MEDIZIN / POCKENIMPFUNG Zweifel am Zwang
Seit Mitte letzten Monats aus Meschede im Sauerland Pocken-Alarm gegeben wurde, war es, als hätte ein unbekannter Feind einen Termitenstaat überfallen. Panik und Verwirrung breiteten sich aus -- noch stimuliert von Männern, die es eigentlich besser wissen sollten: von Ärzten.
Während die Impfärzte an der Seuchenfront Stunde um Stunde den immunisierenden Doppelschnitt ausführten,
* erklärte Ministerialdirigent Hans Studt, Leiter der Gesundheitsabteilung im Düsseldorfer Innenministerium, die Großaktionen seien zwar psychologisch wirkungsvoll, aber medizinisch eigentlich nicht notwendig;
* äußerten sich enragierte Impfgegner -- so der Gelnhausener Lungenfacharzt Dr. Gerhard Buchwald in der ARD-Sendung »Report« am Montag letzter Woche mit der falschen Behauptung, die Pockenimpfung schütze nicht vor Epidemien, mehrfaches Impfen prädestiniere geradezu für eine Erkrankung; das Impfen infizierter Kontaktpersonen sei »unbedingt tödlich«;
* kamen, gleichfalls ohne zurechtrückenden Kommentar, übereifrige Impf-Befürworter zu Wort -- so der Bad Eilsener Chefarzt Professor Julius Kastein letzten Freitag in »Bild« mit der Forderung an den Bundestag, das Seuchengesetz müsse verschärft, alle Einwohner der Bundesrepublik müßten in Zukunft alle drei bis vier Jahre gegen Pocken geimpft werden.
Professor Kastein ebenso wie Dr. Buchwald bezogen unhaltbare Extrempositionen in einem Streit, der schon Jahrzehnte andauert und sich gegenwärtig weder so noch so ohne Rest von Zweifel entscheiden ließe.
Die Frage nach dem Nutzen und Schaden routinemäßiger Pockenimpfung muß für jedes Land, entsprechend der jeweiligen Pocken-Gefährdung, gesondert diskutiert werden,
Aber für ein Land wie die Bundesrepublik (mit schon jetzt nur durch-
* Oben: In der ARD-Sendung »Report« am Montag vergangener Woche unten: in Pakistan.
schnittlich einer Pocken-Einschleppung in einem Zeitraum von zwei Jahren) wird sich diese Kontroverse in absehbarer Zeit gleichsam von selbst erledigen: dann nämlich, wenn die gegenwärtig von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) begonnene Ausrottung der Seuche in den tropischen Herd-Ländern erfolgreich abgeschlossen sein wird.
Vor allem aber wird spätestens dann der heute schon kaum mehr vertretbare gesetzliche Zwang zur allgemeinen Pockenimpfung fallen müssen -- mehr Kinder, so ergab eine Zukunftsberechnung amerikanischer Pocken-Experten, würden an der Impfung sterben, als je mit Pocken-Toten zu rechnen wäre.
Unzweifelhaft ist, daß die seit nahezu zwei Jahrhunderten übliche (und in Deutschland seit 1874 als einzige Impfung gesetzlich vorgeschriebene) Immunisierung mit dem Kuhpocken-Virus die völkerverheerenden Blattern aus den meisten Ländern hat verschwinden lassen. Noch 1919 erkrankten im Deutschen Reich mehr als 5000 Menschen an den Pocken, 707 starben. Hingegen gab es in ganz Europa von 1953 bis 1988, trotz Massentourismus in exotische Länder und kurzen Jet-Reisezeiten, die das Verschleppen der Erreger begünstigen, nur mehr 36 Primärerkrankungen und 578 Ansteckungsfälle. Von den insgesamt 814 Patienten starben 69.
Durchweg konnte die Gefahr einer Epidemie gebannt werden -- obgleich in der Bundesrepublik nur etwa 75 Prozent der Bevölkerung durchgeimpft sind und der Schutzeffekt gegen Ansteckung wenig dauerhaft ist.
Unzweifelhaft ist andererseits, daß die Impfung selbst Gefahren birgt, insbesondere Schädigungen des Gehirns: Jedes Jahr werden in der Bundesrepublik von insgesamt rund einer Million Erstimpfungen 160 Kinder durch Narben entstellt, erblinden oder werden schwachsinnig. Und jedes Jahr sterben durchschnittlich acht Kinder an Nebenwirkungen der Impfung.
