ENTERTAINER Bingo in der Bongo-Bar
Der Gegentyp zu Alice Schwarzer ist nicht Verona Feldbusch, sondern Karin Kümpfel: 35 Jahre alt, verheiratet, Mutter zweier Söhne, 1,64 Meter groß und 78 Kilo schwer, bekennende Hausfrau. Seit gut neun Jahren nennt sie sich Petra Perle und singt selbstproduzierte Schlager. Ihre Hymne heißt »Ich bin die Perle der Nation« und fängt mit dem Bekenntnis an: »Saubermachen, Schmutz entfernen sind mein ganzes Glück.«
Auch Petra Perles erstes Buch, ein Ratgeber mit dem programmatischen Titel »Die Hausfrau 2000 - Schöner leben leicht- gemacht«, handelt von den Freuden des Hausfrauenlebens und will Frauen zudem Mut machen, sich außerhalb des Haushalts zu engagieren, denn: »Wir Hausfrauen sind für die Politik sowieso prädestiniert«, schließlich sei »der Haushalt der Mikrokosmos der Wirklichkeit«. Politiker »lieben Diäten« und »haben schmutzige Westen«, die Hausfrau 2000 dagegen »haßt Diäten« und »hat eine saubere Schürze«. Petra Perle will, »daß alles besser wird, deswegen bin ich auf der Welt«.
Auch Cornelia Prem, die sich Conny Sü Prem nennt, hat eine Vision: »die Eurovision«. Sie möchte den Grand Prix gewinnen, mit einem deutschen Schlager, produziert von »Traumwelt Entertainment«, einem kleinen unabhängigen Musikverlag, den sie 1991 zusammen mit Petra Perle gegründet hat. 1957 in Memmingen geboren, ledig, 1,63 Meter groß und 52 Kilo leicht, hat sie Betriebswirtschaft, Soziologie und Kommunikationswissenschaft gelernt und ihr Studium mit einer Arbeit über »Persuasive Strategien in der Werbung« abgeschlossen. »Sie ist eine Promo-Kanone«, sagt Petra über Conny.
Die beiden sehen sich jeden Tag, spielen zusammen Bingo in der Bongo-Bar und haben eine Beziehung, die in der Natur als »symbiotisch« bezeichnet wird. »Ich bin ihr zweites Ich«, sagt Conny über Petra, »ich esse, und sie nimmt zu, sie macht Diät, und ich nehme ab.« - »Unser Motto ist: Abenteuer Alltag«, stellt Petra klar. »Genau«, setzt Conny nach, »jeden Tag passiert was Tolles. Gestern hatten wir eine phantastische Pizza.«
Zu ihrem 35. Geburtstag hat sich Petra »eine lange Autofahrt« gewünscht. Also sind die beiden einmal quer durch die Republik gefahren. Unterwegs wurden Radio- und TV-Stationen besucht, um das neueste Produkt aus dem Hause Traumwelt Entertainment, »Petra Perle's Schlager-Perlen«, zu promoten, eine CD mit Aufnahmen von Petra Perle und ihren Freunden: Viktor Bergmann, Johnny Gold, Hilde Gard, Cliff & Rexonah, Roy Luna und auch Guildo Horn, den Conny und Petra schon länger kennen und lieben als die meisten Schlagerfans ihren »Meister«.
»Der deutsche Schlager ist unser Hobby, weil es gibt nichts Kitschigeres als den deutschen Schlager«, sagt Petra. »Wir sehen uns als die Retterinnen des deutschen Schlagers«, präzisiert Conny. Die »Blütezeit« in den sechziger und siebziger Jahren, »als es noch lustige Texte und Ohrwurm-Melodien gab«, sei lange vorbei, dann wurde »alles ziemlich platt, und da haben wir uns gesagt, man muß was dagegen tun«. Seit 1992 sind 22 CDs auf dem Traumwelt-Label von Conny und Petra erschienen. Seit aus Karin Kümpfel Petra Perle wurde, trägt sie nur Rosa: rosa Hosen, rosa Blusen, rosa Jacken, rosa Dessous, rosa Makeup und rosa Nagellack. »In der Farbpsychologie kommt Rosa sehr gut weg, Rosa erweckt bei allen positive Gefühle.« In ihrem »Showroom« steht ein rosarotes Himmelbett, daneben eine Kommode mit lauter rosaroten Devotionalien und Souvenirs.
