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PHOTOKINA Klickender Zwitter

Mit der »Photokina '80«-Eröffnung am Freitag dieser Woche rüsten Film-Industrie und Video-Konkurrenz zum Kampf um das Heimkino. Hat Super Acht nur noch eine Gnadenfrist?
• aus DER SPIEGEL 37/1980
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Mutti die rote Taste betätigt, klickt es im Innern der rundlichen Plastik-Dose wie in einer billigen Box: Ein Schnappschuß wird festgehalten. Drückt Vati dann den schwarzen Auslöser, rattert es in derselben Kunststoff-Trommel wie in einer Filmkamera: Eine bewegte Szene wird verewigt.

»Selbst Photo-Neulinge und Kinder«, schwärmt Frank Staudacher, Marketing-Direktor von Agfa-Gevaert, »können mit diesem Gerät umgehen« und ganz nach Wunsch Lauf- oder Stehbilder belichten.

Narrensicher konstruiert, zum Mittelklasse-Preis von rund 600 Mark, soll »Agfa family«, ein auch im Design ausgefallener Zwitter zwischen Photoapparat und Filmkamera, die »Barrieren gegenüber dem Filmen abbauen«. Agfa-Werbung: »Filmen wird zum Familienspaß« -- draußen und drinnen.

Zum Betrachten von Live-Szenen und Standphotos braucht die Agfa-Familie demnächst weder Photoalbum noch Projektor und Leinwand im abgedunkelten Zimmer. Die belichtete und entwickelte Filmrolle, ein handelsüblicher Super-Acht-Film für dreieinhalb Minuten Heimkino oder bis zu 3200 Single-Bilder, wird in dem Tischgerät »Agfa family« (im Preis eingeschlossen) auf einen hellen Monitor projiziert. Eine eingebaute Elektronik führt die Film-Passagen im realen Tempo der Szene vor und stoppt automatisch, S.221 wenn ein Einzelbild auf den Leuchtschirm rückt.

Extra-Schnickschnack soll die Gucklust noch erhöhen: Auf Knopfdruck spuckt ein (erst von 1981 an erhältliches) Zusatzgerät von jeder Einzelaufnahme eine bunte Sofortbild-Kopie aus. Ein Sound-Adapter soll das »lebendige Photoalbum« (Agfa-Werbung) durch synchrones Zuspielen einer Musikkassette auch noch klanglich aufwerten.

Agfas unkonventionelles Comeback ins Geschäft mit Schmalfilmgeräten -der Konzern legt gleichzeitig eine Palette neuer Schmalfilme ("Moviechrome") vor -- ist einer der Knüller der »Photokina«, die am Freitag dieser Woche in Köln eröffnet wird.

Zugleich signalisiert der Agfa-Coup den härter werdenden Marktkampf um den Kino-Amateur: Auf der Kölner Messe, dem traditionsreichen Supermarkt der Lichtbildner, wird das Duell zwischen hergebrachtem Filmen und elektronischem Video den Besuchern allenthalben präsentiert werden.

Der Zeitpunkt, die Massen fürs Heimkino zu bewegen, scheint günstig. Nach dem katastrophalen Einbruch des Schmalfilm-Geschäfts vor wenigen Jahren verspürt die Branche Aufwind.

1979 meldeten Filmhersteller und Kamerabauer bis zu sechs Prozent Zuwachs. Die Mannheimer Firma Ritter Filmgeräte, die die hochwertigen und bis zu 4000 Mark teuren »Beaulieu«-Kameras aus Frankreich importiert, verbuchte gar 20 Prozent Umsatz-Plus. Insgesamt gingen im letzten Jahr 320 000 Movie-Kameras für 200 Millionen Mark über bundesdeutsche Theken, Tendenz steigend.

Die Stuttgarter Kodak AG, dank ihres superscharfen »Kodachrome 40« Primus im Schmalfilm-Geschäft, liest den Aufwärtstrend beim Standesamt ab. »Es heiraten immer mehr junge Leute und kriegen Kinder«, beobachtet PR-Chef Karl Steinorth, »diese jungen Familien bilden die neue Kundschaft.«

Mit Kodak verbündeten sich namhafte Kamerahersteller wie Bosch/ Bauer, Beaulieu und Canon sowie Braun/Nizo zu einer Aktionsgemeinschaft, die den »aktiven«, »mobilen« und »kritischen« Zeitgenossen an den Auslöser einer Filmkamera locken will. Aufwand für die PR-Aktion: rund elf Millionen Mark.

Die Apostel des Heimkinos spekulieren vor allem darauf, daß der von Großlabors zum Massen-Knipsen verführte Photoamateur bald seiner bunten Bilderflut nicht mehr Herr werden dürfte ("Beaulieu«-Ritter: »Die Scheiß-Photos vergammeln doch bloß in den Schubladen") und dann auf Do-ityourself-Kino umsteigen könnte.

