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Satelliten Zweite Karriere

Nach Ende des Kalten Krieges blüht das Geschäft mit hochauflösenden Satellitenfotos.
aus DER SPIEGEL 29/1994

In 300 Kilometer Höhe huschen die Kapseln über die Kontinente hinweg. Ihren Kameraaugen bleibt kaum etwas verborgen: Auf den Bildern, die die Himmelskundschafter zur Erde schicken, sind einzelne Menschen auszumachen - und sogar noch die Nummernschilder ihrer Autos.

Nur die Gesetze der Physik beschränken die Effizienz der High-Tech-Späher: Bei Objekten, die kleiner sind als zehn Zentimeter, verschwimmen, aufgrund der Wellennatur des Lichts, unweigerlich die Konturen.

Seit Anfang der siebziger Jahre sind auch für zivile Zwecke Spähsatelliten unterwegs. Doch mit ihrer Sehkraft sind sie den militärischen Spionagesonden weit unterlegen. Der kommerzielle französische Satellit »Spot« beispielsweise verfügt lediglich über ein Auflösungsvermögen von 10 Metern, der amerikanische »Landsat«, 1972 gestartet, kommt gerade mal auf 30 Meter. Mit einem derart getrübten Blick lassen sich bestenfalls noch einzelne Gebäude erkennen.

Zum Zeichnen von Landkarten reicht das aus. Um bei der Überwachung von sterbenden Wäldern die Baumarten auseinanderzuhalten, genügt die begrenzte Auflösung allerdings schon nicht mehr.

Die Schwachsichtigkeit der kommerziell genutzten Flugkörper war, zu Zeiten des Kalten Krieges, politisch gewollt. So bestand zwischen den USA und Frankreich eine stille Übereinkunft, keine Satellitenaufnahmen zu vermarkten, die Details von weniger als fünf Meter Größe zeigen.

Mit dieser Selbstbeschränkung ist es jetzt vorbei. Ein schwunghafter Handel mit gestochen scharfen, detailgenauen Fotos aus dem All hat begonnen; auch die einstigen Blockgegner konkurrieren hart auf dem neuen Markt.

Zu Preisen zwischen 1000 und 5000 Dollar verscherbelt die russische Firma Kiberso hochauflösende (auf zwei Meter genaue) Satellitenbilder. Bislang wurden rund 40 Aufnahmen, die von der Spähsonde »Kometa« stammen, an Interessenten verkauft; allerdings beträgt die Lieferzeit bis zu neun Monate.

Auch die Franzosen sind dabei, die Fotos ihres militärischen »Helios«-Satelliten zu vermarkten. Eine verbesserte _(* Computerbearbeitete Aufnahmen vom ) _(Capitol-Gebäude in Washington mit ) _(stufenweise verbesserter Auflösung. ) Version der Aufklärungssonde, die nächstes Jahr in eine Erdumlaufbahn katapultiert werden soll, verfügt über ein Auflösungsvermögen von einem Meter.

Rußland will, nach Informationen des amerikanischen Geheimdienstes CIA, Käufern demnächst sogar Satellitenfotos mit einer Auflösung von deutlich unter einem Meter anbieten. Der stellvertretende CIA-Direktor William Studeman warnte Anfang April vor einer »weitgestreuten Weitergabe« von geheimen Himmelsbildern an Länder wie den Irak oder Nordkorea, die keine eigenen Aufklärungssatelliten besitzen.

Die Proteste des CIA-Mannes verpufften. Vor wenigen Wochen hat sich die US-Administration dazu durchgerungen, amerikanischen Firmen den Handel mit hochauflösenden Satellitenaufnahmen zu erlauben - auf massiven Druck der heimischen Industrie. Eine »aggressive Unterstützung« von seiten der Politik bei der Eroberung des aufblühenden Marktes hatte zuvor James Frey gefordert, Chef des Unternehmens Litton Optical Systems, das zusammen mit anderen Firmen für mehrere hundert Millionen Dollar ebenfalls ein Ein-Meter-Satellitensystem entwickelt.

