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STUDENTEN / FREIBURG Weiche Knie

• aus DER SPIEGEL 7/1969
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Kurz vor Mitternacht stoppte ein roter Citroen vor dem Heim des Freiburger Universitätsrektors Bruno Boesch. Verschämt legte am 17. Januar der späte Gast in den Briefkasten Seiner Magnifizenz eine selbstverfaßte Lektüre, von der Professoren bislang nur träumten: den Abbitte-Brief eines SDS-Studenten.

»Mit Magnifizenz als Anrede, alles tipptopp, wie sich's gehört« (Rektor Boesch) »bedauerte« stud. phil. Fritz Erik Hoevels, 21, in seinem Vier-Sätze-Schreiben »aufrichtig«, was ihn drei Tage zuvor noch richtig dünkte: die Rektoratsbesetzung vom 14. Januar, durch die der Germanistik- und Lateinstudent und ein paar Kommilitonen sich mit den Heidelberger SDS-Genossen solidarisieren wollten. Und »mit vorzüglicher Hochachtung« signierte »Ihr sehr ergebener Fritz Erik Hoevels« sein Versprechen, »künftig bei der Verfolgung meiner politischen Ziele im Rahmen der Universität auf die Anwendung von Gewalt zu verzichten«.

Zur Läuterung brachte den SDS-Mann ("Ich bin einer der Dominierenden in Freiburg") bürgerliche Bange um die Zukunft. Denn Rektor Boesch, schweizstämmiger Germanist (Spezialgebiet laut Uni-Ondit: »Die Mundarten Tiroler Weinbauern"), hatte nach dem Rektorats-Go-in gegen elf Mitwirkende Strafantrag wegen Hausfriedensbruch gestellt. Angezeigter Hoevels: »Da habe ich erkannt, daß ich in der Uni besser angebracht bin als im Gefängnis.« Anzeiger Boesch hingegen: »Der Hoevels hat plötzlich weiche Knie bekommen.«

Schon mehrmals war der bleichwangige Schnauzbartträger, Sohn eines Frankfurter Internisten, »völlig aus den Pantinen gekippt«, sagt Asta-Vorsitzender Gerhard Schulte, 25. Denn wiewohl Student Hoevels »nie in der ersten Reihe steht« (Schulte), wurde er bei Demonstrationen gegen die Fahrpreiserhöhung der Freiburger Trambahn festgenommen, und seit einem Go-in in das Sex-Lichtspiel »Du« ermittelt der Staatsanwalt gegen ihn wegen Hausfriedensbruchs.

Darum gab sich der Wehrdienstverweigerer und Freud-Kenner, als er von der Anzeige des Rektors hörte, so bußbereit. »Er kam, bevor er den Brief schrieb«, frohlockte Boesch, »sehr zerknirscht zu mir und bat mich, den Strafantrag zurückzuziehen.«

Was den Rektor behagte, empfand Asta-Polit-Referent Alexander Wormit, 21, als »widerlich« -- daß »ein so wortradikaler Revolutionär aus Angst um seine Karriere zu Kreuze kriecht«. Doch auch des Rektors Reaktion auf Hoevels Canossa schätzt der Kommilitone wenig:

Professor Boesch zog zwar den Strafantrag zurück und versprach, »bei der Staatsanwaltschaft darauf hinzuwirken, daß auch von Amts wegen ... keine Strafverfolgung durchgeführt wird«. Zugleich sorgte er jedoch auch dafür, daß die Schmach des SDS-Manns »im Getümmel nicht untergeht« (Boesch): Auf 1000 Flugblättern machte er Hoevels Buß-Brief publik.

Daß auch die anderen zehn angezeigten Linken Abbitte leisten, hoffte Seine Magnifizenz nunmehr freilich vergebens. SDS-Mann Tilmann Brauns, 24: »Wir distanzieren uns von dem konterrevolutionären Verhalten Hoevels'. Das war eine Kurzschlußreaktion.« Darum will man dem Genossen auch nicht ewig gram sein. Brauns: »Wenn Fritz Erik erkennt, daß das, was er getan hat, falsch war, kann er jederzeit wieder gerne zu uns kommen.«

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