Zum Inhalt springen

NETZKULT "Jeder zweite will über Sex reden"

Die Chat- und Messaging Software ICQ (lies: "I seek you") hat weltweit über zwanzig Millionen Anhänger.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frankfurt/Main - "Es ist faszinierend", sagt die 38jährige Bulgarin Maya über das ICQ-Chatten im Internet, "aber auch ein bißchen gefährlich. Man kann leicht süchtig werden." Seit dem Start in Israel 1996 haben mehr als 20 Millionen Menschen die Chat-Software für ICQ installiert; auf englisch ausgesprochen ergibt die Abkürzung den Satz: I Seek You - ich suche Dich.

Chat - der Begriff bedeutet soviel wie Plauderei und steht seit den Anfängen der Computervernetzung für den unverbindlichen und zumeist anonymen Austausch von allem, was dem Menschen am Computer durch den Kopf geht. Die eigenen Mitteilungen werden in der einen Hälfte eines zweigeteilten Bildschirmfensters eingetippt, die Äußerungen der anderen Teilnehmer im "Chat-Room" tauchen in der anderen Hälfte auf. Über die Server im Internet Relay Chat (IRC) wird schon seit 1988 rund um die Uhr in Tausenden sogenannter Kanäle geplaudert - bevorzugt auf englisch, aber auch in allen anderen Sprachen.

Das Online-Treffen in der Gruppe ergänzt ICQ mit speziellen Fuktionen für die direkte Kommunikation von Person zu Person. Die Teilnehmer laden aus dem Internet  die 1,6 MB große Programmdatei auf ihren PC und installieren sie bei laufender Internet-Verbindung. Unmittelbar danach folgt die Registrierung bei ICQ mit einem frei gewählten Phantasienamen. Inwieweit auch der richtige Name, Alter, Geschlecht, E-Mail-Adresse, Telefonnummer oder persönliche Interessen angegeben werden, bleibt jedem selbst überlassen.

Das Chat-System erkennt, wer gerade mit dem Internet verbunden ist und somit für Online-Kontakte zur Verfügung steht. Falls man sich nicht gemeinsam mit Freunden auf das Abenteuer ICQ einläßt, ist der Neuling im weltweiten Datennetz zunächst noch recht einsam. Das Programm bietet aber auf Wunsch einen zufällig gewählten Chat-Partner an, den der Einsteiger zur Plauderei einladen kann. "User has declined your request" lautet danach oft die Reaktion - der vom Computer ausgewählte Mensch ist offenbar gerade anderweitig beschäftigt oder hat keine Lust auf einen neuen Chat. Beim zweiten oder dritten Mal klappt es dann aber meistens: Schneller als gedacht steckt man mitten drin in der Unterhaltung mit einem wildfremden Menschen irgendwo auf dem Globus - vielleicht in Florida oder an einem anderen Ort in Nordamerika, wo etwa 40 Prozent aller ICQ-Chatter leben; weitere 40 Prozent sind ein Europa zuhause, und mit etwas Glück findet man auch einmal einen Chat-Partner in China oder Mexiko.

Soll der Kontakt fortgesetzt werden, "autorisieren" sich die beiden Gesprächspartner gegenseitig, was dem System mitgeteilt wird. Danach zeigt ICQ bei jeder Verbindung mit dem Internet an, welche der Chat-Bekanntschaften ebenfalls gerade online ist. Darüber hinaus kann bestimmt werden, in welchem "Status" man sich den Bekannten darstellt: Ein Symbol in der Kontaktliste zeigt dann an, wer gerade "chat-bereit", "beschäftigt" oder "abwesend" ist. In jedem Fall kann auch eine kurze Text-Message an bestimmte Adressaten versandt werden. Zu den weiteren Möglichkeiten gehören Chats mit mehreren Teilnehmern, E-Mail (die bei der Registrierung zugeteilte "Universal Identification Number" dient auch als E-Mail-Adresse), die Übertragung von Dateien oder Telefonieren über das Internet.

Mirabilis, die von vier Freaks gegründete israelische Entwicklerfirma von ICQ, wurde im Juni dieses Jahres für 287 Millionen Dollar von dem amerikanischen Online-Dienst AOL aufgekauft. Obwohl AOL ein ähnliches Chat-Angebot hat, soll ICQ ein eigenständiger und weiterhin kostenloser Dienst bleiben. Jedoch befürchtet die ICQ-Szene, daß künftig verstärkt Werbung auf der Chat-Plattform zu finden sein wird.

Wichtiger aber sind die Sicherheitsfragen. ICQ offenbart in der Grundeinstellung die IP-Nummer, die eindeutige Kennung, mit der sich ein Rechner im Internet anmeldet, was die Möglichkeit zu böswilligen Attacken auf diesen PC gibt. Schon gibt es spezielle Programme, die einen ICQ-Teilnehmer mit einer Flut von Mitteilungen und Anfragen bombardieren und so sein Chat-Programm zum Absturz bringen. ICQ-Anfänger sollten sich diese Risiken bewußt machen und sich entsprechend vorsichtig im Netz bewegen.

Die Menschen im Cyberspace sind auch nicht anders als im richtigen Leben - jedoch setzt die elektronische Anonymität die Hemmschwelle für Gespräche herab. "Es ist gar nicht so einfach, normale Menschen zu finden", sagt Maya nach zwei Wochen ICQ-Erfahrung. "Jeder zweite will nur über Sex reden."

Von Peter Zschunke