50 Jahre 007-Filme: Und das ist die Mama von James Bond

Von Michael Marti und Peter Wälty

Klar, er ist ein Weiberheld. Seit 50 Jahren verführt der Kinoheld James Bond heiße Frauen. Aber er hat auch eine Mutter - für die eine reale Frau das Vorbild war. Höchste Zeit also, zum Leinwand-Jubiläum von 007 diese Mama kennenzulernen: eine hübsche Schweizerin. Mit gebrochenem Herzen.

James Bond zum 50.: Die Agenten-Mama Fotos
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Monique Panchaud de Bottens trifft den Mann, dem sie ihre Mutterrolle in der größten Agenten-Saga der Geschichte verdankt, im Herbst 1930 auf einem Ball in Genf. Sie ist 19 und eine bemerkenswerte Frau: schlank, groß, schön und aus bestem Haus. An diesem Abend tanzt sie zum ersten Mal mit dem jungen Engländer, und sie ignoriert die Warnungen, die ihr ihre Freundinnen zuflüstern: Dieser Fleming sei gefährlich. Ein Playboy.

Und er ist der Mann, der James Bond erschaffen wird, den berühmtesten Agenten der Filmgeschichte, der vor 50 Jahren, am 5. Oktober 1962, erstmals auf der Kinoleinwand zu sehen war: in "Dr. No". Fleming wird als Autor später oft Versatzstücke aus seiner Biografie in die Bond-Storys einfließen lassen. Und Monique wird einen Ehrenplatz erhalten. In der Erzählung "You Only Live Twice" (1964) ist zu lesen: James Bond erblickte am 11. November 1920 das Licht der Welt. Als Sohn des schottischen Ingenieurs Andrew Bond und der Schweizerin Monique Delacroix.

Die reale Monique trifft Fleming, als er sich bereits rund ein Jahr in Genf aufhält. Er versagte im Elite-College Eton, er flog von der Militärakademie Sandhurst. Nun, mit 22, will er an der Genfer Universität sein Französisch aufpolieren, um sich in eine Diplomatenkarriere zu retten. Allerdings hat Fleming seit seiner Ankunft im Herbst 1929 nur eines erreicht: sich den Ruf eines zwar außergewöhnlich gut aussehenden, aber auch außerordentlich selbstgefälligen Jünglings zu erwerben.

Monique verliebt sich in ihn. Bald trifft sie Fleming jede Woche. Und der englische Nobelstudent, der sich in der ihm eigenen Unbescheidenheit als neuer D. H. Lawrence betrachtet, ist fasziniert von ihr. Er sieht in Monique den Typus moderne Französin, eine Art Schweizer Coco Chanel: selbstbewusst, witzig, manchmal ein wenig frivol. Und das alles mit viel Chic und sportlicher Eleganz.

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Bonds Mädchen: Der globale Gespielinnen-Reigen
Moniques hochrespektable Familie stammt ursprünglich aus Echallens im Kanton Waadt, nun lebt sie auf einem Belle-Epoque-Landsitz in den Rebbergen oberhalb der Waadtländer Gemeinde Vich. Die Panchauds gelangten im 16. Jahrhundert durch einen Pfandhandel in den Besitz von Ländereien. Als typische Vertreter der Schweizer Scheinaristokratie erwarb sich die Familie im Ancien Régime die Adelspartikel "de".

In der Villa hoch über Vich wuchsen Monique und ihre jüngere Schwester Noëlle fern von der bäuerlichen Dorfjugend auf. Die Mädchen spielten in einem von hohen Hecken umsäumten Garten, der eigentlich ein Park ist und an dessen Rand noch heute ein Kinderhäuschen steht: eine begehbare Puppenstube mit Türen, Fenstern und einem kleinen Herd. Monique besuchte nie eine öffentliche Schule. Eine Hauslehrerin, eine Britin, unterrichtete sie und ihre Schwester, so dass die Mädchen bereits früh Englisch sprachen.

Verliebt im Badeanzug

Im Winter 1930/31 gehen Ian und Monique gemeinsam Ski fahren: nach Megève und St-Cergue, an die Schneehänge, wo sich die privilegierte Genfer Jugend zu vergnügen pflegt. Monique, so wird sich der alte Fleming erinnern, ist eine "ausgezeichnete und wagemutige Skiläuferin". Im Frühling 1931 zieht Fleming von Genf in die Nähe der Panchauds, ins Hôtel du Lac in Coppet, sieben Kilometer entfernt von Vich; er mietet sich im ersten Stock ein Zimmer mit Seesicht.

