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Therapie-Tagebuch Wie ein Baumhaus schwankend im Wind

SPIEGEL-ONLINE-Autor Jörg Böckem fühlt sich, als hätte sich der Sicherheitsgurt gelöst. Zu Beginn seiner Hepatitis-C-Therapie war seine Wohnung noch eine Burg. Jetzt bröckelt die Festung und mutiert zum Baumhaus - ohne Halt, schwankend im Wind.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Unter der Oberfläche lauert etwas Dunkles, Beängstigendes, von den Medikamenten notdürftig auf Abstand gehalten. Es kommt näher: Freitagnachmittag stehe ich minutenlang in meinem Arbeitszimmer und starre an die Wand. Nicht, dass es dort irgendetwas anderes zu sehen gäbe als Putz, Stuck und weiße Farbe. Ich starre ins Nichts, mein Körper wie hingestellt und vergessen, nicht zu mir gehörend, das Gehirn ausgeschaltet, keine Gedanken, nur graue Schleier. Gruselig.

Abends, nach meiner 37. Spritze, sitze ich auf dem Sofa, denke "es ist Zeit, meine Tabletten zu nehmen". Die Tabletten sind in der Küche, ich sollte aufstehen und sie holen. Sollte ich. Meine Armbanduhr zeigt 22.05. Um 22.23 Uhr sehe ich dass nächste Mal auf die Uhr, denke. "Es ist Zeit meine Tabletten zu nehmen." Zwanzig Minuten später wieder: "Es ist Zeit, meine Tabletten zu nehmen. Ich sollte in die Küche gehen und sie holen." Murmeltiertag, gefangen in einer Zeitschleife. Kurz vor 23 Uhr gelingt es mir endlich aufzustehen.

Jede Anstrengung, ob körperlich oder geistig, scheint mir zu viel, in jeden Text muss mich regelrecht hineinkämpfen. Alle Sicherheit dahin - zu Beginn meiner Behandlung war unsere Wohnung, die jetzt meine ist, noch eine Burg, mein geschützter, heimeliger Rückzugsraum. Jetzt erscheint sie mir eher wie ein Baumhaus, schwankend im Wind, nur behelfsmäßig Schutz bietend vor allen Bedrohungen, den äußeren und inneren.

Nachts warte ich stundenlang vergeblich auf den Schlaf, wenn er kommt - immer erst in den frühen Morgenstunden - ist er unruhig und durchsetzt von bösen Träumen. Ich schramme am Rande einer Depression entlang, möglich, dass sie mich ohne meine tägliche Dosis eines Antidepressivums richtig erwischen würde. Ich mag dieses Medikament nicht. Doch im Moment bin ich froh, es zu haben. Seit einigen Tagen steht fest, dass Lindas Auszug endgültig ist.

Am Mittwoch soll ich auf einem Empfang der Grünen im Hamburger Rathhaus über Hepatitis C und Stigmatisierung reden, zur Vorbereitung lese ich meine alten Tagebucheinträge. In den ersten Monaten der Therapie habe ich mich trotz all der Nebenwirkungen noch wohl gefühlt, habe die Behandlung als eine spannende Herausforderung erlebt, als einen Lernprozess in Sachen Selbstwahrnehmung, Grenzen erkennen und akzeptieren. Eine Lektion in Demut.

Ich habe mich über jedes positive Untersuchungsergebnis gefreut, war stolz auf jede Woche, die ich hinter mich gebracht, jede Anstrengung, die ich bewältigt habe. Sogar auf die freitägliche Spritze habe ich mich gefreut - wieder ein Schritt weiter.

Heute löst die wöchentliche Interferonspritze nur Widerwillen in mir aus, die verbleibenden elf Wochen will ich nur noch hinter mich bringen, irgendwie. Aushalten, um nichts anderes geht es mehr. Meine Welt ist geschrumpft: Viele meiner üblichen Wege raus aus der miesen Stimmung - Sport, Sauna, Konzerte und stundenlanges Kickern mit Freunden - sind durch die Nebenwirkungen verbaut, selbst Tagesausflüge an die See oder Kurztrips am Wochenende überfordern mich.

Bleibt Ablenken und Aushalten. Mich mit Freunden verabreden, im Cafe in der Sonne sitzen, grillen, Karten spielen, mich durch meine Comicsammlung lesen und TV-Serien auf DVD schauen, Sopranos, Six Feet Under, vielleicht noch einmal Twin Peaks, die zweite Staffel ist gerade erschienen. Über die Tage und Wochen retten.

Die Therapie produziert Krisen - Krisen belasten die Therapie

Möglich, dass die Trennung von Linda mir den Rest gegeben hat. Simone war es ähnlich gegangen - auch ihr war die Behandlung gegen Ende, als der Streit mit ihrer langjährigen Freundin und Kollegin eskalierte und sie das gemeinsame Geschäft aufgaben, immer mehr zur Last geworden. Zusätzliche Krisen sind während der Therapie schwer zu verarbeiten. Dummerweise produzieren die Nebenwirkungen gerne diese Krisen.

Dienstag vergangener Woche war Christiane F. bei Sandra Maischberger zu Gast, sie hat unter anderem von ihrer Hepatitis-C-Infektion berichtet, von ihrer Angst vor den psychischen Nebenwirkungen einer Behandlung. Sie ist allein erziehend, hat einen elfjährigen Sohn und fürchtet, ihrer Verantwortung als Mutter in der Zeit nur schwer gerecht werden zu können.

Mit gutem Grund, ich weiß nicht, ob ich mich dieser Aufgabe im Moment gewachsen fühlen würde. Andererseits, vielleicht hilft Verantwortung auch, bei aller Belastung. Möglich, dass Verpflichtungen es leichter machen, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Manchmal scheint es mir so.

So schwer es mir fällt, mich an den Computer zu setzen und zu arbeiten, Texte zu schreiben, Interviews vorzubereiten und zu führen, wenn es getan ist, fühle ich mich besser, lebendiger. Ein wenig hilft mir mein preußischer Arbeitsethos - bisher habe ich jeden Termin, den ich vereinbart habe, auch eingehalten.

In der gleichen Maischberger Sendung hat ein Suchtmediziner vor den Gefahren gewarnt, die eine Einnahme auch von nicht verschreibungspflichtige Medikamenten in normaler Dosierung über einen längeren Zeitraum mit sich bringt. Das gilt auch für das Ibuprofen, dass ich seit Beginn meiner Behandlung immer wieder zur Linderung der Kopf- und Gliederschmerzen nehme, im Moment häufiger als in den ersten Monaten, auch meine Toleranzgrenze, scheint mir, ist gesunken. Ich muss aufmerksamer und vorsichtiger sein.

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