Ungleicher Stundenlohn Birkenstock zahlte Frauen einen Euro weniger

Beim Schuhhersteller Birkenstock herrschte nach SPIEGEL-Informationen über Jahre Lohnungleichheit. Tochterunternehmen zahlten Frauen systematisch weniger als Männern. Nun laufen mehr als hundert Klagen.

Von Lukas Koschnitzke

Birkenstock-Sandalen: Bezahlung war "eklatant rechtswidrig"
REUTERS

Birkenstock-Sandalen: Bezahlung war "eklatant rechtswidrig"


Hamburg - Die Birkenstock Gruppe hat jahrelang Mitarbeiterinnen in Produktionsbetrieben schlechter bezahlt als Männer. Nach Informationen von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE erhielten Frauen, die für Gesellschaften des Konzerns Schuhe produzierten, noch bis zum Jahr 2013 gut einen Euro weniger Stundenlohn. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

Eine Mitarbeiterin der damaligen Birkenstock-Tochter Fußbett Schuhproduktion hatte geklagt, nachdem sie auf einer Betriebsversammlung im Herbst 2012 von der schlechteren Bezahlung für Mitarbeiterinnen erfahren hatte: So erhielten Frauen im Jahr 2009 einen Stundenlohn von 8,54 Euro (Männer: 9,76 Euro), in den Jahren 2010 bis 2012 waren es 8,72 Euro (Männer: 9,86). Auch bei Sonderzahlungen hatten Frauen das Nachsehen: Da Weihnachts- und Urlaubsgeld sowie eine Anwesenheitsprämie an den Stundenlohn gekoppelt waren, fielen die Beträge für Mitarbeiterinnen entsprechend niedriger aus.

Die Mitarbeiterin reichte Klage beim Koblenzer Arbeitsgericht ein, das ihr grundsätzlich Recht gab. Für die Richter war unstrittig, dass der geringere Lohn nur mit dem Geschlecht der Frau zu erklären sei. Der Schuhproduzent wurde daher im September 2013 zur Nachzahlung der Lohndifferenz von rund 7500 Euro verurteilt. Zudem erhielt die Mitarbeiterin eine finanzielle Entschädigung in Höhe von drei Bruttomonatsgehältern: etwa 3500 Euro.

Im vergangenen August bestätigte das Landesarbeitsgericht in Mainz diese Entscheidung: Die Benachteiligung von Mitarbeiterinnen sei vorsätzlich erfolgt und "eklatant rechtswidrig". Aus diesem Grund erhöhten die Richter auch die finanzielle Entschädigung auf 6000 Euro. Das Urteil ist einer der äußerst seltenen Fälle, in denen ein Arbeitgeber wegen Diskriminierung weiblicher Angestellter verurteilt wurde.

Historisch gewachsene Lohnstrukturen

Der juristische Erfolg der Mitarbeiterin hat nun eine regelrechte Klagewelle ausgelöst. 103 Verfahren wegen Lohndiskriminierung sind derzeit beim Arbeitsgericht in Koblenz anhängig. Die Klägerinnen sind allesamt Mitarbeiterinnen von Birkenstock oder verbundenen Gesellschaften. Sie fordern den bis 2013 zu Unrecht vorenthaltenen Lohn und machen zudem eine finanzielle Entschädigung aufgrund von Diskriminierung geltend. Der Streitwert der Verfahren liegt laut Gericht jeweils im fünfstelligen Bereich. Dem Birkenstock-Konzern drohen somit Entschädigungs- und Ausgleichszahlungen in Millionenhöhe.

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen klagen Mitarbeiterinnen von vier ehemaligen Tochterunternehmen der Birkenstock Gruppe. Betroffen sind Albero, die Fußbett Schuhproduktion GmbH sowie die Rheinische und Westerwälder Schuhproduktion GmbH. Da der Birkenstock-Konzern seine Struktur im Herbst 2013 grundlegend umgebaut hatte, firmieren die Produktionsunternehmen heute unter anderem Namen: Teils wurden sie in der Birkenstock Production GmbH zusammengeworfen, teils mit Beherrschungsverträgen an die Konzernsparte gekettet.