»Sollte die Schutzimpfung erst jetzt Gesetz werden«, urteilte schon 1967 die Münchner Ärzte-Zeitschrift »Selecta«, würde »eine mit derartigen Risiken belastete Maßnahme mit Sicherheit dem Veto der Gutachter verfallen«. Doch solange nicht auszuschließen ist, daß die Pocken jederzeit überraschend wieder eingeschleppt werden können, geht nach Ansicht der maßgeblichen bundesdeutschen Epidemiologen Gemeinnutz vor Eigennutz -- die vereinzelten tragischen Schadensfälle scheinen ihnen durch die Vorbeugung gegen mutmaßliche allgemeine Gefahr gerechtfertigt.
Dieses Argument wird indes bald nicht mehr stichhaltig sein. Denn das 1967 von der WHO begonnene Zehnjahresprogramm zur Ausrottung der Pocken zeitigt bereits Erfolge: Nach den ersten Massenimpfungen in den Epidemie-Ländern -- im südlichen Asien, in Afrika und Südamerika --
* sank die Zahl der Pocken-Kranken in aller Welt von etwa 130 000 im Jahr 1967 (mehr als 90 000 allein in Pakistan und Indien, wo nahezu jeder zweite Erkrankte stirbt) auf 56 000 im vergangenen Jahr;
* sank die Zahl der Länder, die Erkrankungsfälle melden mußten, von 43 auf 29;
* sank die Zahl der Länder mit Epidemie-Herden auf 17 (gegenüber 27 zu Anfang des Jahres 1969). Von einer Milliarde direkt durch Pocken bedrohter Menschen wurden 1968 schätzungsweise 200 Millionen und 1969 nahezu 300 Millionen geimpft, zumeist mit einer tropenfesten Vakzine, die aus Impfpistolen (maximal 1400 Schuß in der Stunde) gespritzt werden kann. »Wir impfen so schnell«, erklärte Dr. Henderson, Chef der WHO-Kampagne, »wie sich die Schlange der Wartenden bewegt.«
Daß die derzeit schon pockenfreien Länder dagegen auf der allgemeinen Impfpflicht kaum mehr beharren können -- selbst bei Rückschlägen oder einem Fehlschlag des WHO-Programms -, geht aus der amerikanischen Zukunftsstudie hervor.
In den Vereinigten Staaten, so errechneten jetzt die Pocken-Experten Dr. J. Michael Lane und Dr. J. D. Millar vorn Nationalen Zentrum für ansteckende Krankheiten, müßten bei Impfpflicht der Kinder bis zum Jahr 2000 mindestens 210 Todesfälle durch Impfschäden in Kauf genommen werden, Würde hingegen, etwa nach englischem Muster, von allgemeiner Impfpflicht abgegangen und würden nur noch die am ehesten durch Pocken Gefährdeten -- Auslandsreisende, Soldaten, Ärzte und medizinisches Pflegepersonal -- geimpft, so wäre Im mißlichsten Fall in demselben Zeitraum mit 80 Impftoten zu rechnen.
Die 150 so vermiedenen Impf-Todesfälle aber würden zweifellos einen Verzicht auf Impfzwang nahelegen. Dieselbe Zahl an Pocken-Toten wäre erst erreicht, wenn -- so die Studie von Lane und Millar -- »fast jedes Jahr einmal Pocken in die USA eingeschleppt werden ... tatsächlich aber war das zuletzt 1949 der Fall«.
Diese Hochrechnung läßt sich nicht ohne Einschränkung, wohl aber sinngemäß auf die Bundesrepublik übertragen. Die Gefahr gelegentlicher Pocken-Einschleppung könnte, auch wenn der gesetzliche Impfzwang fiele, weiter gesenkt werden: durch Verbesserung des Impfschutzes für die Gefährdeten, etwa Ärzte, Pfleger und Touristen.
Verbesserung der Impfstoffe und eine sorgfältige Nachschau bei derart gezielten Impfungen könnten dazu beitragen. Vor allem aber müßte mit einer Unsitte gebrochen werden, über die noch immer deutsche Auslandsreisende hinter vorgehaltener Hand berichten: das Ausstellen sogenannter Gefälligkeitsatteste -- ohne den Schutz verleihenden Schnitt.