Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Autogramm BMW X6 M: Koloss im Kampfanzug

Foto: BMW

Autogramm BMW X6 M Die Ruck-Zuck-Gelddruckmaschine

Ein V8-Motor mit 575 PS, dessen Wärmeentwicklung von zehn Kühlern gebändigt werden muss: Der X6 M ist die Antithese zu automobilen Ökobekenntnissen wie i3 und i8. Warum BMW ihn trotzdem baut? Weil er eine Goldgrube ist.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der erste Eindruck: Platz da, jetzt komme ich! In der M-Version sieht der X6 aus wie ein Koloss im Kampfanzug, vor allem wegen der riesigen Kühlöffnung im Bug. Deren Botschaft: Was nicht augenblicklich den Weg frei macht, wird verschlungen.

Das sagt der Hersteller: Als BMW vor sechs Jahren zum ersten Mal einen SUV, also ein X-Modell, zur M-Variante aufgerüstet habe, sei das ein gewagter Schritt gewesen, sagt der damalige Chef der M GmbH, Ludwig Willisch. Heute ist Willisch Chef des US-Geschäfts bei BMW und kann sich quasi selbst auf die Schulter klopfen. Denn inzwischen machen die X-Typen ein Viertel aller M-Modelle aus, die meisten davon fahren in den USA. Aber auch in China, Russland und in den Golfstaaten, kurz: überall da, wo man gerne zeigt was man hat, verkaufen sich die protzigen Autos prima. Doch selbst in Deutschland gibt's einen nennenswerten Markt, sagt der neue M-Chef Franciscus van Meel.

Das ist uns aufgefallen: Das Design wirkt. Selbst in dem eigens für den Macho angerührten, aber eigentlich eher freundlichen Laguna-Beach-Blau sieht der X6 M im Rückspiegel offenbar furchterregend aus. So furchterregend, dass alle anderen Verkehrsteilnehmer die linke Spur auch dann eilig räumen, wenn man nur gelassen dahin rollt. Es mag am Design liegen oder am schlechten Ruf der BMW-Fahrer im Allgemeinen und derer des X6 im Besonderen - so eine Wirkung erzielen oft nicht einmal waschechte Supersportwagen.

Im Innenraum hingegen gibt sich der X6 ganz zahm. Man wird umschmeichelt von Lack und Leder, und fühlt sich eher an Rolls-Royce als an Rennsport erinnert. Trotz der hohen Sitzposition wähnt man sich, der strammen Integralsessel sei dank, nicht in einer Hollywoodschaukel, sondern eng und direkt der Straße verbunden.

Auch Größe und Gewicht des Autos spürt man nicht. Wenn der 4,4 Liter große V8-Motor mit 575 PS und bis zu 750 Nm Drehmoment anschiebt, verlieren selbst 2,3 Tonnen Leermasse ihren Schrecken. Und wenn mehr Elektronik als im Space-Shuttle Fahrwerk, Federung, Lenkung, Bremsen und Allradantrieb kontrolliert, fährt auch eine rasende Schrankwand geschmeidig.

Bei beherzter Fahrt entwickelt das Kraftpaket allerdings einen Kühlbedarf, der dem eines Atomreaktors wahrscheinlich in nichts nachsteht. Der gierige Schlund hat also sehr wohl eine Berechtigung, argumentieren die Entwickler. Genauso übrigens die insgesamt zehn Kühler, fünf Kühlpumpen und vier Kühlkreisläufe.

Das muss man wissen: Die M GmbH startet ihre Geländeoffensive mit einem Doppelschlag. Zum Verkaufsbeginn am 11. April gibt es nicht nur den X6 mit mehr Muskeln, sondern, technisch identisch, auch den X5 in einer M-Version. Der kostet 3400 Euro weniger und liegt damit bei einem Grundpreis von 114.300 Euro, für den X6 M sind in der Basisversion 117.700 Euro fällig.

Ein happiger Preis? Die Verschwendung ist bei diesem Auto quasi ab Werk eingebaut - und zwar nicht nur, weil man den Normverbrauch von jetzt 11,1 statt früher 13,9 Litern selbst bei gemächlicher Gangart mühelos verdoppeln kann. Sondern vor allem, weil der Wagen einen fast schon unverschämten Aufpreis kostet: Rund 35.000 Euro mehr verlangt die M-GmbH für den X6 - obwohl er im Grunde den gleichen Motor nutzt wie das bisherige Top-Modell 50i.

M-Chef van Meel rechtfertigt den Aufpreis nicht nur mit 125 PS mehr Leistung, sondern vor allem mit dem Entwicklungsaufwand zum Beispiel für spezielle Performance-Reifen oder das erwähnte Kühlpaket. Aber er verweist auch auf die umfangreichere Serienausstattung. Die lässt in seinen Augen nur noch wenig Luft für Extras. Doch das täuscht: Zwar mag es weniger wählbare Extras geben, doch auch die summieren sich schnell auf 30.000 Euro. Weicheres Leder: 4500 Euro. Stramme Multifunktionssitze mit gutem Seitenhalt: 2000 Euro. Das Navigationspaket samt Connected Drive Services: 3500 Euro. Und dass man bei einem deutlich sechsstelligen Preisschild noch 100 Euro für den Internetzugang und 50 Euro für den Aschenbecher bezahlen muss, ist schlicht eine Frechheit.

Das werden wir nicht vergessen: Das Gastspiel auf der Rennstrecke. Eigentlich hat ein X6 dort nichts verloren, doch aufgrund des hecklastig ausgelegten Allradantriebs, einer cleveren Kraftverteilung und extremer Bremsen hinterlässt der Wagen sogar auf der Piste einen nachhaltigen Eindruck. Es wirkt surreal, wie der Koloss durch die Kurven, aber eben nicht aus der Bahn fliegt. Insofern ist es nur konsequent, dass BMW für das Infotainmentsystem eigens eine App programmiert hat, auf der man die Fahrt wie im Telespiel verfolgen und online teilen kann. Das zeigt, dass das Auto wohl doch vor allem ein Spielzeug ist. Für große Jungs - mit großen Geldbeuteln.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel