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Kettensägen-Mordprozess Tötung statt Versöhnung

Sie wurde eineinhalb Jahre lang vermisst, dann fanden Ermittler ihre zerstückelte Leiche: Anja H. hatte sich von ihrem Freund Maik F. trennen wollen - womöglich wurde ihr das zum Verhängnis. Nun muss sich F. vor dem Landgericht Magdeburg wegen Mordes verantworten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Magdeburg - Die Bewohner von Ottendorf-Okrilla erfuhren aus der Zeitung von dem grausigen Fund in einem Vorgarten. Die Menschen in dem 10.000-Seelen-Städtchen, das an die Landeshauptstadt Dresden grenzt, reagierten schockiert, als dort im März die Leiche von Anja H. ausgegraben wurde - zersägt in mindestens zehn Teile.

Ihr Freund Maik F. hatte sie auf dem abgelegenen Grundstück seiner Eltern, idyllisch an der Großen Röder gelegen, mehr als einen Meter tief vergraben.

Eineinhalb Jahre lang spielte der Hilfskoch den Verzweifelten, der nach seiner vermissten Freundin suchte. Den Ermittlern, Anjas Familie und gemeinsamen Freunden gaukelte er vor, dass Anja im Oktober 2005 verschwunden sei - ohne Abschiedsbrief oder eine Nachricht an ihre Familie oder Freunde.

Beharrlich leugnete der Sachse, dass er mit ihrem Verschwinden etwas zu tun habe - und verstrickte sich in Widersprüche. Als ihn die Ermittler zum elterlichen Grundstück zerren und zu graben beginnen, bricht Maik F. zusammen und legt ein Teilgeständnis ab. Er habe Anja am 7. Oktober 2005 in der gemeinsamen Wohnung in Magdeburg tot in der Badewanne gefunden, sagt er. Aus Angst, man würde ihm nicht glauben, dass er nichts mit ihrem Tod zu tun habe, habe er sich dazu entschlossen, ihre Leiche zu entsorgen.

Er habe sich im Baumarkt entsprechende Geräte gekauft, Teile der Wohnung mit Malerfolie ausgelegt und den Leichnam schließlich mit einer Kettensäge zerkleinert und in Mülltüten gestopft. Mit den Leichenteilen im Kofferraum sei er dann knapp 300 Kilometer ins heimische Ottendorf-Okrilla gefahren, wo seine Eltern leben. In deren Garten habe er die menschlichen Überreste verscharrt. Ab heute steht der 24-Jährige vor dem Landgericht in Magdeburg - wegen Mordes.

Mord am Partner - "Ende eines Aufschaukelungsprozesses"

Was hat sich wirklich in den vier Wänden des jungen Paares, das sich in Dresden kennen gelernt hatte und 2003 zugezogen war, abgespielt? Maik F. schweigt. Sein Verteidiger wird zu Beginn des Prozesses eine Erklärung des 24-Jährigen verlesen. "Er hat die Leiche beseitigt, aber mit dem Tod der Frau nichts zu tun", sagt sein Anwalt Perry Andrae SPIEGEL ONLINE.

Die Ermittler bezweifeln das. Die Staatsanwaltschaft Magdeburg wirft ihm vor, die 21-Jährige getötet zu haben, weil sie sich im August 2005 von ihm getrennt hatte, obwohl sie noch mit ihm die gemeinsame Wohnung teilte.

Möglicher war es ihre Entscheidung, F. zu verlassen, die Anja H. mit ihrem Leben bezahlte. Ein in der Kriminalpsychologie bekanntes Phänomen. "Es ist das Ende eines emotionalen Aufschaukelungsprozesses", erklärt Kriminalsoziologe Helmut Tausendteufel SPIEGEL ONLINE. Er hat in einer Studie 200 Fälle von Partnertötungen untersucht und beschreibt diesen Prozess als ein Wechselspiel von Trennung und Versöhnung.

"Der Mann befindet sich in einer Phase der Uneindeutigkeit: Auf der einen Seite die erhoffte Versöhnung, auf der anderen Seite die Aussichtslosigkeit. Beim Täter entsteht eine depressive Stimmung. Ihm fehlt die emotionale Kompetenz, den Konflikt zu beenden. Das Problem wird nicht mehr akzeptiert, sondern beseitigt. Das Ende - die Tötung - ist für ihn eine faktische Lösung."

"Die Tötung der Partnerin ist dann eine Katastrophe aus Verzweiflung", sagt Kriminalpsychologe Uwe Füllgrabe. Sie ist selten kaltblütig geplant. "Diese emotionale Stimmung baut sich über einen langen Zeitraum auf. Es kann Monate, auch Jahre dauern", sagt Tausendteufel. Die Rechtsprechung wertet die Tat dennoch als Affekt.

Maik F. soll nach der Tat über das Handy seiner Freundin Kurzmitteilungen an ihre Freunde verschickt haben, um ihnen vorzuspielen, die Arzthelferin sei noch am Leben. In einer dieser Nachrichten soll er suggeriert haben, Anja H. habe sich neu verliebt, um die Spur zu legen, die 21-Jährige könne durchgebrannt sein. Die Ermittler gehen davon aus, dass Anja H. zu diesem Zeitpunkt längst tot war.

Kriminalpsychologen zufolge ist es eher selten, dass Männer, die paradoxerweise ihre Frauen umbringen, um sie nicht zu verlieren, die Leichen vergraben. "In den meisten Fällen findet man den Mann neben der Leiche vor", sagt Tausendteufel.

Maik F. hat nach dem Tod seiner Freundin eineinhalb Jahre lang weitergelebt wie zuvor - und ab und zu den Suchenden gemimt. Im Gegensatz zu Sexualstraftätern werden im Übrigen Männer, die ihre Partnerin töten, als nicht rückfallgefährdet eingestuft.