Interne Querelen bei der "NY Times" "Twitter ist zum mächtigsten Redakteur geworden"
Journalistin Weiss sieht die Meinungsfreiheit bei der "New York Times" bedroht
Foto: Alberto E. Tamargo / Sipa USA / ddp imagesInterne Querelen bei der "New York Times" ("NYT") sorgen für Aufruhr in der US-Medienlandschaft. Eine Redakteurin im Meinungsressort der "NYT" hat ihre Anstellung gekündigt und auf ihrer privaten Website ihr Rücktrittschreiben an den Herausgeber Arthur Gregg Sulzberger veröffentlicht . Darin kritisiert die 36-jährige Bari Weiss die Arbeitsatmosphäre und die generelle Ausrichtung des wichtigsten Medienhauses der USA scharf.
Bari Weiss war 2017 vom "Wall Street Journal" zum Blatt geholt worden, um, so beschreibt es die Journalistin, nach der Amtseinführung von Donald Trump das ideologische Spektrum der "NYT" zu erweitern. "Die Zeitung hatte keine Ahnung von der Stimmung in dem Land, über das es berichtete", schreibt Weiss, "ich sollte sie weniger angreifbar machen." Nun aber kündige sie, weil die "NYT" vor den Meinungen auf Twitter kapituliere.
Bari Weiss stand für Meinungen, die der typisch liberalen Ausrichtung der "NYT" oft entgegenstanden, sie hatte sich im Meinungsteil der Zeitung als umstrittene konservative Kommentatorin etabliert. In ihren Artikeln und in Posts in sozialen Netzwerken kritisierte Weiss unter anderem linke Aktivisten oder studentische Proteste. Sie warnte vor den Grenzen der #MeToo-Bewegung , sprach sich für die Praxis kultureller Aneignung aus und unterzeichnete kürzlich einen offenen Brief gegen "Cancel Culture" , der vom "Harper's Magazine" initiiert worden war. Zwar sei sie genau dafür angestellt worden, schreibt Weiss, doch die Haltungen seien letztlich nicht toleriert worden, das Blatt habe ihr nicht den Rücken gestärkt, sondern sich dem Druck sozialer Netzwerke gebeugt.
"Feindliches Arbeitsumfeld"
"Twitter ist nicht das Impressum der 'New York Times'", schreibt Weiss in ihrer Kündigung, "aber es ist zu ihrem mächtigsten Redakteur geworden. Die Moral der Plattform ist zur Moral des Blattes geworden." Geschichten würden so ausgewählt und geschrieben, dass Meinungsführer auf Twitter zufrieden seien. Es gehe längst nicht mehr darum, den Lesern Fakten und vielfältige Meinungen so zu präsentieren, dass sie sich eine eigene Meinung bilden können. "Wahrheit ist hier nicht mehr ein Prozess gemeinsamer Entdeckungen, sondern eine orthodoxe Haltung, die einigen wenigen Erleuchteten bekannt ist, deren Aufgabe es ist, alle anderen zu informieren", so Weiss.
Für ihre abweichenden Haltungen sei sie von Kollegen gemobbt worden, so Weiss: "Aufgrund meiner Streifzüge durch die Gefilde der 'falschen Meinungen' wurde ich ständig von Kollegen gemobbt, die ideologisch anderer Meinung waren", schreibt die Journalistin, "einige davon haben mich als Nazi und Rassistin beschimpft." Sie sei im firmeninternen Messengerdienst regelrecht erniedrigt worden.
In einer Stellungnahme gab die "NYT" bekannt, Herausgeber Sulzberger habe nicht vor, auf das Kündigungsschreiben von Bari Weiss öffentlich zu reagieren. Eine Verantwortliche des Meinungsressorts betonte, dass das Ressort Weiss' Arbeit zu schätzen gewusst habe.
Konservativen Stimmen und Anhängern von Donald Trump hingegen wird der Brief gelegen kommen. Der US-Präsident wirft liberalen Medienhäusern gern Parteilichkeit und unfaire Berichterstattung vor. Senator Ted Cruz aus Texas twitterte, Weiss' Rücktrittschreiben sei das Wichtigste, das es diese Woche zu lesen gebe .