Juristisch gesehen klagen die 103 Mitarbeiterinnen also verschiedene Unternehmen an - diese hängen jedoch alle im Unternehmensnetz der Birkenstock Gruppe zusammen. Weltbekannt wurde die Marke mit ihren Orthopädiesandalen, zuletzt verkaufte der Konzern 16 Millionen Paar Schuhe in rund 90 Länder. Auch in Deutschland gilt Birkenstock als eine der beliebtesten Schuhmarken.

Auf Anfrage teilte Birkenstock mit, dass die juristisch angreifbaren Lohnstrukturen historisch gewachsen seien. Jahrzehntelang hätten männliche Beschäftigte "körperlich anstrengendere Arbeiten ausgeführt und dafür im Gegenzug auch höhere Löhne" erhalten. Mittlerweile sei diese Argumentation jedoch hinfällig - weswegen man nach einem Gesellschafterwechsel im Januar 2013 auch die Gehälter angeglichen habe.

Allen Mitarbeiterinnen von Birkenstock sei eine Ausgleichszahlung für die jahrelange Diskriminierung angeboten worden, sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE. Über deren genaue Höhe will der Konzern zwar keine Angaben machen, weit über die Hälfte der Frauen hätten die Entschädigung allerdings angenommen. Gleichzeitig hält Birkenstock jedoch einige der Klagen für hinfällig: Den betroffenen Frauen sei der Lohnunterschied lange bekannt gewesen. Daher hätten sie formal innerhalb von zwei Monaten wegen Diskriminierung klagen müssen, so der Sprecher. "Diese Frist war in vielen Fällen bereits abgelaufen."

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
stesch 07.03.2015
1.
Das so etwas ausgerechnet bei Birkenstock vorgekommen ist, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
dauersinnkrise 07.03.2015
2. Gleicher Lohn für gleiche Leistung
Schöne Bestätigung, dass die Gleichstellung der Frauen längst Wirklichkeit ist; vor dem Gesetz nämlich. Und das bedeutet, das Lohnunterschiede nur noch gesetzwidrig vorhanden sein können, wie dieser Fall zeigt. Danke für dieses Beispiel gegen die Legende von den geschlechtsspezifischen Lohnungerechtigkeiten.
emiliano-zapata 07.03.2015
3. birkenstock war schon immer ein schlimmer Finger
"Schlichter Ulrich Schmalz bezeichnete darauf Birkenstock als Despoten, er wäre zwar ein genialer Erfinder und Geschäftsmann, aber mit seinem Verhalten ist er im 19. Jahrhundert stehengeblieben." schrieb die Zeit (S. 6. 17. Mai 1996) zum damaligen Arbeitskampf, als u.a. ein Betriebsrat eingerichtet werden sollte, siehe Wiki unter Birkenstock. Mir kommt kein solches Produkt an meine Pfoten.
hinnerk.albert 07.03.2015
4. nachhaltig
die nachhaltigen ökos- nicht neu aber immer wieder interessant anspruch und wirklichkeit- fassade hochsozial, wirklichkeit, ob als makler oder wie hier mit galoschen, nur abgreifen goldene regel: man redet immer davon am meisten, womit man selbst die meisten probleme hat.
MissMorgan 07.03.2015
5. Historisch gewachsen
So so, und erst 2013 bemerke man(n), dass die Arbeit schon lange gleich geworden ist. Wirklich, da muss man sich ja schämen, jemals Birkenstocks gekauft zu haben. Und jetzt dann noch anzuführen, viele Frauen hätten von der Ungleichbehandlung gewusst und sich dann gleich melden müssen. Wie arm ist das denn? Es handelt sich hier um Abhängige! Leute die knapp den Mindestlohn bekommen. Die wahrscheinlich froh sind, einen Job zu haben. Selbst wenn es wahr sein sollte, dass einige von dieser Ungleichheit wussten (wie denn?), wer geht denn heute in diesen wirtschaftlichen Zeiten mit dem Schreckgespenst HartzIV noch gegen seinen Arbeitgeber an? Ich kenne viele im Bekanntenkreis, die keine Mittagspause haben weil sie alleine im Laden stehen und ihnen diese - gesetzlich zustehende Pause - aber abgezogen wird. Was soll diese Frau denn tun?
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