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Aufgewachsen unter Spitzeln: Das schwere Erbe der Stasi-Kinder

Von Ruth Hoffmann

Aufgewachsen unter Spitzeln: Das schwere Erbe der Stasi-Kinder Fotos
privat

Stasi-Mitarbeiter führten ein Doppelleben, darunter litten auch ihre Kinder: Sie erfuhren nichts von Papas Spitzeleien und waren oft selbst Ziel der Ausspähungen. Nun beginnen sie, ihre wahre Familiengeschichte zu ergründen.

"Das Denken überlass den Pferden, die haben den größeren Kopf" - so hat es Marina* von ihrem Vater zu hören bekommen, wenn sie Fragen stellte, statt einfach zu tun, was man ihr sagte. Es war der Leitspruch ihrer DDR-Kindheit, und auch lange danach tat er noch seine Wirkung. Dass der Vater ihre Brüder mit dem Gürtel schlug, wenn sie nicht gehorchten, verlieh dem Denkverbot zusätzlich Kraft. Nichts fürchtete Marina, heute 55, mehr als den Ärger des geliebten Vaters. Sie würde ihm immer das brave Töchterchen sein, das "Mäuschen", wie er sie noch als Erwachsene nannte.

Marina ging zur Kripo, obwohl sie gern Kindergärtnerin geworden wäre. Die Mutter war bereits Volkspolizistin, so sollte auch Marina zu den "bewaffneten Organen". Und sie wollte ja auch ihren Beitrag leisten für Frieden und Sozialismus.

Als Bürgerrechtler im Mai 1989 die Fälschung der Kommunalwahlen offenlegten, war sie schockiert, den Glauben an die DDR nahm es ihr nicht. Er blieb auch nach dem Mauerfall nahezu unversehrt, und was ihn hätte ins Wanken bringen können, schaute sie sich nicht an. Der Mahnung ihres Vaters, auf keinen Fall Einsicht in die Stasiakten zu beantragen, hätte es nicht bedurft - es wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Sie hielt es wie er: "Wer weiß, was da alles drinsteht..."

Das System am Abendbrottisch

Dann stieß sie im Sommer 2013 in dem Buch "Stasi-Kinder" auf Geschichten, die ihr seltsam vertraut vorkamen. Geschichten vom Aufwachsen in den Familien des MfS, des Ministeriums für Staatssicherheit, und in ihr keimte ein Verdacht: Könnte es sein, dass auch ihr Vater dabei war? Dass er sich beteiligt hat an dem Unrecht, von dem sie nun mit wachsendem Entsetzen las?

Wie Marina geht es Zehntausenden Männern und Frauen, denen zu Hause nicht gesagt wurde, was ihre Väter machten, weil es streng geheim war. Manche erfuhren als Teenager von der Stasi-Tätigkeit des Vaters, weil sie ihn mit Fragen löcherten oder weil sie selbst diese Laufbahn einschlagen sollten. Andere kamen durch Zufall dahinter, weil ihnen beim heimlichen Stöbern in Taschen und Schubladen der obligatorische Klappausweis in die Hände fiel. Worin genau Vaters Arbeit bestand, blieb aber meist ein Rätsel. So plagt viele bis heute das beunruhigende Gefühl, den Vater nicht wirklich zu kennen. Die meisten Eltern schweigen noch immer.

Der Preis, den die Kinder für die geheimdienstliche Mission ihrer Väter (manchmal auch der Mütter) zahlen mussten, war hoch: Wer als Kind eines Stasi-Offiziers aufwuchs, erfuhr das System unmittelbar, am Abendbrottisch, im Jugendzimmer, Tag für Tag. Keine Personengruppe überwachte die Stasi so gründlich wie die eigenen hauptamtlichen Mitarbeiter, deren Zahl 1989 bei über 91.000 lag, 84 Prozent davon Männer. Verwandtschaft, Freizeit, Partnerwahl - nichts im Leben der Hauptamtler blieb unberührt vom steuernden Einfluss des MfS.

Der Sohn als Staatsfeind

In den Familien herrschte gewaltiger Konformitätsdruck, jede Abweichung von der Norm konnte unangenehme Folgen haben: Söhne, die zu Spielen des FC Union gingen, dem erklärten Gegner des Stasi-Vereins Dynamo; Töchter mit einer Vorliebe für schwarze Kleidung oder Iron Maiden. Brandgefährlich wurde es für einen Mitarbeiter, wenn sich der Nachwuchs "staatsfeindlich" verhielt: Ausreiseanträge, Kontakte zur Kirche oder zur Bürgerrechtsbewegung waren der GAU für jede Stasi-Karriere. Der Feind, das eigene Kind.