Wenn sie, in einem engen rosaroten Overall aus Frottee, durch das Berliner Café Einstein schreitet, halb Bette Midler und halb Trude Herr, bleiben alle Augen an ihr kleben. So viel Courage beeindruckt auch die coolsten Hauptstädter. Petra freut sich. »Der Overall ist so praktisch und bequem, nur beim Bieseln muß ich hart arbeiten.«
Harald, Musiker und Petras Ehemann, hat sich im Lauf der Jahre an das Outfit gewöhnt. »Wenn man mit der Farbe jeden Tag lebt, bekommt sie eine andere Wertigkeit.« Nur Petras Söhne Attila, 15, und Domino, 12, finden die eigene Mutter »peinlich«, aber das, tröstet sich Petra, sei »bei allen Kindern in dem Alter so«.
Dagegen erscheint Conny Sü Prem normal, bis auf die goldfarbenen Turnschuhe auf Plateausohlen, die sie ein wenig größer machen. Doch der Schein täuscht. Cornelia Prem hat nicht nur Wahlkampagnen für Rita Süssmuth und Christian Wulff konzipiert, sie ist auch ehrenamtliche Dozentin am Münchner »Institut für Parabiologie«.
Dessen Direktor, der Kunsthistoriker und Archäologe Andreas M. Gross, 1953 in Kiel geboren, hat 1976 die »Deutsche Hochschule für Seriositätswissenschaften« mitbegründet, »die bis heute stolz darauf ist, keinen einzigen Studenten zu haben, sondern nur Ordinarien«; die Parabiologie, sagt Gross, ohne das Gesicht zu verziehen, »beschäftigt sich mit den Randbereichen der Biologie in der Grauzone der eigentlichen Wissenschaft, ähnlich wie die Parapsychologie, die allerdings unseriös ist«. Zuletzt machte Parabiologe Gross mit einer Arbeit über »Erektion durch Rotation, das spezielle Schlappschwanz-Syndrom« von sich reden.
Kein Wunder, daß Conny und Petra in der bayerischen Dada- und Gaga-Landschaft, die schon für die Räterepublik, Liesl Karlstadt und Karl Valentin, Herbert Achternbusch und Peter Gauweiler der richtige Nährboden war, sich eines Tages begegnen mußten. Das geschah 1990 im Vorfeld einer Veranstaltung, die eine Modenschau werden sollte und schließlich ein »bunt zusammengewürfeltes Programm mit Musik« wurde: zur »Wünsch Dir was Show!« Karin Kümpfel, die damals schon Petra Perle hieß, trat mit einer Tanznummer auf, »Mein Polyboy und ich«, sie führte ein rosarotes »Polierhöschen« aus Flokati-Stoff vor, mit dem man, auf dem Hintern rutschend, Staub wischen kann, und wurde für diese Leistung zur »Hausfrau 2000« gekürt. »Nachdem ich den ersten Schritt auf die Bühne gewagt hatte, war ich nicht mehr zu bremsen.«
Gemeinsam organisierten Conny und Petra 1991 im Valentin-Musäum die »Erste Münchner Brezinale«, eine Sammlung von rund 120 Kunstobjekten meist unbekannter Künstler »rund um die Brez'n«, unter anderem die »Dalí-Breze«, den »Brez'n Picasso« und eine Breze, wie sie Roy Lichtenstein gemalt hätte.
Es folgte die erste und zweite »Münchner Genitale«, 1992 und 1993 in der Galerie Westend. Das Konzept war ebenso einfach wie überzeugend. »Man nimmt die männlichen und weiblichen Geschlechtsteile als Form und macht Alltagsgegenstände daraus«, zum Beispiel »Mösiletten«, pinkfarbene flauschige Handschuhe, die, wären sie nicht Kunst, als schwer jugendgefährdend indiziert würden.
Doch Petra Perles größter Traum war es, »einmal ein Schlagerstar zu werden«. 1992 bewarb sich die ehemalige Klosterschülerin und gelernte Goldschmiedin bei der deutschen Vorentscheidung zum Grand Prix mit einem Lied, das sie während ihrer zweiten Schwangerschaft geschrieben hatte. »Ich bekomme ein Baby, mein Gott, hast du Glück, ich bekomme ein Baby, es gibt keinen Weg zurück, ich bekomme ein Baby, bald sind wir zu dritt, und du bekommst eins mit!«
Sie bekam ihre Bewerbung zurück und beschloß, es den Grand-Prix-Veranstaltern heimzuzahlen. Ein Jahr später riefen Conny und Petra zum Ersten Wahren Grand Prix ins Theater am Stiglmaierplatz. Die Nachwuchs-Show mit 13 Interpreten wurde »ein voller Erfolg«, und Petra, die mit ihrem Baby-Song den zweiten Preis gewann, avancierte »über Nacht zur Mutter der neuen Schlagerwelle«.
