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Judas Das Tau im Nadelöhr

Hat Judas wirklich Jesus verraten? Der jüdische Religionswissenschaftler Pinchas Lapide hat Zweifel angemeldet.
• aus DER SPIEGEL 37/1991
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Judas Iskariot, der geldgierige Verräter-Apostel, wurde 2000 Jahre lang diffamiert: In Wahrheit war er nur ein verläßlicher Kassenwart, der durchaus auch das Vertrauen der anderen Jesus-Jünger genoß. Diese These vertritt der Frankfurter Religionswissenschaftler Pinchas Lapide, 68.

In seiner Streitschrift »Jesus, das Geld und der Weltfrieden«, die in diesen Tagen als Buch erscheint, behauptet der angesehene jüdische Bibel-Deuter und Publizist, das vom Neuen Testament vermittelte Bild des tückischen Jesus-Küssers sei in Wahrheit ein antijüdisches Konstrukt der »Endredaktoren des Evangeliums« und verzerre die historische Wahrheit*.

Auf diese Spur wurde Lapide durch Nachforschungen geführt, die das Geld in der Alten Welt betrafen. Laut Matthäus-Evangelium verriet Judas den »Rabbi Jesus« (Lapide) gegen ein Entgelt von »30 Silberlingen« an die Hohenpriester.

Zur Tatzeit waren, wie Lapide schreibt, »im Lande Israel nicht weniger als 19 verschiedene Währungen im Umlauf«. Aber es habe keine Münze gegeben, _(* Pinchas Lapide: »Jesus, das Geld und ) _(der Weltfrieden«. Gütersloher ) _(Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh; 158 ) _(Seiten; 26,80 Mark. ) die als sogenannter Silberling bekannt war. Etwa 300 Jahre vorher sei »das Abwiegen von Silberstücken« aus der Mode gekommen.

Die Redakteure des Evangeliums hätten Judas die Käuflichkeit im Rückgriff auf das Buch Sacharja unterschoben, um auch so das Neue Testament als »Erfüllung« des Alten zu präsentieren. Im Buch Sacharja wird ein Prophet durch den Hinweis erniedrigt, seine Gegner hätten höhnisch 30 Silberlinge für ihn geboten - damals der niedrigste Kaufpreis für einen Sklaven.

Der historische Judas, dessen Beiname Iskariot soviel heißt wie »Dolchmann«, war vermutlich bloß der redliche »Schatzmeister« in einer Art von »Wanderkibbuz« - so nennt Lapide die Runde der Jünger um Jesus.

Zu den Ordensregeln einer solchen Gemeinschaft der Gleichen gehörte der Verzicht auf Privatvermögen. Die messianische Übertreibung dieses Motivs ist für Lapide schuld an dem verbreiteten Irrglauben, Jesus von Nazareth sei »dem Mammon total abhold« gewesen.

Das geläufigste Argument für den Finanzmuffel Jesus scheint Lukas zu liefern: Er zitiert dessen Wort, leichter gehe »ein Kamel durch ein Nadelöhr«, als daß ein Reicher in den Himmel komme. Lapide hält die populäre Bild-Pointe _(* Illustration von Carl Schuler. ) für einen Übersetzungsfehler.

Ein einziger Buchstabe sei bei der Übertragung aus dem Hebräischen vertauscht worden. So wurde aus einem »Tau« ein »Kamel«. Es müsse also heißen: »Eher geht ein Schiffstau durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel.«

Auch dies ist ein Tadel der Geldsäcke, doch milder, weil ohne die Kamel-Groteske. Jesus stand, so Lapide, durchaus »mitten im Leben«. Er war gegen Wucherer, nicht aber gegen »einen gerechten Umgang mit Geld«. Anders sei etwa das »Gleichnis vom anvertrauten Geld« nicht zu erklären, in dem ein König seinen Diener fragt: »Warum hast du mein Geld nicht auf die Bank gebracht? Dann hätte ich es bei der Rückkehr mit Zinsen abheben können.«

Lapide sieht in der stillen Weihnachtsnacht eine römische »Kristallnacht« der Hetzjagd auf Juden. Und er erklärt die in der Judas-Gestalt wie im Nadelöhr-Bild spürbare Bibeltendenz, jüdische Finanzvirtuosität negativ zu färben, als antisemitische »Polemik«. Sie sei typisch für das Ende des ersten Jahrhunderts - damals wurde die Bibel redigiert - und im übrigen »Ausdruck des Auseinandergehens der Glaubenswege von Kirche und Synagoge«.

Dies sei keineswegs im »Geiste« Jesu geschehen - jenes »maximalistischen Liebespharisäers«, der die mosaischen Gesetze nur radikalisiert, aber nicht aufgehoben habe.

Lapide greift, was die positive Würdigung des Judas Iskariot betrifft, Wolfgang Teicherts Buch »Jeder ist Judas« (1990) auf. Darin hatte der evangelische Theologe aus Hamburg vom »unvermeidlichen Verrat« des unbeliebten Apostels gesprochen.

Kaum zufällig rehabilitieren diese Bibel-Interpreten den schurkischen Schatzmeister in einer Zeit, die den Markt als Allheilmittel maroder Gesellschaften betrachtet. Pinchas Lapide zielt mit seinen Thesen ganz »bewußt«, wie er sagt, mitten in die aktuelle Kirchendebatte dieser Entwicklung: Anfang Oktober stellt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ihre erste grundlegende Denkschrift zur sozialen Marktwirtschaft als Zukunftsmodell vor.

Deren Autoren haben freilich - Pech für Lapide - den Text bereits abgeschlossen. Die EKD muß ihn bloß noch billigen. o

* Pinchas Lapide: »Jesus, das Geld und der Weltfrieden«. GütersloherVerlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh; 158 Seiten; 26,80 Mark.* Illustration von Carl Schuler.

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