Pedro Viloria, Politikwissenschaftler:
»In der Vergangenheit habe ich immer demokratisch gewählt. Ich meine, ich bin schwul, ich bin Latino, ich gehöre in vielerlei Hinsicht zu einer Minderheit. Die Demokratische Partei schien da immer die beste Wahl zu sein, weil sie die passenden Lösungen für Menschen wie mich versprochen hat.«
Pedro Viloria und sein Bruder sind zwei der schätzungsweise mehr als 36 Millionen Wahlberechtigten in den USA mit lateinamerikanischen Wurzeln. Wer im November als Präsident ins Weiße Haus ziehen will, braucht die Stimmen der Latinos.
Viloria kam 2003 als Achtjähriger mit seiner Familie aus Venezuela in die USA. 2015 wurde er offiziell eingebürgert. Erst dann durfte er auch wählen – für den heute 28-Jährigen seitdem ein echtes Privileg.
Pedro Viloria, Politikwissenschaftler:
»Hier bin ich mit meinem Pass, meinem ›Ich habe gewählt‹-Aufkleber. Und hier steht es auf Englisch und Spanisch. Das ist wirklich großartig. Ich finde es toll, dass mein Bezirk diese Barrierefreiheit bietet.«
Seitdem die Vilorias alle offiziell eingebürgert sind, gehen sie gemeinsam wählen, diskutieren viel über Politik. Pedro ist der älteste Sohn und hat Politikwissenschaft studiert. Für ihn stand immer fest: Er will seine Familie und Freunde von den Demokraten überzeugen. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen 2020 kam es dabei aber zu Widerständen und schließlich sogar zum Streit.
Pedro Viloria, Politikwissenschaftler:
»Die Biden-Trump-Wahl hat unsere Familie sehr gespalten. Und wir machen sonst alles zusammen. Ich habe meiner Familie gesagt: Ich will nichts mehr mit euch zu tun haben, wenn ihr für Trump stimmt. Und dann haben sie für Biden gestimmt, wegen dieser Drohung.«
Vilorias Vater bereut mittlerweile, nicht für Donald Trump gestimmt zu haben. Wir besuchen die Familie später noch in ihrem Restaurant etwas außerhalb von Atlanta. Wird sie bei den Präsidentschaftswahlen im November womöglich gesammelt republikanisch wählen?
Pedro Viloria bei seiner Arbeit für eine gemeinnützige Latino-Organisation. Beim Latino Day Ende Januar am und im Kapitol in Atlanta wollen über 250 Latinos und Latinas auf ihre Belange aufmerksam machen.
»Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist ein weiteres großes Problem, das viele Latinos betrifft – auch mich.«
Pedro Viloria führt Interessierte an diesem Tag durch das Kapitol und erklärt ihnen, wie hier Gesetze entstehen.
Pedro Viloria, Latino Community Fund Georgia:
»Wir nehmen den Raum hier aktiv in Anspruch. Denn es geht auch darum, die Abgeordneten daran zu erinnern, dass es uns gibt. Wir sind Latinos, und wir sind hier, und ihr dürft uns nicht vergessen. Und wir wählen! Also wenn ihr uns nicht zuhört und erkennt, was uns wichtig ist, verliert ihr vielleicht die Wahlen.«
Bei den letzten Präsidentschaftswahlen hat Joe Biden in Georgia nur mit knapp 12.000 Stimmen gegen Donald Trump gewonnen. Der knappe Sieg wird auch den Stimmen der Latinos und Latinas zugeschrieben. Immerhin waren in Georgia vor vier Jahren über 385.000 von ihnen wahlberechtigt.
Und die Latinos werden immer mehr: Sie sind die derzeit am zweitschnellsten wachsende Wählergruppe in den USA. In diesem Jahr werden sie voraussichtlich landesweit etwa 15 Prozent aller Wählerinnen und Wähler ausmachen. In der Vergangenheit stimmten sie mehrheitlich für die Demokratische Partei. Doch aktuelle Umfragen zeigen: Joe Biden verliert immer mehr an Unterstützung in der Community.
