Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 47 / 79

NACHRUF HAROLD MACMILLAN †

• aus DER SPIEGEL 2/1987
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Seine stoische Gelassenheit zeigte er zum erstenmal in den Schlachten an der Somme: Sanitäter fanden den verwundeten schottischen Offizier zwischen Gefallenen im Niemandsland. Hauptmann Harold Macmillan las in einer Taschenbuchausgabe den »Prometheus« des Aischylos.

Als »interessanteste und zugleich demütigende Kriegserfahrung« aber schilderte der Schöngeist in einem Feldpostbrief an seine aus Amerika stammende Mutter die Begegnung mit den »ärmeren Klassen«. Der Großbürger mit Eton- und Oxford-Bildung entwickelte Hochachtung für die kleinen Leute und erkannte zeitlebens auch in herumlungernden Erwerbslosen und streikenden Bergarbeitern die pflichtbewußten Männer aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Diese idealisierte Vorstellung vom Proletariat teilten Macmillans Tory-Obere in den 20er und 30er Jahren so wenig wie heute die zur Eisernen Lady aufgestiegene Krämerstochter Margaret Thatcher.

Und so wie Macmillan einst als konservativer Linksaußen im Unterhaus den »Kasino-Kapitalismus« und »wirtschaftlichen Calvinismus« seiner Partei anprangerte, attackierte er ein halbes Jahrhundert später als Earl of Stockton im Oberhaus die Thatcher-Regierung: Sie verschleudere mit ihrem Privatisierungsprogramm »das Familiensilber«.

Macmillan befürwortete einen »Mittelweg« (so der Titel eines 1938 von ihm veröffentlichten Buches) zwischen Sozialismus und Laisserfaire-Kapitalismus. Er theorisierte darüber, Brot in halbstaatlichen Betrieben zu backen, während Brötchen und Kuchen vom Privatsektor hergestellt werden sollten. Staatliche Arbeitsplatzbeschaffung war für Macmillan nie ein Tabu.

Daß es den Briten unter ihm als Regierungschef (1957 bis 1963) »so gut wie nie zuvor« ging, war freilich mehr Macmillans Glück als das Ergebnis seiner Politik: Englands wirtschaftlicher Abstieg hatte noch nicht voll eingesetzt.

Die Boomzeit nutzte »Supermac«, wie ihn die Bürger nach der Comic-Figur Superman nannten, zu einer historischen Tat. Weil sich das Empire wie ein »Dinosaurier« überlebt habe und durch Afrika ein »Wind des Wandels weht«, entließ Macmillans Regierung Britanniens schwarze Kolonien in die Unabhängigkeit.

Dabei scheute Macmillan bewaffnete Auseinandersetzungen keineswegs. 1956 hatte er seinen Premier Anthony Eden zunächst im Suez-Krieg gegen den Kanal-Verstaatlicher Nasser unterstützt. Erst als die USA nicht mitzogen, trat er gegen die Invasion auf. Das Unternehmen scheiterte. Eden ging. Macmillan rückte an die Spitze.

Obwohl er keine Weltmacht mehr vertrat, profilierte sich Macmillan als eine Schlüsselfigur des Weltgeschehens. Kennedy rief ihn während der Kuba-Krise in einer Nacht dreimal an. Chruschtschow schätzte ihn als Vermittler. Den Atomtestvertrag von 1963 verdankt die Welt vor allem Macmillans Verhandlungsgeschick.

Im Jahr dieses größten außenpolitischen Erfolgs trat der Premier zurück. Englands EG-Beitritt war an de Gaulles Veto gescheitert. Die bizarre Affäre seines Heeresministers Profumo, der es mit dem selben Callgirl trieb wie der sowjetische Marineattache, erschütterte seine Regierung. Seine Prostata erforderte eine Operation.

Als Ex-Premier widmete er sich dem von seinem Großvater gegründeten Macmillan-Verlag. Die Grafenwürde akzeptierte er erst 21 Jahre später, zum 90. Geburtstag. Er ziehe nun ins Oberhaus ein, scherzte Macmillan, weil er dort »alle 25 Meter eine Bar oder ein Klo« finden könne und »halb blind und halb taub«, wie er sei, nicht auffallen würde. Tatsächlich bewegten seine Oberhaus-Reden die Nation.

Die erfuhr in Macmillans letztem Lebensjahr von einer dunklen Episode. Als zuständiger Kabinettsvertreter beim alliierten Hauptquartier, so berichtete der Historiker Nikolai Tolstoi in einem kontroversen Buch, habe Macmillan 1945 an die 40000 Kosaken und Weißrussen aus dem britisch besetzten Teil Österreichs in den sowjetischen Herrschaftsbereich zurückschicken lassen.

Macmillan antwortete nicht auf die neuen Anschuldigungen aus alten Tagen, aber er litt darunter. Er starb am Montag voriger Woche auf seinem Landsitz in Sussex.

Zur Ausgabe
Artikel 47 / 79