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MEDIZIN Zufuhr gedrosselt

Mit einer totalen Blockade der männlichen Hormone konnten Mediziner erstaunliche Erfolge bei Prostatakrebs erzielen. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Alle Themen seien »vielversprechend«, kündigen die drei amerikanischen Krebsexperten im Vorwort an: Vincent T. DeVita, Direktor des National Cancer Institute, und seine Kollegen Samuel Hellman und Steven A. Rosenberg haben 1985 erstmals ein Jahrbuch über »Wichtige Fortschritte in der Onkologie« herausgegeben.

Die Sammelbände sollen künftig »die wesentlichen Veränderungen« in der Krebsforschung und -therapie unter die Mediziner bringen. Dabei würden sich »manche Versprechen nicht erfüllen, andere hingegen Umwälzungen einleiten«, hofft das Triumvirat.

Letzteres werde, so glaubt Professor Fernand Labrie, für seine Studien über eine neue Behandlungsmethode für Prostatakrebs gelten. Der Frankokanadier, Hormonforscher an der Laval University in Quebec, berichtet in dem »Jahrbuch« über seine Erfolge mit einer medikamentösen Therapie: Eine völlige Blockade der männlichen Hormone, so zeigte sich bei Patienten im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit, kann den Prostatakrebs zum Stillstand bringen; schon ausgestreute Tochtergeschwülste verschwanden wieder.

Daß die männlichen Sexualhormone den Verlauf des Prostatakrebses wesentlich beeinflussen, hatte der amerikanische Chirurg Charles B. Huggins Anfang der 40er Jahre entdeckt. Das unkontrollierte Wachstum der Tumorzellen ließ sich bremsen, fand Huggins, wenn Östrogene verabreicht wurden: Die weiblichen Geschlechtshormone neutralisieren

die männlichen, die Prostata verkümmert.

Huggins' Beobachtungen - 1966 mit dem Nobelpreis gewürdigt - leiteten eine neue Ära in der Behandlung einer der verbreitetsten Krebserkrankungen ein. Die kastaniengroße, teils die Harnröhre umschließende Vorsteherdrüse ist für bösartige Zellvermehrung besonders anfällig: In den Krebs-Statistiken der Todesfälle für Männer der westlichen Industrieländer nimmt Prostatakrebs den zweiten Platz ein. Das Tumorleiden wird offenbar häufiger und könnte, so meinten Urologen jüngst auf dem Europäischen Onkologen-Kongreß in Stockholm, künftig sogar vor den Lungenkrebs an die erste Stelle rücken.

Dennoch sind sich die Urologen über die Behandlung durchaus nicht einig, gab auf dem Kongreß Professor Lennart Andersson vom Stockholmer Karolinska Hospital zu. Eine der Ursachen für die Vielfalt der Strategien, so Andersson, sei der sehr unterschiedliche Verlauf verschiedener Formen der Krankheit. Der bei Männern zwischen 45 und 90 Jahren vorkommende Krebs wächst zudem meist äußerst langsam, gelegentlich aber auch rasch.

Da sich die Krankheit oft lange Zeit kaum bemerkbar macht, haben mehr als die Hälfte aller Patienten zur Zeit der Diagnose schon Tochtergeschwülste andernorts im Körper.

Mit der chirurgischen Entfernung des Organs, die im frühen Stadium Heilung bringen kann, ist es dann nicht mehr getan. Auf den Erkenntnissen von Huggins basierend, wendeten deshalb viele Urologen bei fortgeschrittenem Prostatakrebs eine Therapie mit Östrogenen an.

Aber die Linderung des Leidens durch die Gabe weiblicher Keimdrüsen-Hormone, so erwies sich in zahlreichen Studien, war teuer erkauft - mit Nebenwirkungen wie Thrombosen, Ödemen oder gar Herzinfarkten.

