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Medizin Zweifler auf der Zinne

Gesundheitsminister Seehofer will den routinemäßigen Aids-Test bei Blutentnahmen. Ein alter Streit ist neu entflammt.
aus DER SPIEGEL 48/1993

Kurz bevor er an Aids starb, 1989, brachte der Arzt Ian Schäfer, Vorsitzender der Deutschen Aids-Hilfe und Mitglied im Aids-Beirat des Bundesgesundheitsministeriums, seinen Widerwillen gegen den Aids-Test noch einmal auf den Punkt: »Vorsorgeuntersuchungen bei nicht behandelbaren Krankheiten entbehren einer medizinischen Indikation.«

Das strikte Nein zum HIV-Test ist seither von den Betroffenen-Organisationen konsequent verteidigt worden. Der Test diene »letztlich nur zur politischen Repression«, verlautbarte die Aids-Hilfe. Selbst vergewaltigte Frauen sollten nicht auf die tödliche Infektionskrankheit untersucht werden, rät der Verein.

Bundesanwalt Manfred Bruns, früher in der Aids-Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages aktiv, warnt vor »ungezieltem Aids-Screening«. Der »Verein Demokratischer Ärztinnen und Ärzte« in Frankfurt am Main hält Aids-Tests bei symptomlosen Patienten für einen »ärztlichen Kunstfehler«.

Das sieht Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer nicht so. In der letzten Woche verkündete er in Bayerns Hauptstadt, zukünftig solle bei jeder Blutentnahme in Klinik oder Arztpraxis der rote Saft auch auf HIV getestet werden. Allerdings: Wer nicht will, muß sein Blut nicht testen lassen. Und jede HIV-positiv-Meldung wird verschlüsselt und bleibt anonym.

»HIV-HIV-Hurra«, kommentierte die taz. Und alle Testzweifler waren wieder auf der Zinne.

Wer einen Arzt aufsucht, der willigt - meist stillschweigend - darin ein, daß die diagnostischen Bemühungen des Mediziners allen Krankheiten gelten, vermuteten und unvermuteten, harmlosen und tödlich gefährlichen.

Das »kleine Blutbild« aus einem Tropfen Blut kann Leukämie zu Tage fördern. Die Röntgenaufnahme der Lunge wegen chronischen Hustens schließt das Risiko der Entdeckung eines inoperablen Bronchialkrebses ein. Wer mit Fieber aus den Tropen zurückkehrt, der muß damit rechnen, daß er auf Malaria, infektiöse Gelbsucht und ein weiteres Dutzend tödlich gefährlicher Infektionen untersucht wird, Tuberkulose und Syphilis eingeschlossen.

Einer ausdrücklichen Extra-Einwilligung bedarf nur der Aids-Test. Diese Sonderrolle für eine Virusinfektion ist Mitte der achtziger Jahre, als die ersten verläßlichen Nachweismethoden zur Verfügung standen, etabliert worden - auf Druck der Aids-Hilfen und mit Zustimmung der damaligen Gesundheitsministerin Rita Süssmuth.

Die Ärzte verlangten seinerzeit mehrheitlich den routinemäßigen Aids-Test, konnten sich jedoch nicht durchsetzen. Wer trotzdem heimlich testete, bekam es mit der Justiz zu tun.

»Es gibt ein Recht auf Nichtwissen«, verkündeten die Testgegner immer wieder. »Es kann nicht darum gehen, eine Politik zu betreiben, die Aids ausrotten soll, wir müssen mit Aids leben lernen«, erläuterte die Ärztin Heike Wilms-Kegel, Ex-MdB der Grünen.

Seehofer belebt also einen alten Streit. Dessen Kernfrage lautet: Ist es dem einzelnen zuzumuten, über seinen Aids-Status Bescheid zu wissen, weil dadurch weiteres Leid durch ungewollte Ansteckungen verhindert wird?

Den »Testverweigerern« in den Aids-Hilfen bescheinigen die beiden Frankfurter Aids-Experten Eilke Helm und Wolfgang Stille zwar »ehrenhafte Gründe": Die Testgegner befürchteten Verzweiflungstaten bei der Bekanntgabe des Testergebnisses, soziale Isolation und Arbeitsplatzverlust.

Doch Helm und Stille ließen auch keinen Zweifel daran, daß die Aufforderung zum Nichttesten die Bekämpfung der Infektionskrankheit erheblich behindere: Der tatsächliche Grad der HIV-Durchseuchung in der Bevölkerung könne ohne Tests nicht erfaßt, Infektionsketten könnten nicht aufgedeckt werden; ein Problembewußtsein und sinnvolle Verhaltensänderungen könnten sich deshalb nicht herausbilden.

Das Argument der Aids-Hilfe, eine nicht behandelbare Infektionskrankheit solle man besser nicht aufspüren, nennt der Münchner Hygieneprofessor Gert Frösner eine »dialektische Verdrehung": Solange es für Aids keine vorbeugende Impfung und keine wirksame Therapie gebe - beide sind bislang nicht in Sicht - , »ist die Unterbrechung der Infektionsketten die einzige Möglichkeit der Bekämpfung einer Epidemie«.

Bei anderen Infektionskrankheiten ist dieses Vorgehen alltägliche Übung: Ein tuberkulosekranker Lehrer darf bis zur Gesundung nicht mehr unterrichten; seine Schüler und deren Geschwister (oft sogar deren Großmütter) werden sicherheitshalber auf Tb untersucht. Bis in das kleinste Detail regelt auch das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten die Pflichten eines Tripperkranken, damit er keine gesunde Partnerin ansteckt.

Bei Tuberkulose ebenso wie bei Tripper gilt der medizinische und amtsärztliche Aufwand zur Unterbrechung der Infektionsketten einem heilbaren Leiden, das - ganz im Gegensatz zu Aids - sogar ohne Behandlung ausheilen kann.

Seehofer ist der erste Bonner Gesundheitsminister, der sich öffentlich diesem Widerspruch stellt.

Der Minister letzte Woche: »Daß Blut zu Diagnosemaßnahmen auf alles mögliche untersucht wird, nur ausgerechnet nicht auf Aids, das ist falsch.«

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