Mit ihrer zweiten, zivilen Karriere erfüllen die hochgezüchteten Spionagesatelliten womöglich erstmals in ihrer Geschichte einen sinnvollen Zweck. Denn militärisch erwies sich ihr Einsatz häufig als nutzlos.

In den Anfangsjahren der Himmelsspionage mußten die Filmkapseln der Spähsonden noch per Fallschirm zurück auf die Erde gebracht werden. Erst mit wochenlanger Verspätung wurden die Fotos aus dem All entwickelt. So verpaßten die amerikanischen Spionagesatelliten 1967 den Sechstagekrieg und 1968 den Einmarsch der Sowjets in die Tschechoslowakei.

Auch im Oktober 1973 trafen die Himmelsfotos vom nahöstlichen Kriegsgebiet zu spät ein, Israel hatte bereits die Waffenstillstandslinie auf den Golanhöhen überschritten. »Als wir unsere wunderbaren Bilder in Händen hielten«, erinnert sich ein CIA-Analytiker an das Debakel, »war der Jom-Kippur-Krieg längst vorbei.«

Von 1976 an schickten die Vereinigten Staaten Spionagesatelliten vom Typ KH-11 ("Keyhole") in den Orbit, welche den Erdboden erstmals elektronisch abtasteten und die Bilddaten ohne Zeitverzug an Bodenstationen funkten. Aber auch diese technisch hochgerüsteten Aufklärungssonden bewahrten die Amerikaner nicht vor Pleiten.

Ende Juli 1990 etwa war auf Fotos von KH-11-Satelliten ein von Tag zu Tag anwachsender irakischer Truppenaufmarsch nahe der Grenze von Kuweit zu erkennen. Doch die Aufnahmen beeindruckten US-Präsident George Bush und seine Sicherheitsberater nicht. Sie waren überzeugt, daß Saddam Hussein nur blufft. Erst als der Irak in einem Blitzkrieg den Nachbarstaat Kuweit überrannt hatte, wachte Washington auf.

Zwar setzen die Militärs auch weiterhin Spionagesatelliten ein, etwa um die Abrüstung von Atomraketen zu überwachen oder um geheime Chemiewaffenfabriken in Drittweltstaaten aufzuspüren. Vor allem aber im zivilen Sektor werden die Spähsonden zunehmend gebraucht. Es geht um ein Riesengeschäft.

Der weltweite Umsatz mit »geografischen Informationssystemen« (GIS) wird nach aktuellen Schätzungen, die das Fachmagazin Aviation Week veröffentlicht hat, von derzeit 6 Milliarden Dollar auf 15 Milliarden Dollar im Jahr 2000 anwachsen.

Bedarf an detailgetreuen, schnell verfügbaren Satellitenbildern melden Stadtplaner, Landvermesser, Umweltschützer, Rohstoff-Fahnder und Industriespione an. Weitere Anwendungsbeispiele: *___US-Farmer nutzen die Daten von erdumkreisenden ____Spähsonden, um den optimalen Zeitpunkt für die ____Bewässerung ihrer Weizenfelder zu bestimmen. *___Die Stadt Chicago griff auf Satellitenbilder zurück, um ____nach einer Überschwemmung die Rettungsmaßnahmen ____wirkungsvoller zu koordinieren. *___Der US-Pharmakonzern Bristol-Myers Squibb ließ aus dem ____All nach Eibenbäumen fahnden, aus denen das Unternehmen ____die Krebssubstanz Taxol gewinnt.

Auch der Buletten-Gigant McDonalds will sich der Hilfe aus dem All versichern. Die Hamburger-Kette möchte Satellitenfotos nutzen, um die am schnellsten wachsenden Bevölkerungszentren auf der Erdkugel aufzuspüren. Wo sich die Menschen ballen, so das Kalkül der Hackfleischköche, lohnt es sich, neue Imbißbuden aufzustellen. Y

Spähsonden suchen nach Standorten für neue Imbißbuden

* Computerbearbeitete Aufnahmen vom Capitol-Gebäude in Washingtonmit stufenweise verbesserter Auflösung.

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