Schon nähert sich der Markt der Ramsch-Pockets und Spiegelreflex-Kästchen der Sättigung; aber nur jeder S.223 siebente bundesdeutsche Haushalt verfügt über eine Schmalfilm-Kamera.

Genau um das bislang an Live-Bild und O-Ton uninteressierte Publikum buhlt nun allerdings auch die von den Japanern angeführte Video-Industrie: Zur »Photokina« will sie mit halbwegs handlichen und erschwinglichen Geräten die Messegänger auf ihr elektronisches Medium scharf machen. Schon rühmt Gerhard Schneidenbach, Marketing-Manager des erfolgreichsten Video-Lieferanten JVC, Video als ein »Massenmedium« -- »Filmer und Photographen« seien da die »nächstliegende Zielgruppe«.

Während zur »Photokina« 1978 noch Preise zwischen 8000 und 10 000 Mark für eine farbtüchtige Video-Kamera notiert wurden, sind zur diesjährigen Messe bereits etliche Aufnahmegeräte für etwa 2000 Mark zu erwarten.

Gleichzeitig kommen leichtere, wenn auch noch immer bis zu acht Kilo schwere tragbare Recorder, Billig-Varianten der Profi-TV-Technik, ins Angebot. Für einen Einstandspreis von 6000 Mark, so zeichnet sich ab, kann der Kunde künftig videographieren.

Allerdings dürfte der eskalierende Zweikampf zwischen herkömmlichem Schmalfilm und moderner Video-Technik den noch unerschlossenen Markt eher verunsichern als anheizen. »Super Acht ist nicht am Ende, im Gegenteil«, meldete das Fachblatt »Photo« in seiner September-Nummer auf Seite 22. »Die Hersteller von Super-8-Kameras haben noch eine gewisse Gnadenfrist«, korrigierte sich das Blatt auf Seite 146. Was denn nun?

Unbestreitbar ist das Amateur-Filmen auf lichtempfindlichem Zelluloid heute noch weitaus vielseitiger und ambitionierter zu betreiben als die Arbeit mit der Video-Kamera.

Schon das Geräte-Angebot ist für die Filme reichhaltiger -- vom stummen Beinahe-Pocket-Apparat für den Sonntagsfilmer bis zur Systemkamera für den Semi-Profi, die (wie bei der Nobel-Marke »Beaulieu") Wechseloptik besitzt und mit 60-Meter-Kassetten (von vierfacher Spiellänge) ausgestattet werden kann.

Der Video-Amateur hingegen muß technisch komplizierte Geräte ohne sonderliche gestalterische Raffinessen mit sich herumschleppen und mehr seine empfindlichen Apparaturen als seine Motive im Auge behalten.

Wenn beispielsweise die Bildröhre »Vidikon«, die wichtigste Innerei aller Amateur-Videos, vom Elektronenblitz eines nahestehenden Photoamateurs oder, bei Gegenlichtaufnahmen, direkt von den Sonnenstrahlen getroffen wird, ist das rund 800 Mark teure Herzstück der Kamera, ehe sich's der Video-Fan versieht, hinüber.

Während die Filmer erst am Schneidetisch und am Mischpult moderner Projektoren ihren Bildersalat zu einer ansehnlichen Szenenfolge montieren, kann der Videograph weder Szenen umstellen noch nachträglich Ton untermixen.

Auch in der Bildqualität ist Video vorerst abgeschlagen: Mit einer Auflösung von maximal 450 Zeilen (TV-Norm: 625 Zeilen) ist das Hausmacher-Fernsehen im Vergleich zum scharfen, farbkräftig durchleuchteten Filmbild ein typisches Produkt der Flimmerkiste.

Doch trotz dieser Vorzüge dürfte sich die Film-Industrie schwertun, Super-Acht jetzt noch als Massenmedium durchzusetzen. Um der Video-Konkurrenz das heimische Fernsehgerät nicht ganz zu überlassen, bietet die Film-Branche schon heute das Überspielen von Amateur-Filmen auf Video-Kassetten an; Super-Acht, wirbt »Beaulieu«, soll »auf Leinwand und Bildschirm« zu betrachten sein.

Die gefährlichste Waffe gegen das herkömmliche Heimkino wird auf der bevorstehenden »Photokina« freilich nur Auserwählten zu Gesicht kommen: der Prototyp von »Video-Motive«, einer bei Sony entwickelten Video-Kamera ohne Röhre, aber mit integriertem Recorder.

Das Gerät ist kaum größer als übliche Filmkameras, wiegt nur zwei Kilogramm und ist, wie Sony-Manager Peter Hoenisch ankündigt, »dank der Kompaktheit ebenso einfach« zu bedienen »wie eine 8-Millimeter-Filmkamera«. 1985 soll das Wunderding auf den Markt kommen.

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