"Negativ-dekadente Verwandte": Per Spitzel-Meldung auf die interne Liste der Stasi Zur Großansicht
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"Negativ-dekadente Verwandte": Per Spitzel-Meldung auf die interne Liste der Stasi

Die Akten sind voller privater Gesprächsprotokolle, Freundeslisten, verratener Treffen, Konzerten und Partys. Immer wieder finden sich auch offizielle Lossagungen wie die eines Oberleutnants: 1981 erklärt er gegenüber seinen Vorgesetzten, dass sich sein Sohn "durch die Verunglimpfung unseres sozialistischen Staates außerhalb der Gesellschaft und auch außerhalb der Familie gestellt hat".

Der 21-jährige Sohn war zuvor wegen einer kritischen Wandzeitung zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Sollte er nach der Haft "zu Hause vorsprechen", gelobte der Oberleutnant, werde er ihm sagen, "dass wir keinen Wert auf weitere Kontakte mit ihm legen". Er hielt Wort - bis zum letzten Tag der DDR. Und auch danach galt der Sohn weiter als Aussätziger, der dem Vater die Karriere verhagelt habe.

"Wer es nicht erlebt hat, kann es sich nicht vorstellen", sagt der 50-jährige Frank Neubert, ebenfalls Sohn eines Stasi-Offiziers. "Das Misstrauen und die ständige Kontrolle zu Hause; der Druck, hervorragende Leistungen bringen und immer brav funktionieren zu müssen, das hat einen mit der Zeit kaputt gemacht." Nach 1989 hat Frank lange gebraucht, um sich wieder zusammenzuflicken. Alle Versuche, mit dem Vater zu reden, scheiterten. Wie so vielen Stasi-Kindern blieb Frank nur der Kontaktabbruch.

Seit der Vater vor zwei Jahren starb, fühlt Frank sich freier. Und doch bleibt neben den alten Verletzungen immer das Unbehagen, mit was für einem Menschen er es eigentlich zu tun hatte. "In letzter Zeit hat er aktiv dazu beigetragen, eine Reihe gefährlicher Spione zu liquidieren", heißt es an einer Stelle in der Akte des Vaters. "Wie soll man als Sohn damit umgehen?", fragt Frank. "Das kann man ja nur verdrängen!"

"Ich möchte Menschen finden, die mich verstehen"

Die meisten haben tatsächlich verdrängt. Die Scham, selbst das Brandmal Stasi zu tragen, oft aber auch der Druck der Familie ließen sie lange schweigen. Doch allmählich kommt Bewegung in die Sache: Die ersten fangen an zu reden; immer mehr beantragen Einsicht in die Akten ihrer Eltern. Und sie beginnen, sich untereinander zu vernetzen und auszutauschen. Der Bedarf ist gewaltig, die Angst aber auch. "Ich möchte so gern Menschen finden, die mich verstehen, weil sie Ähnliches erlebt haben", sagt eine 47-jährige Frau aus Thüringen, "aber ich habe Schiss, dass sie mich ablehnen, weil ich auch 'zur Firma' gegangen bin."

Tatsächlich sind die Kinder des MfS trotz vieler bezeichnender Parallelen keine homogene Gruppe, steht doch jeder an einem anderen Punkt der Aufarbeitung. Was sie eint, ist das Leiden am eisernen Schweigen der Eltern und das Ringen um eine Haltung zu deren möglicher Schuld.

Marina hat inzwischen Gewissheit: Ende 2013 konnte sie die Akte ihres verstorbenen Vaters einsehen. "Ich zitterte am ganzen Körper und schämte mich furchtbar, weil ich ja nun gegen ihn ermittelte", erzählt sie. Erleichtert entnahm sie gleich dem ersten Eintrag, dass er nur inoffizieller Mitarbeiter (IM) war. Doch die Erleichterung verflüchtigte sich schnell angesichts von fast 200 Seiten ausführlicher Protokolle, "Treffauswertungen" und Arbeitsaufträgen, die den Vater als fleißigen Spitzel auswiesen. Jahrzehntelang hatte er zuverlässig Auskunft gegeben über die politischen Ansichten seiner Kollegen im Betrieb.

"Furchtbare Scham": Die Verpflichtungserklärung von Marinas Vater Zur Großansicht
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"Furchtbare Scham": Die Verpflichtungserklärung von Marinas Vater

Dutzende Male hat Marina die Akte seitdem gelesen. Mit dem Bild des idealisierten Vaters bröckelt auch ihr Weltbild, wachsen die Zweifel an sich selbst: Wie konnte er das tun? Wie konnte ich so blind sein? Auf der Suche nach Antworten hat sie sich eine Aufarbeitungs-Rosskur verordnet, liest Bücher über das MfS, die DDR und die Biografien von Opfern, geht zu Zeitzeugenvorträgen und ins ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Im Sommer sammelte sie allen Mut zusammen und meldete eine Selbsthilfegruppe an.