Schon einige Monate später, im Sommer 1931, verbringt Fleming die Wochenenden regelmäßig auf dem Landsitz in Vich. Er und Monique gelten als verlobt, und obwohl der Bund nicht offiziell verkündet wird, ist Ian in die Familie der Panchaud de Bottens aufgenommen. Moniques Mutter, Simone, modelliert sogar eine Büste des jungen Fleming. Der Gipskopf aus der Hand der damals bekannten Künstlerin ist auf dem Cover von John Pearsons Fleming-Biografie aus dem Jahr 1966 zu sehen. Dem Vater, Lucien, entgeht keineswegs die Blasiertheit seines, wie auch er glaubt, künftigen Schwiegersohns - aber Ian ist ein Spross der britischen Finanzaristokratie und solvent. So erscheint er dem Hausherrn vertrauenswürdig.

Ian genießt die Monate in Vich als Zeit der Freiheit. Sehr schneidig und sehr laut fährt er jeden Morgen in seinem schwarzen Buick-Sportwagen die Geliebte über die schmale Landstrasse zum Genfersee, wo sie schwimmen gehen. Ein Foto aus dem Familienbesitz der Panchaud de Bottens zeigt das Paar an den Quaimauern: beide im Badeanzug, sie sitzend und an ihn gelehnt, ihr nasses, dunkelbraunes Haar nach hinten gekämmt und mit dem schlanken linken Arm zum Horizont zeigend.

Ende September 1931 reist Fleming ab, um in London die Diplomatenprüfung abzulegen. Er schneidet passabel ab, die Aufnahme in den Dienst gelingt aber nur den drei Besten. Fleming scheitert zum dritten Mal: Nach dem Versagen in Eton, nach dem Abgang von Sandhurst bleibt ihm jetzt die Diplomatenkarriere verwehrt. Sein Misserfolg wird für die Schweizer Verlobte zum Drama.

Geld oder Liebe?

Monique reist im Dezember 1931 nach London, um mit der Familie ihres Verlobten Weihnachten zu verbringen. Der Aufenthalt wird ein Desaster: Eve Fleming, Ians maßlos enttäuschte Mutter, sieht in der schönen Schweizerin den Grund für das Scheitern ihres Sohnes. Ohnehin scheint ihr eine Heirat ihres Sohnes mit einer Bürgerstochter, selbst einer vermögenden, nicht standesgemäß. Eve will die Verbindung verhindern. Sie macht sich ans Werk.

60 Jahre später, im Gespräch mit dem Fleming-Biografen Andrew Lycett, erzählt Monique Panchaud de Bottens von ihrem Schicksal in London: "Eve Fleming tat alles, damit wir nicht zusammen sein konnten. Immer, wenn ich Ians Raum betreten wollte, wurde ich zurechtgewiesen. 'My dear', sagte sie, 'solche Sachen gehören sich nicht in England.' Sie erlaubte dem Dienstmädchen nicht einmal, das Kaminfeuer in meinem Zimmer anzumachen."

Moniques Rückkehr nach Vich in den ersten Januartagen 1932 ist in Wahrheit eine Flucht aus London. Eve Fleming allerdings sieht sich kurz vor ihrem Ziel. Sie stellt ihrem Sohn eine neue Laufbahn in Aussicht: eine über Freunde arrangierte Anstellung bei der Nachrichtenagentur Reuters. In den nächsten Monaten sehen sich Ian und Monique nur noch selten. Zwei Mal schickt Reuters den jungen Journalisten in die Schweiz, zwei Mal nutzt Fleming die Gelegenheit, um Monique zu treffen - seine Mutter ist empört und droht dem Sohn mit der Enterbung. Auch Moniques Vater bedrängt Fleming, wenn auch mit anderen Absichten: Lucien Panchaud de Bottens will vor Gericht ziehen, falls der Jüngling sein Heiratsversprechen bricht.

"Du hast übrigens einen Bruder - er heißt James Bond"

Ian muss sich entscheiden - und er wählt die Mutter und das Familienvermögen. Um einen Prozess mit Monsieur Panchaud de Bottens abzuwenden, zahlt Fleming sein ganzes damaliges Privatvermögen an den Vater der entehrten Schweizerin. Und damit verschwindet Monique Panchaud de Bottens aus dem Leben Ian Flemings.

Doch nicht nur ihrer Nationalität und dem Vornamen nach verewigt Fleming sein "Girl from Geneva" in seinem Werk, er nimmt auch die Sportlichkeit, den Wagemut und die Naturverbundenheit der realen Monique in das Bild von Bonds Mutter auf. Es sind die Eigenschaften, die ihn an der Geliebten so fasziniert hatten. Und die, in seinen Augen, eine Frau zur Gebärerin eines Superagenten qualifizieren.