Mit einem anderen Wirkprinzip, der Blockade der Androgene durch die sogenannten LHRH-Agonisten (Luteinizing Hormone Releasing Hormone), versuchten es die Mediziner von 1980 an: Die synthetische Herstellung von Substanzen, welche die Freigabe des Gelbkörperhormons regulieren, ermöglichte es, die für das Tumorwachstum wesentliche Zufuhr von Geschlechtshormonen ohne Nebenwirkungen zu drosseln.

Aber auch diese Methode, die Krebszellen auszuhungern, hat Nachteile. Nach vorübergehender Besserung, so zeigte sich bald an Therapiezentren wie der Laval-Universitätsklinik, flammte das Leiden oftmals neu und verstärkt auf - ein Phänomen, das Professor Labrie mit der Antibiotika-Resistenz vergleicht:

Die Androgen-Blockade durch die LHRH-Agonisten ist nicht vollständig, sie schaltet nur die in den Hoden gebildeten Hormone aus. Fast ebenso groß ist

jedoch der im Organismus zirkulierende Anteil von Androgenen, die von der Nebennierenrinde ausgeschüttet werden. Die weiterhin von diesen Nebennieren-Hormonen stimulierten Tumorzellen werden mit der Zeit unempfindlich gegen den Einfluß der LHRH-Therapie - wie Bakterien bei einer unzureichenden Dosis von Antibiotika.

Wirksamere Hilfe für die große Zahl der Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakrebs bringt nun eine rigorosere Methode der Hormon-Blockade, die Labrie und seine Forschergruppe erproben. Seit drei Jahren kombinieren die Wissenschaftler die Gabe von LHRH-Agonisten mit einem neuen Anti-Androgen, das die Prostata von den Nebennieren-Hormonen abschottet: Die Blockade ist total, die stimulierenden Hormone erreichen die Krebszellen in der Prostata nicht mehr.

Die Doppel-Blockade wurde in Quebec bislang an mehr als 800 Patienten erprobt. Entzogen die Ärzte dem Tumor und seinen Tochtergeschwülsten jegliche Androgene, so stellte sich die Besserung »außerordentlich rasch« (Labrie) ein: »Die Schmerzen gingen schon in den ersten Tagen zurück und verschwanden im Laufe eines Monats völlig«, berichtete Labrie auf dem Stockholmer Kongreß.

Die Zahl der vor Therapie-Beginn festgestellten Knochenmetastasen verringerte sich durchschnittlich um mehr als die Hälfte, bei manchen Patienten verschwanden die Metastasen völlig. »Anzeichen und Symptome von aktivem Krebs waren«, so Labrie, »bei keinem Patienten mehr zu finden.«

Diese Erfolge dauern bei 81 Prozent der Behandelten an, allerdings nur in der (kleineren) Gruppe jener Patienten, die zuvor keine andere Hormon-Therapie erhalten haben. Die Einwirkung von Östrogenen oder LHRH-Agonisten allein habe die Krebszellen offenbar »umgewandelt und gegen die Therapie unempfindlicher gemacht«, folgert Labrie.

Daß der vom US-Pharmakonzern Schering-Plough entwickelte neue Androgen-Blocker (Handelsname: Fugerel) bei fortgeschrittenem Prostatakrebs erstaunliche Besserung bringen kann, zeigten auch Studien am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center New York.

Es sei deshalb nicht nur »unethisch« geworden, Patienten im Spätstadium dieses Leidens unbehandelt zu lassen, schreibt der temperamentvolle Frankokanadier in seinem Beitrag für das »Onkologie-Jahrbuch«.

»Noch weniger akzeptabel« scheine es nun, die Krankheit allein mit LHRH-Agonisten, Östrogenen oder gar chirurgischer Kastration anzugehen. Zumindest bei fortgeschrittenem Prostatakrebs habe jeder Patient ein Recht auf die kombinierte Hormon-Blockade, meint Labrie, »und zwar ohne Aufschub«.

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