Krieg in Syrien Ost-Ghuta droht die Teilung

In Syrien haben die Regierungstruppen ihre Angriffe auf die Enklave Ost-Ghuta intensiviert. Tausende Menschen sind auf der Flucht, ein geplanter Uno-Hilfskonvoi fuhr gar nicht erst los.

Zerstörte Gebäude in Ost-Ghuta
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Zerstörte Gebäude in Ost-Ghuta


Die syrische Armee ist nach eigenen Angaben in der Rebellenenklave Ost-Ghuta weiter vorgerückt und treibt einen Keil in das belagerte Gebiet. Ein Kommandeur sagte, die Truppen müssten nur noch wenige Kilometer vorankommen, um das Rebellengebiet in zwei Teile zu spalten.

Tausende Menschen sind Augenzeugen zufolge auf der Flucht. Flüchtlinge aus dem Südosten der Region versuchten, im Zentrum von Ost-Ghuta Unterschlupf zu finden. Die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte sprach von 300 bis 400 Familien, die seit Samstag auf der Flucht seien. Die in London ansässige Gruppe hat in Syrien ein Netz von Informanten, ist aber nicht selbst vor Ort.

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Die Armee habe mehrere Bezirke erobert und rücke "an mehreren Fronten" auf die Rebellenenklave vor, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Sana unter Berufung auf einen Informanten im Militär. Das Militär habe demnach "Terroristengruppen" aus mehreren Ortschaften im Osten und Südosten von Ost-Ghuta vertrieben.

Unter anderem stünden die Bezirke al-Natschabije und Otaja unter Kontrolle der Regierungstruppen. Eine große Zahl "Terroristen", wie die Assad-Führung alle oppositionellen Kämpfer bezeichnet, sei getötet worden. Mehrere Kommandozentralen, Tunnel und Befestigungsanlagen seien zerstört worden.

"In den vergangenen 48 Stunden verstärkte Angriffe"

Ost-Ghuta vor den Toren der Hauptstadt Damaskus ist im syrischen Bürgerkrieg eines der letzten größeren Rückzugsgebiete der Aufständischen. Es wird von islamistischen Rebellengruppen kontrolliert. Rund 400.000 Menschen sind dort eingeschlossen, sie leiden große Not. Der Uno-Sicherheitsrat hatte Ende Februar eine Resolution für eine einmonatige Waffenruhe in Syrien verabschiedet, diese Forderung wurde aber bislang nicht umgesetzt.

Seit Mitte Februar fliegen syrische Regierungstruppen mit russischer Unterstützung heftige Luftangriffe auf die Enklave. Mehr als 600 Menschen wurden laut Uno dabei getötet, mehr als 2000 weitere verletzt. Die Einnahme von Ost-Ghuta wäre ein wichtiger Sieg für Präsident Baschar al-Assad in dem seit rund sieben Jahren dauernden Bürgerkrieg.

Seit einigen Tagen läuft eine Bodenoffensive gegen die Rebellen. Trotz einer von Russland Anfang der Woche in Kraft gesetzten täglich fünfstündigen Feuerpause setzte die Armee ihren Vormarsch zuletzt fort. "Sie haben in den vergangenen 48 Stunden ihre Angriffe auf die Rebellen intensiviert", teilte die Beobachtungsstelle mit.

Die Regierungskräfte hätten auch die Kontrolle über zwei Luftwaffenstützpunkte zurückerobert. Der Vormarsch durch das hauptsächlich landwirtschaftlich genutzte Gebiet gehe rasch voran, erklärte Rahman. Die Angaben der Beobachtungsstelle, die sich auf ein Netz von Informanten vor Ort stützt, sind von unabhängiger Seite kaum zu überprüfen.

Hilfskonvoi für Sonntag abgesagt

Die Uno erklärten, ein für Sonntag geplanter Hilfskonvoi könne nicht fahren, stehe aber bereit, die Güter sofort auf den Weg zu bringen, sobald dies möglich sei. Rund 40 Lastwagen sollen dringend benötigte Lebensmittel und Medikamente nach Duma in der Region Ost-Ghuta schaffen. In diesem Jahr hat bisher nur ein kleiner Konvoi mit Gütern für 7200 Menschen Mitte Februar sein Ziel erreicht.

Der regionale Uno-Hilfskoordinator Panos Moumtzis klagte, anstatt der dringend benötigten Atempause für die Menschen in Ost-Ghuta gebe es "mehr Kämpfe, mehr Tote und mehr verstörende Berichte über Hunger und bombardierte Krankenhäuser". "Diese Kollektivstrafe für die Zivilbevölkerung ist schlicht nicht hinnehmbar", sagte er. Auch bei Granatenangriffen der Rebellen auf Damaskus seien Dutzende Zivilisten getötet und verletzt worden.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Uno-Generalsekretär Antonio Guterres äußerten sich in einem Telefonat am Samstagabend "tief besorgt" angesichts der humanitären Lage in Ost-Ghuta. Beide verlangten die sofortige Umsetzung der Uno-Resolution, die auch Hilfslieferungen vorsieht. Der Uno müsse es umgehend ermöglicht werden, die Menschen der Enklave mit Medizin und Lebensmitteln zu versorgen, erklärte Macron.

Türkische Luftangriffe in Afrin

Derweil gehen auch in der Region Afrin im Nordwesten des Landes die Gefechte weiter. Dort erlitten syrische Regierungstruppen ihre bislang schwersten Verluste im Kampf gegen türkische Einheiten. Luftangriffe der türkischen Armee töteten nach Angaben der Beobachtungsstelle mindestens 36 Regierungskämpfer.

Die syrischen Regierungstruppen rückten in das kurdisch kontrollierte Afrin vor mehr als zwei Wochen ein, um Verbände unter Führung der Kurdenmiliz YPG im Kampf gegen türkische Einheiten zu unterstützen. Die Türkei hatte die YPG zusammen mit protürkischen Rebellen im Januar angegriffen, weil sie die Gruppe als Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und damit als Terrororganisation sieht.

Die türkische Führung hatte klargemacht, dass die Uno-Forderung nach einer Feuerpause ihrer Ansicht nach nicht für den Konflikt in Afrin gilt. Mehrere Tausend Menschen demonstrierten am Samstag in Berlin gegen die Militäroffensive.

abl/AFP/Reuters

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