HIFI-MESSE Angst vor Japanern
Es hob an auf altvertraute Weise, mit einem »festlichen Konzert« in der Tonhalle, feierlichen Herren (Kleidervorschrift: »dunkler Anzug") und optimistischen Reden -- die HiFi-Branche, so kultur- wie kommerzbewußt, startete am letzten Freitag stilvoll ihre große Schau: die »HiFi 78« in Düsseldorf.
Doch die elektronische Internationale der Schöntöner, obwohl in diesem Jahr zahlreicher (216 Aussteller) und größer (auf 22 365 Quadratmeter) ausgestellt als je zuvor, fühlt sich diesmal von »heftigen Störgeräuschen weit über der Hörschwelle« (so der »Stern") belästigt.
Denn die große Gala erlebt zugleich erstmals eine Sezession: Die meisten deutschen Großserien-Hersteller boykottieren in diesem Jahr die Düsseldorfer Spezial-Messe; ihnen genügt, sagen sie, die zweijährlich im Herbst (das nächste Mal 1979) stattfindende Berliner Funkausstellung: »Die deutsche Industrie für Unterhaltungselektronik«, dekretierte der Grundig-Manager Josef Stoffels, »hält die »HiFi 78' für überflüssig.«
Stoffeis sprach für die meisten Groß-Firmen, für Branchenführer Grundig natürlich, für Saba, Nordmende, Loewe-Opta, Metz, Braun. Uher, auch Philips und ITT -- sie alle stellten sich in den Schmollwinkel und müssen sich nun »Angst vor den Japanern« vorwerfen lassen.
Doch allein mit dem in Düsseldorf häufig zu hörenden Vorwurf, sie hätten eben nichts Neues zu zeigen, ist der Deutschen Abstinenz nicht erklärt. Stoffels selbst hatte besonders die »diskriminierende Standbegrenzung« kritisiert, die »den großen deutschen Herstellern bewußt die Möglichkeit genommen« habe, »ihre Erzeugnisse angemessen zu präsentieren«.
Tatsächlich vergibt die Düsseldorfer Messe, die sich denn auch zur Berliner Funkausstellung verhält wie ein Streichquartett zum Oktoberfest, maximal 450 Quadratmeter Ausstellungsfläche pro Firma. Für die deutsche Elektronikindustrie, die in Berlin gern ganze Hallen mietet, um mit haushoch gestapelten Fernsehapparaten und Halden von sogenannter Henkelware (Kofferradios, tragbaren Kassettenrekordern) zu imponieren, muß eine Begrenzung auf Normalmaß freilich als unzumutbar erscheinen.
Die reinen HiFi-Hersteller indes frohlocken: »Wir stehen ja bei dem Rummel in Berlin ohne Fernsehen immer im Hintergrund«, sagt Dual-Sprecher Claus-Jürgen Brey, und für Otfried Sandig von der renommierten Lautsprecherfirma Canton ist »Düsseldorf für die seriösen HiFi-Leute ganz klar die wichtigere Messe«.
Sie bleibt es, auch wenn die Boykotteure abfällig von einer »Exoten-Messe« reden: Alle wichtigen Neuerungen der HiFi-Branche sind in Düsseldorf vollzählig versammelt.
Sie gelten vornehmlich dem langjährigen Sorgenkind der High Fidelity -- der Musik-Kassette. Seit der Markteinführung dieses Tonbands im Kompaktformat und seinem weltweiten Erfolg, der alte anderen Standards (etwa das japanische »Elcaset") bis heute nicht hochkommen ließ, doktert die Industrie an der HiFi-Tauglichkeit des ursprünglich eher für anspruchslose Diktatzwecke als für hochwertige Musikwiedergabe entwickelten Mediums herum.
Technisch hochgezüchtete Kassettenrekorder für bis zu etwa 5000 Mark wurden und werden auch in diesem Jahr wieder angeboten. Neu jedoch ist ein Geräuschunterdrückungssystem, das Telefunken -- für diese Premiere aus der Boykott-Fronde ausgeschert -- nach Düsseldorf brachte: »HighCom« heißt das Verfahren, das den Kassettenton erheblich verbessern (und dem beherrschenden Dolby-System aus den USA Marktanteile abknöpfen) soll; Japans Toshiba verspricht mit seinem ähnlichen »Adres«-System gar eine Kassetten-Qualität wie von »Halbspur-38-cm-Master-Bändern«.
Das eigentliche Zauberwort dieser Messe jedoch heißt »Reineisenband«. Es bezeichnet eine neue, sensationelle Magnetband-Qualität: das vom US-Konzern 3M ("Scotch") in 13 Jahren entwickelte Bandmaterial soll doppelt so gut sein wie die besten, heute gebräuchlichen Kompakt-Kassetten -- es erfordert allerdings auch eine neue Generation von Kassettenrekordern; einzig der norwegische Hersteller Tandberg ist bislang für die neue Eisenzeit gerüstet.
Da eine noch bessere Kassette dem herkömmlichen Spurentonband für den Hausgebrauch endgültig den Garaus machen könnte, basteln die führenden Japan-Marken Technics und Sony weiter an digitalen Aufzeichnungsverfahren, bei denen etwa ein Video-Rekorder als Tonbandgerät zweckentfremdet wird: bislang nie erreichte HiFi-Qualität kostet da freilich teuren technischen Aufwand.
Überhaupt: Während Konsum-HiFi immer billiger wird, läßt sich die Avantgarde ihren technischen Vorsprung kräftig bezahlen.
Sony, sonst als Trendsetter etwas abgeschlafft, überrascht mit dem einzigen neuen Lautsprechersystem der Messe, der ("Weltpremiere") Flächenmembran APM -- als Prototyp zu noch unbekanntem Preis; Sony-Tochter Wega, design-ehrgeizig wie einst nur Braun. propagiert. für rund 4000 Mark, den »besten Tuner der Welt«; National krönt sein enzyklopädisches Technics-Programm mit einem gigantischen Verstärker-Set: 85 Kilo höchstwertiger Elektronik (700 Watt sinus) zum Rekordpreis von 27 000 Mark -- die passenden Boxen, anheimelnd wie zwei übersättigte Müllschlucker, sind etwa so transportabel wie historische Konzertflügel.
Der Zug ins Monumentale hat indes bereits auch einen Gegentrend erzeugt: vollwertige HiFi-Komponenten, so von Toshiba oder Technics, im zierlichen Format von Davidoff-Zigarrenkästchen.
Der englische HiFi-Hersteller Ross Walker, dessen Quad-Geräte bereits seit 10 Jahren ähnlich kompakt gebaut sind, fordert mit seiner im britischen Understatement-Look gehaltenen Verstärker-Anlage (zweimal 120 Watt für relativ bescheidene 1700 Mark) »alle Audiophilen, Techniker und Wettbewerber auf, sich mit ihrer teuersten und besten Anlage zum Wettkampf zu stellen«.
Für jeden, der eine im direkten Vergleich zu Quad besser klingende Verstärkerkombination hören lassen kann, hat der deutsche Quad-Importeur Thomas Wegner 1000 Mark ausgesetzt: »Wir beweisen allen, die das Gras wachsen hören können, daß man das Gras nicht wachsen hören kann.«
Wegner, und etliche Fachkritiker sind da mit ihm einer Meinung, ist ziemlich sicher, daß er kein Geld verlieren wird: »Wir haben in England und Amerika über 100 solcher Vergleichstests gemacht, aber auch gegenüber den teuersten Fabrikaten gab es keine hörbaren Unterschiede.«