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Bekennerschreiben und Verschwörungstheorien: Das Web lacht über Facebook

Netzwerkausfall Wie Lord Voldemort Facebook zu Fall brachte

Zweieinhalb Stunden lang war das soziale Netzwerk Facebook kaum zu erreichen, der schlimmste Ausfall seit vier Jahren. Eine Automatik zur Fehlerkorrektur war Schuld, sagen die Betreiber. Doch via Twitter hagelt es humorige Bekennerschreiben von vermeintlichen Bösewichten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn ein Gemüsehändler seinen Laden mittags für in paar Stunden dicht macht, stört sich wohl kaum jemand daran. Wenn aber Facebook für zweieinhalb Stunden scheinbar aufhört zu existieren, gerät die Welt in Aufruhr - oder zumindest ein beträchtlicher Teil davon. Das hat einen triftigen Grund. Mehr als eine halbe Milliarden Menschen sind weltweit Mitglieder im größten aller Social Networks. Und täglich werden es mehr, die sich gegenseitig via Web erzählen, wann sie hungrig sind, was sie im Kino gesehen haben und die per "Like"-Button mitteilen, was sie im Web mögen. Für viele davon ist Facebook längst ein unverzichtbarer Bestandteil der täglichen Routine geworden, so wie Zähne putzen und Kaffeetrinken - bis Donnerstagnacht.

Kurz vor Mitternacht mitteleuropäischer Zeit brach das gigantische Menschen-Netzwerk unvermittelt zusammen. Nicht für alle Nutzer und nicht für alle im selben Maße. Aber eine signifikante Teilmenge jener 500 Millionen Facebooker war plötzlich von ihren freundschaftlichen Verbindungen abgeschnitten, konnte sich nicht mehr öffentlich mitteilen, konnte nicht einmal mehr auf "Like"-Buttons klicken. Vor allem die USA, Europa und Südamerika waren betroffen.

Was war passiert? Eine Antwort auf diese Frage konnte auch Facebook zunächst nicht geben. In der Not griffen die Betreiber zu ihrer letzten verblieben Möglichkeit, möglichst viele Menschen auf einmal anzusprechen: Sie benutzten Twitter . Über das Konkurrenznetzwerk teilte das Unternehmen zunächst mit, dass es wohl Probleme gebe, mit denen "einige Leute" zu kämpfen haben. Man arbeite daran, die Schwierigkeiten schnell zu beheben.

Rund drei Stunden später war das auch tatsächlich gelungen und Facebook konnte eine Erklärung für den heftigsten Ausfall seit vier Jahren liefern. Ausgerechnet ein automatisches System zur Fehlerbehebung hatte den Fehler verursacht , der zu dem Beinahe-Totalausfall führte. Facebooks enorme Größe hatte daran erheblichen Anteil.

Selbst aus dem Netz katapultiert

So sollte das fragliche Fehlerkorrektursystem eigentlich fehlerhafte Werte in bestimmten Konfigurationsdateien durch korrekte Werte aus einer dauerhaft gesicherten Datei ersetzen. Am Donnerstag aber wurde diese Ur-Datei geändert - und das Korrektursystem interpretierte einige der neuen Werte als falsch. Daraufhin habe es eine Kettenreaktion gegeben, die zu einer enormen Zahl gleichzeitiger Anfragen an das System geführt habe. Die einzige Möglichkeit, das System wiederherzustellen, sei es gewesen, die Datenbanken komplett vom Netzwerk zu trennen, Facebook quasi abzuschalten. Das Social Network hatte sich durch eine Art selbstgemachter Denial-of-Service-Attacke aus dem Netz katapultiert.

Und das Netz reagierte mit Humor. Statt sich über die vermeintliche Unfähigkeit der Facebook-Techniker aufzuregen, machten sich die plötzlich von ihrem Sozial-Pool abgeschnittenen Nutzer darüber lustig. Und das natürlich bei Twitter, dem Kurznachrichtendienst, mit dem Facebook in Konkurrenz steht und der in diesem Fall als Ausweichforum für all jene herhalten musste, die sich nicht mehr via Facebook verbreiten konnten.

#facebookDown

Schnell wurde der Suchbegriff #facebookDown zum Trend-Thema. Wurde zuerst noch ernsthaft gefragt, was da wohl passiert sein könnte, hagelte es wenig später Bekennerschreiben (siehe Fotostrecke). Vor allem der US-Start des Hollywood-Filmes "The Social Network" (Deutschland-Start am 1. Oktober) reizte viele zu Mutmaßungen über den wahren Grund für die Panne. So meldete sich ein Lord_Voldemort7, Namensvetter des "Harry Potter"-Bösewichts, zu Wort. Er habe Facebook abgeschaltet, um "The Social Network" eine auszuwischen, weil es die Aufmerksamkeit vom Trailer des neuen "Harry Potter"-Films abzieht.

Twitterer Anthony de Rosa vermutete dagegen, Facebook sei von einer rivalisierenden Gang erschossen worden - im Facebook-Spiel "Mafia Wars". Der Blog ReadWriteWeb nahm die Gerüchte über ein geplantes Facebook-Handy zum Anlass zu fragen: "Wer will jetzt noch ein Facebook-Phone?" Und Twitterer Russ Rankin vermutet einfach, Facebook-Gründer Mark Zuckerberg habe sein Netzwerk abgeschaltet, nachdem er aus der "Forbes"-Liste der reichsten Männer Amerikas erfahren hatte, dass sein Vermögen auf sechs Milliarden Dollar geschätzt wird. Das würde jetzt ja wohl reichen.

Zu neuem Ruhm kam auch ein bereits sieben Jahre alter Artikel auf der satirischen Nachrichten-Website " The Onion ". In ihrer gewohnt sachlich trockenen Art erklären die Autoren darin, wie ein fiktiver 48-stündiger Internetausfall die Vereinigten Staaten zu neuer Produktivität antrieb, die Nation aus dem Jammertal der Rezession heraushob. Das könnte man sich doch als Vorbild für den aktuellen Facebook-Fehler nehmen, so die einhellige Meinung der Twitter-Nutzer, und beispielsweise endlich mal den ergrauten Gartenzaun streichen.

Eine hübsche Idee für all die Amerikaner, die mitten am Tag vom Facebook-Ausfall überrascht wurden. An den meisten deutschen Facebook-Usern dagegen dürfte die kleine Katastrophe im größten Social Network dieses Planeten vollkommen unbemerkt vorbeigegangen sein. Sie haben zur Zeit des Ausfalls längst geschlafen.