Im Sommer 1963, kurz nach der Niederschrift von "You Only Live Twice", versucht Fleming - er besucht in Montreux den Schriftsteller Georges Simenon -, Monique nochmals zu treffen. Er will ihr ihren Eingang in sein Werk offenbaren. Die betrogene Verlobte lehnt ab.

Ihre Mutterschaft in Flemings Fantasiewelt bleibt Monique dennoch nicht verborgen. Sie habe diese, so erzählen alte Freunde aus Vich, eher amüsiert zur Kenntnis genommen. Ihrem leiblichen Sohn aus der späten Ehe mit einem Westschweizer Unternehmer sagt sie einmal beiläufig: "Du hast übrigens einen Bruder - er heißt James Bond."

Monique Panchaud de Bottens stirbt 1994 im Alter von 83 Jahren. Sie liegt auf dem kleinen Friedhof von Vich begraben. In ihrem Nachlass befindet sich ein mit "Ian Fleming" beschrifteter, vergilbter Briefumschlag, er enthält über Jahrzehnte gesammelte Memorabilien: Fotos von Ian beim Skilaufen, ein großformatiges Porträt des Verlobten. Artikel zu Flemings Werk und Leben. Und eine Fotografie, auf der das Schloss von Flemings Grosseltern in Nettlebed zu erkennen ist.


Dieser Artikel ist eine leicht umgearbeitete Version eines Textes aus "James Bond und die Schweiz"(Echtzeit-Verlag) von Michael Marti und Peter Wälty. Das Buch ist im SPIEGEL-Shop erhältlich.

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insgesamt 6 Beiträge
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    Seite 1    
1. Und da gibt es noch den älteren Bruder von Ian Fleming ...
j.e.r. 07.10.2012
Peter Fleming, der ältere Bruder von Ian war in den Dreissiger-Jahren unter anderem Sonderkorrespondent der Times in Asien. Zusammen mit der Westschweizer Weltreisenden Ella Maillard unternahm er eine im Prinzip unmögliche Reise von Peking über Zentralasien nach Indien. Sein Buch "News from Tartary" ist meines Erachtens lesenswerter als die Bücher von Ian Fleming. Ebenso das Buch von Ella Maillard "Oasis interdites - De Pékin au Cachemire", ihre Beschreibung der gleichen Abenteuerreise.
2. Den Ursprung von 007
fettwebel 07.10.2012
kennen wir jetzt. Fleming lebt den Macker, der er nie sein durfte, konnte und wollte. Kein Rückgrat, der Mama zu sagen: Du kannst mich mal. Ein Ersatzleben seiner selbst. Keineswegs der kühle Entwurf abenteuerlicher Unterhaltung. Armseliger Selbstbetrug.
3.
KurtFolkert 07.10.2012
Früher war das mal cool, seine Gefühle zu unterdrücken. Heute spiegelt es seinen jämmerlichen Charakter wider. Wobei dies keine Besonderheit ist, da dieses Verhalten der Eltern auch in allen anderen Adelsfamilien an den Tag gelegt wurde und auch Heute noch wird. Es bleibt aber in seiner erbärmlichkeit unbestritten!
4. Chancenkiller Grundschule??
amidelis 07.10.2012
Zitat von sysopEchtzeit VerlagKlar, er ist ein Weiberheld. Seit 50 Jahren verführt der Kinoheld James Bond heiße Frauen. Aber er hat auch eine Mutter - für die eine reale Frau das Vorbild war. Höchste Zeit also, zum Leinwand-Jubiläum von 007 diese Mama kennenzulernen: eine hübsche Schweizerin. Mit gebrochenem Herzen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/50-jahre-james-bond-die-mutter-von-007-war-eine-schweizerin-a-859629.html
So. Da haben wir auch mal ein Negativbeispiel, dass Bildung und Aufstiegschancen eben doch vom Elternhaus abhängen.
5. Dominante Mutter und die Tagtraum-Fluchten
leser_4711 07.10.2012
Zitat von fettwebelkennen wir jetzt. Fleming lebt den Macker, der er nie sein durfte, konnte und wollte. Kein Rückgrat, der Mama zu sagen: Du kannst mich mal. Ein Ersatzleben seiner selbst. Keineswegs der kühle Entwurf abenteuerlicher Unterhaltung. Armseliger Selbstbetrug.
So - und jetzt setzen wir uns alle in den psychotherapeutischen Männerstuhlkreis und weinen. Denn jetzt ist bestätigt, dass Fleming unter der Fuchtel einer dominanten (und reichen) Mutter aufgewachsen ist, die seine Frauen begutachtet und ausgewählt hat. Haben wir es doch vermutet. Der normale englische Tagtraum eines Jungen, den die Beatles in Bungalow Bill treffend besungen haben. Warum nur hatte die Kunst-Figur dann weltweit Erfolg?
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