»Mit Penetranz ans Ziel«, darauf komme es an, sagt Petra Perle. In München ist sie inzwischen weltberühmt, und unaufhaltsam breitet sich ihr Ruf als Multitalent auch in der übrigen Republik aus. Sie schreibt, singt, produziert »Hausart«, die in einer Galerie namens Kunstbehandlung ausgestellt wird, und möchte nicht nur »den deutschen Schlager retten«, sondern auch in der Politik mitmischen.
Zur Bundestagswahl im September 1998 trat sie in München-Mitte für den »Hausfrauenclub 2000« als einzige Bewerberin an: Mit einer Perlenkette um den Hals, hochgesteckten Haaren, rosa Ohrringen, rosa Gummihandschuhen und einem rosa Teppichklopfer forderte sie die Wähler auf, »die Megaperle« nach Bonn zu schicken, »damit die Zukunft rosarot wird!«
500 Wähler stimmten für sie, das waren 0,4 Prozent der gültigen Stimmen, nicht viel, aber immerhin mehr als 14 andere Bewerber erhalten hatten, darunter Schlingensiefs »Chance 2000«, die Bayernpartei und die NPD. Im Jahre 2002 will sie es noch einmal versuchen, bei den bayerischen Kommunalwahlen - »jetzt hab' ich Blut geleckt«. Der »Hausfrauenclub 2000« soll in »Pearl's Club« umbenannt und die Basis mobilisiert werden, »damit auch Männer mitmachen können«, denn weder Conny noch Petra verstehen sich als Feministinnen. »Wir sind Hausfrauen, und das sind viele Männer auch.«
Jeden letzten Sonntag im Monat treffen sich die Perle-Anhänger in der »Pussy Lounge«, dem Barockzimmer im Café Glockenspiel am Marienplatz. »Viele sagen, wir sind verrückt«, klagt Conny, »egal was wir machen, Schlager oder Politik, es heißt immer, das wäre eine Parodie, dabei sind wir nur anders, passen in keine Schublade. Außerdem ist uns nichts peinlich.«
Als Conny Sü Prem im Dezember zufällig erfuhr, daß im Bordell Club Aphrodite Künstler für eine Weihnachtsfeier gesucht wurden, bot sie sofort ihre besten Kräfte an - Petra Perle und George Gray (bürgerlich: Günther Grauer), den »singenden Wirt vom Starnberger See«, Johnny Gold (bürgerlich: Tino Lacher), im Alltag Bewährungshelfer, und Hilde Gard (bürgerlich: Constanze Lindner), die seit ihrer Kindheit Hildegard Knef verehrt.
Normalerweise kostet der Eintritt in den Club 90 Mark, wer mit einem der »Mädels« aufs Zimmer will, muß 600 Mark pro Stunde bezahlen. Doch am Abend der Weihnachtsfeier ruht das Geschäft, es sind nur sieben »Mädels« und sechs Kunden da, die Stimmung ist lau. Zum Schluß der Show treten Petra und Günther als die »Geschwister Pfundig« auf, sie im rosaroten, er im blaßblauen Pyjama. »Auszieh'n, auszieh'n!« heißt ihr neuer Schlager. Petra Perle hat ihn geschrieben, um ihre Söhne abends ins Bett zu animieren. »Auszieh'n, alle auszieh'n, auszieh'n und dann ran an den Speck; auszieh'n, alle auszieh'n, und schwupp - sind die Kleider weg.«
Der Text ist einfach, die Melodie ein Ohrwurm, die Wirkung erstaunlich. Kaum ist der Song verklungen, leert sich der Salon im Club Aphrodite, und die »Mädels« verschwinden mit den Kunden in den Zimmern, um paarweise weiterzufeiern. Conny ist zufrieden. »'Auszieh'n'«, hofft sie, »könnte ein echter Hit werden.«
1999 wird Petra Perle wieder versuchen, an der deutschen Vorauswahl zum Grand Prix teilzunehmen. Wird ihre Bewerbung abgewiesen, werden Conny Sü Prem und sie den Wahren Grand Prix wiederbeleben.
Vorher aber fliegen die beiden noch nach Dubai, wo sie für das Schweizer Fernsehen eine große Show ("Schlager aus 1001 Nacht") produzieren sollen. Petra hat sich einen Reiseführer über die Vereinigten Arabischen Emirate gekauft und einen Bauchtanzkurs belegt, »damit es naturidentisch rüberkommt«. Sie wird die »Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe« singen, verschleiert und verhüllt in Seide und Tüll. Und alles in Rosarot, versteht sich.