BP: Katastrophe für Großbritannien
Energie "Von nationalem Interesse"
Ein solcher Absturz ist beispiellos in der Wirtschaftsgeschichte. Keine zwölf Wochen ist es her, da stand der britische in der Hitliste der weltgrößten Unternehmen noch unangefochten auf Platz vier. Rund 246 Milliarden Dollar Umsatz, ein Börsenwert von mehr als 190 Milliarden Dollar und ein Gewinn nach Steuern von fast 17 Milliarden, so die eindrucksvolle Bilanz.
Bei Versicherungen, Renten- und Pensionsfonds in aller Welt galt die Aktie des Vorzeigeunternehmens als sicherer Hafen, als mündelsichere Anlage in einem sonst eher turbulenten Börsenumfeld.
Selbst schwierige Krisen, so der weitverbreitete Glaube, würde ein Unternehmen wie BP locker überstehen. Zu sicher seien die weltweiten Einnahmen, zu groß die Geld- und Ölreserven, als dass dem Energiemulti irgendetwas wirklich ernsthaft gefährlich werden könnte.
Doch von dem unerschütterlichen Glauben der Finanzmärkte in den Ölgiganten ist wenig geblieben, seit am 20. April dieses Jahres die gewaltige BP-Förderplattform "Deepwater Horizon" im havarierte und dabei ein Ölförderrohr in 1500 Meter Meerestiefe abriss. Sämtliche Versuche des Ölmultis, das Leck abzudichten, scheiterten bislang kläglich. Nach wie vor, schätzen Experten, schießen Tag für Tag mehr als 60.000 Barrel Rohöl mit gewaltigem Druck in den Golf von Mexiko.
Schon jetzt ist das Unglück eine der größten Umweltkatastrophen in den USA - mit unabsehbaren Folgen für Natur und Wirtschaft. Mehr als 60 Milliarden Euro, schätzen Wissenschaftler, könnte die Beseitigung der Schäden langfristig kosten. Und mit jedem weiteren Tag, den das Öl in die Weltmeere strömt, wird es auch zu einer ernsthaften Bedrohung für den Weltkonzern. Nicht einmal eine Pleite scheint derzeit mehr ausgeschlossen.
Premier Cameron hat BP zur Chefsache erklärt
Etwa die Hälfte seines Börsenwerts hat BP seit dem Untergang der Bohrinsel bereits verloren. Rating-Agenturen haben das Papier teilweise auf Ramschniveau abgestuft. Das Vertrauen in die Führungsqualitäten von BP-Chef ist auf den Nullpunkt gesunken.
Konkurrenten wie der Chef des französischen Mineralölkonzerns Total melden für den Fall der Fälle vorsorglich schon Kaufabsichten an. Sollte BP demnächst Teile des Konzerns abstoßen müssen, stichelte Christophe de Margerie vergangene Woche genüsslich, werde man sich die "natürlich näher" ansehen.
Um mögliche Attacken und einen Ausverkauf abzuwenden, reiste BP-Chef Hayward vergangene Woche hastig in den Nahen Osten. Staatsfonds aus Kuwait, Katar oder Singapur, so der Plan, sollen zum Kauf größerer BP-Anteile überredet werden, um den Konzern in den nächsten Wochen und Monaten zu stabilisieren.
Für ist der Absturz seines größten Konzerns ein Desaster - zumal sich das Land in einer schweren Krise befindet, die der neue Premier David Cameron mit einem drastischen Sparprogramm zu bekämpfen versucht. Cameron hat BP zur Chefsache erklärt, ein Expertenteam der Regierung arbeitet fieberhaft an einem Notfallplan. Eine Zerschlagung, eine Insolvenz, selbst eine Teilverstaatlichung des Konzerns werden offenbar erwogen.
Es geht nicht nur um die rund 10.000 Jobs, die der Ölmulti auf der Insel stellt. Etwa sieben Milliarden Euro Steuern und Abgaben fließen jedes Jahr von BP in die britische Staatskasse. Außerdem befinden sich große Bereiche der englischen Energieinfrastruktur in Händen des Unternehmens.
Wichtiger noch: Ein großer Teil der britischen Renten und Pensionen hängt am Wohl von BP. Viele Engländer sind entweder direkt oder über große Fonds an dem Konzern beteiligt. Dessen rapider Wertverlust und die ausbleibenden Dividendenzahlungen treffen die Pensionskassen empfindlich. Schon aus diesem Grund, warnt Londons Bürgermeister Boris Johnson, seien die Finanzprobleme des Ölriesen eine Frage von "nationalem Interesse".