"Deine Eltern bei der Stasi? Kinder als Opfer ihrer Eltern" steht auf dem Deckblatt des Flyers, der nun bei der Berliner Kontaktstelle Sekis, in der Psychotherapeutenkammer und beim Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen ausliegt. Gerade fand ein erstes Treffen statt. Noch ist die Gruppe klein, sind die Gespräche vorsichtig und tastend. "Aber es ist ein Anfang", sagt Marina. "Endlich ein Anfang."

* Namen geändert

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Prügel nur in der DDR?
stirnrunzlerin52 08.11.2014
Aus eigener Erfahrung, Prügel in den 50ern, 60ern,70ern war einfach normal weil es die Eltern (Kriegsgeneration) nicht anders erlebt und gelernt haben. Ich bin mir sicher auch ein westdeutscher Beamter hat seine Kinder zu diesen Zeitpunkt geschlagen hat wenn diese nicht auf Linie waren oder irgendetwas anderes vorlag. Ich kenne genügend deren Eltern oder Elternteile in der NVA, Polizei bzw. Stasi waren und die nicht geprügelt wurden. Es ist eine persönliche einstellung anderen gegenüber. Es soll sogar KZ Aufseher bzw. KZ Chefs gegeben haben die ihre Kinder abgöttisch geliebt haben. Prügel ht nichts mit Stasi zu tun sondern mit Menschen die nicht weiterwissen und daher prügeln. Das war damals genauso wie es heute ist!
2. Möchte darin erinnern,
guggulu, 08.11.2014
dass das MfS ein kompromissloses Herrschaftsinstrument der SED war. Die Partei bestimmte und nicht das MfS. Nach 1989 gelang es dem SED / PDS Apparat geschickt, sich aus der Schusslinie zu nehmen und warfen dem Volk und den Medien die MfS-Alleinverantwortung zum Frasse vor. Die führende Partei der Arbeiterklasse implodierte und übrig blieb das Orwell' sche MfS.
3. Das Leben der Anderen.
koenigludwigiivonbayern 08.11.2014
Mein Vater erfuhr nach der Wende aus seinen Stasi-Akten, daß der DDR-Verwandte, dem er regelmäßig Geld schickte, um sein Haus in Schuß zu halten und der dort auch kostenlos wohnte, der MfS Mitarbeiter war, durch den er 1948 zu 25 Jahren Lagerhaft in Sibirien verurteilt wurde. Weil man nicht mit seiner Rückkehr rechnete (er wurde 1956 versehentlich mit den letzten Deutschen Kriegsgefangenen entlassen), hatte man das Haus diesem Mitarbeiter des MfS als Belohnung geschenkt (der die Eigentumsübertraung aber für sich behielt um auf die regelmäßig eingehenden Beträge für die Instandhaltung nicht verzichten zu müssen). Mein Vater legte bei der Zuständigen Behörde Widerspruch ein (weil er erst nach der Wende Kenntnis davon erhalten habe) und bekam mitgeteilt, es habe sich um einen "rechtmäßigen Akt" der damaligen Regierung gehandelt. Kurz darauf starb mein Vater. Ein Jahr später starb der besagte Stasi-IM. Dessen Kinder wohnen heute im ehemaligen Haus meines Vaters. Ich will nicht groß gegen die vorgehen, weil sie auch nichts dafür können. Aber dafür, daß sie in einem Haus wohnen, daß ihr Vater als Belohnung dafür erhalten hat, daß er meinen Vater nach Sibirien gebracht hat, dafür tun sie mir nicht leid. Und wenn das ein "rechtmäßiger Akt" war, wo beginnt dann das Unrecht?
4. Westdeutschland
jamguy 08.11.2014
Und hierzulande wurden all diese Gestörten mit gut situaierten Personen belohnt!
5.
loeweneule 08.11.2014
Zitat von stirnrunzlerin52Aus eigener Erfahrung, Prügel in den 50ern, 60ern,70ern war einfach normal weil es die Eltern (Kriegsgeneration) nicht anders erlebt und gelernt haben. Ich bin mir sicher auch ein westdeutscher Beamter hat seine Kinder zu diesen Zeitpunkt geschlagen hat wenn diese nicht auf Linie waren oder irgendetwas anderes vorlag. Ich kenne genügend deren Eltern oder Elternteile in der NVA, Polizei bzw. Stasi waren und die nicht geprügelt wurden. Es ist eine persönliche einstellung anderen gegenüber. Es soll sogar KZ Aufseher bzw. KZ Chefs gegeben haben die ihre Kinder abgöttisch geliebt haben. Prügel ht nichts mit Stasi zu tun sondern mit Menschen die nicht weiterwissen und daher prügeln. Das war damals genauso wie es heute ist!
Kann ich nur bestätigen. Sowas war auch im Westen beinahe noch üblich. Habe es selbst (Jahrgang 1952) gesehen. Nicht selbst erlebt, weil ich prima Eltern hatte, die es anders machen wollten, als ihre eigenen Eltern. Aus mir wäre aber auch mit Prügel nix geworden... ;)
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