mit Stricken und Tüchern fixierten, den Kopf von der Operationsstelle wegdrehten und mit den Knien die Oberarme auf die Tischplatte pressten, damit diese Schmerzen vom eigentlichen Geschehen ablenkten.

Im Mittelalter hatte man versucht, Patienten mit Extrakten aus Tollkirsche oder Bilsenkraut zu narkotisieren. Mancher Chirurg machte seine Patienten auch betrunken und linderte so die Schmerzen ein wenig. Selbst vor dem Zusammendrücken der Halsschlagader schreckte man nicht zurück - durch den Sauerstoffmangel im Gehirn fielen die Patienten zügig ins Koma. Nicht zuletzt durch den Einfluss der Kirche waren diese Versuche der Schmerzlinderung lange Zeit verpönt.

So musste man in Europa zwischen 1500 und 1840 nahezu ohne Narkose auskommen; erst nach ihrer Einführung konnte die Chirurgie aufblühen und ihre Anerkennung als Zweig des ärztlichen Berufs durchsetzen.

Erste Betäubungsversuche mit Lachgas gab es 1844. Im Oktober 1846 gelang die erste Narkose mit Äther, ein Jahr später wurde Chloroform als Narkosestoff eingeführt. Die moderne Vollnarkose, wie sie heute zum Standardrepertoire jedes Kleinstadtkrankenhauses gehört, hatte schließlich in den frühen vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ihren Durchbruch.

Chloroform und Äther haben als Narkosemittel ausgedient, neue synthetisierte Narkosegase haben die Betäubung exakt steuerbar gemacht. Mit Narkosegeräten wird der Gas-Cocktail verabreicht; über Sensoren kann in der ausgeatmeten Luft die im Körper verbliebene Konzentration genau bestimmt werden.

Die moderne Anästhesie hat die Risikoeinschätzung total umgedreht: Hatten die Menschen früher panische Angst davor, zu viel von einer Operation zu spüren, beschleicht nun so manchen die Sorge, aus der Narkose nicht mehr aufzuwachen. Vielen ist die Betäubung unheimlich: Der Arzt versetzt den Patienten in einen künstlichen Schlaf, wobei der Narkotisierte nicht selbst steuern kann, wann er wieder zu sich kommt.

Anders als der Schlaf geht eine Narkose mit tiefem Bewusstseinsverlust einher. Der Patient kann nicht einfach geweckt werden, träumt nicht und spürt keine äußeren Einflüsse, etwa Schmerzen. Die Narkosestoffe müssen drei Aufgaben erfüllen: Schlaf, Schmerzausschaltung und oft auch Muskelerschlaffung. Der Patient wird bei einem Großteil der Vollnarkosen kontrolliert beatmet, der Arzt schließt ein automatisches Beatmungsgerät an und stellt die Atemhäufigkeit und die zu verabreichende Luftmenge ein.

Wird ein Medikament zur Muskelentspannung gespritzt, erschlafft in der Regel auch die Atemmuskulatur, was eine selbständige Atmung unmöglich macht. Der Anästhesist führt deshalb einen Kunststoffschlauch in die Luftröhre ein, durch den der Patient beatmet werden kann. Am unteren Ende des Schlauchs befindet sich ein kleiner Ballon, der mit Luft aufgeblasen wird. So kann der Narkosearzt sicher sein, dass der Tubus festsitzt, auch wenn der Patient bewegt werden muss. Zwar wer- den Operationskandidaten nüchtern ins Krankenhaus bestellt. Sollte dennoch Mageninhalt durch die Speiseröhre den Weg in den Rachenraum finden, blockiert der aufgeblasene Ballon den Weg in die Lunge und verhindert so ein Ersticken. Um Schmerzen auszuschalten, können verschiedene Medikamente verabreicht werden - üblich sind künstliche Opiate wie Dipidolor oder Fentanyl.

Während der gesamten Narkosedauer hängt der Körper an Geräten, welche die lebenswichtigen Funktionen ständig überwachen. So kontrolliert ein Klipp am Finger die Sauerstoffsättigung im Blut, eine Messsonde am Tubus misst den CO2-Gehalt in der ausgeatmeten Luft, der Blutdruck wird fortwährend dokumentiert, Herzfrequenz und Körpertemperatur werden gemessen, ein EKG ist angeschlossen. Bei bestimmten Eingriffen kann sogar der Druck im Blutgefäß direkt ausgewertet werden.