Ob die englischen Steuerzahler tatsächlich für den Ölmulti in die Bresche springen müssen oder ob BP sich mit Hilfe von Staatsfonds selbst retten kann, ist derzeit noch völlig offen. Entscheidend dürfte sein, ob es dem Konzern gelingt, den desaströsen Eindruck der vergangenen Wochen schnell zu revidieren und Fortschritte bei der Abdichtung des Lecks zu erzielen. Nur auf diesem Weg, glauben Experten wie Rainer Wiek, Chefredakteur des "Energie Informationsdienstes" in Hamburg, könne BP auf den skeptischen Finanzmärkten und bei der zunehmend aufgebrachten US-Regierung wieder Vertrauen gewinnen. Die stellte BP in der vergangenen Woche ein neues Ultimatum. Gefordert werden mehr Transparenz und klare Aussagen über die Maßnahmen der nächsten Wochen.
In der Beliebtheitsskala drei Prozentpunkte vor Saddam Hussein
Wie weit der Ölmulti im Ansehen der US-Bevölkerung bereits gesunken ist, zeigt eine gemeinsame Umfrage des "Wall Street Journal" und des US-Fernsehsenders NBC. Danach rangiert BP auf einer Beliebtheitsskala nur noch drei Prozentpunkte vor dem toten irakischen Diktator Saddam Hussein.
Die Gründe dafür sind klar: Dem verheerenden Untergang der Plattform "Deepwater Horizon" im April folgte eine ganze Serie unfassbarer Pleiten und Pannen. So stellte sich schnell heraus, dass der britische Ölkonzern bei seinen Tiefseebohrungen offenbar äußerst lax mit den notwendigen Sicherheitsvorkehrungen umgegangen war. Notfallpläne und Krisenvorsorge entpuppten sich als völlig unzureichend. Und auch die vollmundigen Versprechen Haywards, das sprudelnde Leck innerhalb kürzester Zeit abzudichten, gingen nicht auf.
Gleich zweimal scheiterte BP mit dem Versuch, eine Art Stahlglocke über das Leck zu stülpen, um das austretende Öl aufzufangen und anschließend auf riesige Tanker zu pumpen. Und auch das sogenannte Top-Kill-Verfahren, bei dem über Tage hinweg große Mengen Schlamm, Gummireste und Fasern unter gewaltigem Druck in das Leck geschossen wurden, um es anschließend zu verschließen, funktioniert nicht.
Stattdessen strömen weitere Millionen Liter in die offene See. Schon jetzt hat der Ölteppich die Größe der Beneluxstaaten Belgien, Niederlande und Luxemburg erreicht. Viele Küstenregionen sind betroffen, vor allem die milliardenschwere Fisch- und Tourismusindustrie in Mississippi, Louisiana, Florida, Texas und Alabama leidet unter erheblichen Umsatzrückgängen.
Die gigantischen Summen schrecken die meisten Analysten nicht ab
Rund hundert Millionen Dollar muss BP täglich aufbringen, um die Folgen der Katastrophe zumindest teilweise zu bewältigen. Forderungen von bis zu 60 Milliarden Dollar, schätzen viele Experten, könnten durch Umweltschäden, Strafzahlungen und Schadensersatzklagen langfristig auf den britischen Konzern zukommen.
Doch selbst diese gigantischen Summen schrecken die meisten Analysten noch nicht ab. Solche Beträge, glauben sie, seien "für BP durchaus zu verkraften". Zumal sich die Zahlungen erfahrungsgemäß über viele Jahre streckten und via Staatsfonds in Nahost möglicherweise sogar noch frisches Geld in die BP-Kasse fließen könnte.
Voraussetzung: BP schafft es, seinen jüngsten Plan umzusetzen und das Leck mit Hilfe einer sogenannten Entlastungsbohrung endgültig zu verschließen. Ende Juli, spätestens August, heißt es im Konzern, dürfte es so weit sein.
Doch das Vorhaben ist kompliziert. Rund 4000 Meter unter dem Meeresboden soll ein Spezialbohrer exakt in die etwa 20 Zentimeter breite Ölleitung stoßen. Dadurch, so der Plan, könnte der Druck so weit reduziert werden, dass ein endgültiger Verschluss des Lecks möglich wäre. Dass dies gleich beim ersten Versuch gelingt, ist unwahrscheinlich. Selbst ein Scheitern der Operation ist nicht gänzlich auszuschließen.
Für die Umwelt wäre das ein GAU. Und auch der britische BP-Konzern wäre dann wohl kaum noch in der Lage, die Folgen der Katastrophe allein zu tragen. Ein Ausverkauf lukrativer Bohrfelder oder auch von Tankstellenketten wie Aral wäre kaum noch zu vermeiden. Selbst eine Insolvenz der US-Tochter oder die in England diskutierte Teilverstaatlichung des Konzerns wäre dann möglich.
Premier David Cameron zumindest scheint ein solches Szenario nicht mehr auszuschließen. In der kommenden Woche will er mit seinem Energieminister Chris Huhne zu Krisengesprächen mit der US-Regierung nach Washington reisen. Vordringliches Ziel des Kurztrips: der Haftungsumfang des britischen Ölmultis soll zumindest gedeckelt werden.