Aus Sicht der Latinos in Georgia müsste er sich mehr um ihre Themen kümmern: allen voran um die Inflation, die Wirtschaft und Einwanderung. Nur dann wäre er wählbar. Doch das ist Joe Biden für viele Latinos nicht.
Wissen die Teilnehmenden beim Latino Day schon, wen sie wählen werden?
»Ja, natürlich: Joe Biden. Aber es wird so nach dem Motto laufen: Das ist das kleinere Übel.«
»Zum ersten Mal erwäge ich, eine dritte Partei zu wählen. Wenn es jemals eine Möglichkeit gab, dass ein starker dritter Kandidat auftaucht, ist dies wahrscheinlich in diesem Jahr so. Wegen all der Unzufriedenheit mit den beiden Kandidaten, die derzeit vorne liegen.«
»Trump sorgt für mehr Schikanen in unserer Gemeinschaft. Es ist die Drangsalierung, die Spaltung von Familien. Und Biden, auf der anderen Seite, ist nicht standhaft. Er verändert nichts. Wir haben also das Gefühl, dass wir gar keine wirklichen Optionen haben.«
Weil er für eine unparteiliche Organisation arbeitet, darf Pedro Viloria beim Latino Day nicht offen über seine politische Haltung sprechen.
Im Privaten aber schon: Seine Eltern betreiben ein venezolanisches Restaurant, etwas außerhalb von Atlanta. Hier wird deutlich: Von Vilorias ursprünglicher Begeisterung für Joe Biden ist nur noch Enttäuschung übriggeblieben.
Pedro Viloria, Latino:
»Es ist mir peinlich, dass ich mich für die Partei eingesetzt habe. Ich habe hier diesen Mann unterstützt und damit die Beziehung zu meiner Familie aufs Spiel gesetzt. Er hatte die Chance, mir zu zeigen, wovon ich so besessen war. Und dann hat er es vermasselt. Wie kann ich jetzt meine Eltern anschauen und sagen, dass wir ihn noch einmal wählen sollten?«
In vielerlei Hinsicht sind die Vilorias eine typische Latino-Familie in Georgia: stolz auf ihre Herkunft und Traditionen, ein starker Familienbund, Kleinunternehmer. Sie leiden unter der schwierigen Wirtschaftslage, sagt das Familienoberhaupt. Franklin Viloria will deshalb für Donald Trump stimmen.
Franklin Viloria, Gastronom:
»Das, was gerade passiert, habe ich in den 21 Jahren in diesem Land noch nicht erlebt. Sowohl was die Kriminalität angeht als auch die Migration. Ja, es gab immer Einwanderung in die USA, aber ich denke, die Menge an Menschen, die über die Grenze kommen, wirkt sich auf die Wirtschaft dieses Landes aus. Insbesondere wegen der Politik, die die aktuelle Regierung in dieser Hinsicht betreibt.«
Früher hätte Pedro Viloria seinen Vater davon abbringen wollen, republikanisch zu wählen. Doch heute ist er zerrissen, denkt darüber nach, gar nicht zu wählen oder seine Stimme einer der nahezu bedeutungslosen kleinen Parteien zu geben. Oder sogar Trump, wie sein Vater – und sei es nur aus Protest.
Pedro Viloria, Politikwissenschaftler:
»Trump wird unsere Communitys angreifen, das wird er. Er greift Einwanderer an, er greift die LGBTQ+-Gemeinschaft an, er greift jeden an, der nicht so aussieht, wie Amerikaner aussehen sollten. Aber diese Attacken bringen die Menschen auf die Straße.«
So scheint gerade nur klar, wen Pedro Viloria nicht wählen wird: Joe Biden.
Pedro Viloria, Politikwissenschaftler:
»Ich warte immer noch ab, was während der Debatten und Übertragungen und im Wahlkampf passiert. Aber ich kann nicht guten Gewissens weiterhin einen Präsidenten unterstützen, der nichts getan hat. Ich hätte lieber einen schlimmen Präsidenten, der die Leute wachrüttelt, als einen, der gar nichts tut und Amerika sich selbst ins Verderben stürzen lässt.«