Nähert sich die Operation dem Ende, beginnt der Anästhesist, die Gaszufuhr zu reduzieren - der Patient gelangt allmählich zu Bewusstsein und wacht schließlich auf. Bis der Kranke völlig orientiert ist, vergeht meist eine Weile; diese Zeit verbringt er in einem speziellen Aufwachraum, wo er unter Beobachtung durch einen Narkosearzt steht. Ein künstliches Koma, in das beispielsweise ein schwerverletzter Patient auf einer Intensivstation versetzt wird, ist nichts anderes als eine langandauernde Narkose.

Ein neuer Trend in der Narkosemedizin heißt »Tiva« - totale intravenöse Anästhesie. Dabei werden Narkose- und Schmerzmittel direkt in die Blutbahn gespritzt. Seit längerem wird diese Methode bei Notarzteinsätzen angewandt, um auf schweres Narkosegerät verzichten zu können. Vorteil der Tiva im OP-Saal: Die so betäubten Patienten leiden nach dem Aufwachen seltener unter Übelkeit, werden rascher wach und können schneller entlassen werden.

Ein gängiges Schlafmittel ist das durch den Tod des Pop-Sängers Michael Jackson in die Schlagzeilen geratene Propofol. Die milchige Flüssigkeit hat eine euphorisierende Komponente. Vor allem steigert sie nicht den Hirndruck, was bei bestimmten Eingriffen wichtig sein kann.

Trotz aller Messungen, Kontrollen und Geräte muss ein Arzt auch aus seiner Erfahrung heraus einschätzen, wie tief der Patient während der Narkose schläft, also wie intensiv der Bewusstseinsverlust ist. Dabei achtet er auf Indizien für einen zunehmend wacher werdenden Patienten: Das kann die Erhöhung der Herzfrequenz sein, ein ansteigender Blutdruck, Veränderung der Pupillen oder Schwitzen. Mehr und mehr setzen sich auch Geräte durch, mit denen Hirnstrommessungen durchgeführt werden können, die bei einem ausreichend narkotisierten Patienten einen bestimmten Kurvenverlauf anzeigen.

Verschweigt der Patient dem Arzt, dass er Kettenraucher ist, regelmäßig Alkohol trinkt oder Drogen nimmt, kann die Dosierung der Medikamente nicht angepasst werden. Etwa 2 von 1000 Patienten nehmen während einer Vollnarkose ihre Umgebung trotz aller Sicherheitsvorkehrungen wahr. Dieses Risiko ist bei Notfallnarkosen, Kaiserschnitten, Drogenmissbrauch oder bei der Tiva am höchsten.

Im Unterschied zu anderen medizinischen Prozeduren sind Zwischenfälle bei der Narkose unwahrscheinlich. Dennoch trägt der Anästhesist die wohl größte Verantwortung im Operationssaal. Selbst ein einfacher Eingriff wie die Entfernung des entzündeten Wurmfortsatzes eines Blinddarms kann zum Verhängnis werden.

Deshalb wird die Anästhesie oft mit der Luftfahrt verglichen. Narkoseärzte folgen derselben Losung wie Piloten: »Hours of boredom, moments of terror« - Stunden der Langeweile, in denen fast nichts passiert, und Augenblicke, in denen es plötzlich zu schwersten Zwischenfällen kommt, wo es oft um Leben und Tod geht.

Doch einen Unterschied gibt es: Ein Flug kann abgebrochen oder verzögert werden, wenn ein Problem auftritt. Eine Narkose hingegen lässt sich nicht aufschieben, wenn eine akute Krankheit oder Verletzung behandelt werden muss, die für sich genommen schon lebensbedrohlich ist.

Ähnlich wie Piloten verwenden Anästhesisten heute Checklisten, üben Notfallverfahren ein und trainieren an Simulatoren alle Komplikationen vom Stromausfall im Krankenhaus bis zur Verletzung der Schlagader durch den Chirurgen.

Zur Ausgabe
Artikel 8 / 35
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.