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Prozess in Verden: Hohe Haftstrafen für Sexgeisel-Täter

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Sie lockten ihre Opfer per Kleinanzeige an, sperrten sie in einen Hundekäfig und missbrauchten sie: Das Landgericht Verden hat zwei Männer, die junge Frauen als Sexsklavinnen hielten, zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Es ist das Ende eines langen Prozesses mit ekelerregenden Details.

Hamburg - Sie raubten ihnen Freiheit und Menschenwürde: Stephan K., 42, und Bernd K., 54, hielten sich drei Frauen als Sexsklavinnen, verkauften sie an Männer und quälten sie auf abartige Weise. Das Landgericht Verden verurteilte den jüngeren der beiden heute wegen Geiselnahme, Vergewaltigung, sexueller Nötigung und Menschenhandel zu 14 Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung. Sein 54-jähriger Komplize wurde zu zwölfeinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Außerdem müssen die beiden Männer den Opfern 300.000 Euro Schmerzensgeld zahlen.

Die Angeklagten Stephan K. (l) und Bernd K.: "Er schämt sich deutlich"
DPA

Die Angeklagten Stephan K. (l) und Bernd K.: "Er schämt sich deutlich"

Der Webdesigner und sein älterer Freund, ein Versicherungskaufmann, handelten nach einem ausgeklügelten, perfiden Plan: Sie schalteten im Internet Anzeigen für gut bezahlte Nebenjobs.

Drei Interessentinnen im Alter zwischen 18 und 23 Jahren lockten sie in ein zweistöckiges Backsteinhaus in Garlstedt bei Bremen, überwältigten sie und hielten sie teilweise mehr als drei Monate gefangen. Phasenweise wurden sie in einen 80 Zentimeter hohen, 90 Zentimeter breiten und 1,20 Meter langen Hundekäfig gesperrt, an einen der Gitterstäbe gekettet und mit lauter Musik über Kopfhörer gequält.

Sie wurden gefesselt, zur Prostitution gezwungen und ans Bett gebunden. Einer Frau drohten die Männer, sie würden sie ersticken, wenn sie sich wehre.

Vor allem im oberen Stockwerk des Einfamilienhauses kannten die perversen Erniedrigungen scheinbar keine Grenzen: Die Frauen mussten aus Hundenäpfen essen, auf allen Vieren durchs Haus kriechen und sich an einer Leine führen lassen. Immer wieder wurden sie mit Vibratoren vergewaltigt und gedemütigt.

Eine der Geiseln wurde von den aus Berlin und Verden stammenden Männern per Kamera überwacht, wenn sie sich an fremden Männern prostituieren musste: In einem Teddybären hatten die Entführer eine Kamera versteckt, die den erzwungenen Liebesdienst filmte. Alle drei Frauen traten in dem Verfahren als Nebenklägerinnen auf.

Einer Frau gelang die Flucht - nackt und in Handschellen

Das erste der drei Opfer war eine zur Tatzeit 23 Jahre alte Studentin. "Sie ist so schwer traumatisiert und krank, dass sie in dem Verfahren nicht aussagen konnte", sagt ihr Anwalt Ben Bartholdy SPIEGEL ONLINE. Jedes Mal, wenn sie mit der extrem "erniedrigenden Behandlung" konfrontiert werde, erleide sie eine schwere psychische Retraumatisierung. Die heute 25-Jährige hatte während ihrer Gefangenschaft zudem die Freundin und Geliebte des 42-Jährigen spielen müssen.

Hundekäfig, lederner Stiefelsitz (Beweisstücke der Staatsanwaltschaft): Junge Frauen gequält und gedemütigt
DPA

Hundekäfig, lederner Stiefelsitz (Beweisstücke der Staatsanwaltschaft): Junge Frauen gequält und gedemütigt

Am 15. Oktober 2006 gelang einer 19-Jährigen nackt und mit Handschellen gefesselt die Flucht über ein Dachfenster. Sie alarmierte die Polizei. Die Sklavenhalter flohen zunächst mit den beiden anderen Frauen. Einer von beiden stellte sich mit der Frau an seiner Seite vier Tage später der Polizei. Der andere wurde Ende November 2006 in Oldenburg gefasst, die dritte Frau noch immer in seiner Gewalt.

Das Gericht folgte mit dem Urteil der Forderung von Oberstaatsanwalt Hansjürgen Schulz: Er hatte für Stephan K. 14 Jahre und neun Monate sowie die Anordnung der Sicherheitsverwahrung gefordert. Der 42-Jährige habe weder Einsicht noch Reue gezeigt, so Schulz. Laut psychiatrischem Gutachten ist er der Drahtzieher des Verbrechens.

Einer der Verteidiger: "Mein Mandant schämt sich deutlich"

Für Bernd K. hatte der Oberstaatsanwalt 13 Jahre Haft gefordert. Der 54-Jährige hatte während des Prozesses ein Geständnis abgelegt. "Bei ihm merkt man, dass er seinen Fehler eingesehen hat. Er schämt sich deutlich", sagte Strafverteidiger Kay Müffelmann über seinen Mandanten im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er sei sich der Brutalität der Tat bewusst und akzeptiere eine "Strafe im hohen Bereich".

In seinem Schuldbekenntnis hatte der Versicherungskaufmann einen Großteil der Vorwürfe zugegeben: Dass die Frauen gegen ihren Willen festgehalten, zur Prostitution gezwungen und ans Bett gefesselt worden waren. Er beteuerte aber, von den Vorgängen im oberen Stockwerk nichts gewusst zu haben.

Als im Gerichtssaal Videoaufzeichnungen gezeigt wurden, wie sein Freund Stephan K. die Frauen teilweise gefügig gemacht und gequält hatte, sei der 54-Jährige fast zusammengebrochen, sagt Anwalt Müffelmann.

In dem mehr als 14 Monate andauernden Prozess war meistens die Öffentlichkeit ausgeschlossen worden - zu viele widerwärtige Details waren zur Sprache gekommen oder auf Videobändern gezeigt worden.

Die Verteidiger kündigten an, Revision zu beantragen.

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