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Bayern-Sieg gegen Stuttgart Die Suche nach dem Kick

Kein Rückstand, dafür ein Platzverweis: Auch beim 4:0 gegen den VfB Stuttgart braucht der FC Bayern einen Schockmoment, um wach zu werden. Der Meister bleibt seiner Linie treu.
Von Florian Kinast, München
Gallig: Thomas Müller
Gallig: Thomas Müller

Gallig: Thomas Müller

Foto: Matthias Schrader / dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auch Gregor Kobel sprach später noch über die spielentscheidende Szene, über den Platzverweis nach zehn Minuten. »Ab da haben die Abläufe bei uns nicht mehr gepasst«, sagte der Torwart des VfB Stuttgart, »die Abstimmung hat nicht mehr funktioniert. Es ist alles zu schnell gegangen.«

An sich keine überraschende Aussage, so ist es ja auch oft im Fußball. Dass eine Rote Karte eine Mannschaft völlig aus dem Konzept bringt, die Zuordnungen fehlen und man unweigerlich in eine bittere Niederlage taumelt. Das Bemerkenswerte an diesem Spiel war nur, dass es Bayerns Linksverteidiger Alphonso Davies war, der schon nach zehn Minuten nach einem heftigen Tritt in das Sprunggelenk von Watari Endo vom Platz flog. Und dass es der VfB Stuttgart war, der danach in Überzahl völlig auseinanderbrach.

»Dieses Spiel bot viel Anschauungsmaterial für uns«, meinte Sven Mislintat, der Sportdirektor des VfB, »die Bayern haben uns heute wie einen Aufsteiger aussehen lassen.« Sind die Schwaben ja auch. Während die Bayern, auch das wurde an diesem Samstagnachmittag mal wieder deutlich, doch eine ganz brauchbare Spitzenmannschaft sind und sich präsentierten, wie sie sich eben in ihrem eigenen Selbstverständnis auch sehen. Auch wenn sie natürlich auch diesmal wieder erst einen Schockmoment brauchten, bis sie aufgerüttelt wurden und ins Spiel fanden. Wie schon so oft in dieser Saison.

Es müssen wohl derzeit immer erst die Alarmglocken schrillen, damit sie so richtig in Fahrt kommen. Fast so, als gehe es gar nicht mehr ohne den Nervenkitzel, um erst dann richtig Spannung aufzubauen. Bislang waren es meistens frühe Gegentore, die die Münchner aus einer lethargischen Behäbigkeit herausrissen. Schon 13 Mal lag der Rekordmeister in dieser Saison hinten, mit sechs Siegen und vier Unentschieden holte man nach Rückständen dann noch 22 Punkte. Immer wieder hieß es danach, dass man das nächste Mal mit Spielbeginn Präsenz zeigen müsse, oder wie Thomas Müller es gerne formulierte: »Wir müssen von Anfang an gallig sein.« Gallig, das ist Müllers Lieblingswort.

Gallig waren sie aber auch gegen Stuttgart nicht, eher pomadig und gemütlich – bis statt eines Gegentreffers nun der Platzverweis gegen Davies für den nötigen Adrenalinschub sorgte. Ab diesem Moment waren die Bayern hellwach. Hatten sie in den ersten zehn Minuten noch vergeblich die Steckdose gesucht, nun standen sie unter Strom.

Es bedurfte nur einiger weniger Anweisungen und Zurufe von Hansi Flick, schon hatte sich die Mannschaft im Nu neu positioniert. Andere Trainer nehmen nach einem Platzverweis reflexartig den Stürmer vom Feld, bringen dafür zur Absicherung noch einen Verteidiger. Nicht so Flick, der Robert Lewandowski natürlich weiterspielen ließ. Stattdessen rückte David Alaba, der in der Startelf für den verletzten Joshua Kimmich neben Leon Goretzka im defensiven Mittelfeld stand, nach links hinten auf die vakante Davies-Position. Goretzka blieb allein auf der Sechs. Und dann konnte das Spiel beginnen.

Der Spaß an der Herausforderung

Zu zehnt brauchten die Bayern keine halbe Stunde, um die Gäste auseinanderzunehmen. Vier Tore in einer Halbzeit in Unterzahl, das war auch gleichzeitig ein neuer Bundesliga-Rekord. Lewandowski, der mit seinen Toren 33 bis 35 einer anderen Bestmarke, den 40 Toren von Gerd Müller aus der Saison 1971/72, nun immer bedrohlicher entgegen rückt, sagte später: »Nach den ersten zehn Minuten sind wir aufgewacht. Auch wenn das sicher nicht zu unserem Matchplan gehörte.« Genauso wenig wie sonst die permanenten Rückstände. Und natürlich gewinnen die Bayern manchmal Spiele auch ganz unaufgeregt, wie kürzlich beim 3:1 in Bremen. Nur scheint es ihnen so noch viel mehr Spaß zu machen, wenn sie zurückliegen und dann noch gewinnen, oder wenn sie wie jetzt nur zu zehnt sind statt zu elft und den Gegner dann niederwalzen.

»Es war nach dem Platzverweis erst ein komisches Gefühl, es war noch so lange zu spielen«, sagte Serge Gnabry, »aber dann lief es wie geschmiert. Ich glaube, die Stimmung heute wird uns die nächsten Wochen noch tragen.«

Die Stimmung war übrigens so gut, dass sich sogar Hansi Flick und Hasan Salihamidzic freudig abklatschten: Der Trainer und der Sportvorstand, die nach Flicks Angaben vom Mittwoch ihre Meinungsverschiedenheiten bei einer Aussprache geklärt hatten. Was natürlich nichts daran änderte, dass Flick seiner Linie treu bleibt. Auch am Samstag wurde deutlich, wie viel Flick von den von Salihamidzic verpflichteten Neuzugängen Bouna Sarr und Marc Roca hält, nämlich sehr wenig. Flick hätte sie durchaus einwechseln können, etwas Spielpraxis, etwas fürs Selbstvertrauen und fürs Gemüt, beim Stand von 4:0, da hätte nicht viel falsch laufen können. Als beispielsweise Thomas Müller nach 83 Minuten ausgewechselt wurde, brachte Flick aber nicht Roca fürs Mittelfeld. Stattdessen den ewigen Javi Martínez, dem 32-jährigen Antitypus eines hoffnungsvollen Perspektivspielers.

Hansi Flick vertraute auch gegen Stuttgart nur dem Mannschaftskern

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Foto: Pool / Getty Images

Und auch Lucas Hernández nahm nach dem Aufwärmen Mitte der zweiten Halbzeit mit überschaubarer Euphorie wieder seinen Tribünenplatz im Unterrang ein. Immerhin könnte Hernández nach der Länderspielpause beim Top-Spiel in Leipzig in der Startformation stehen. Alphonso Davies wird ebenso gesperrt sein wie Jérôme Boateng nach seiner fünften Gelben Karte.

Ein womöglich vorentscheidendes Spiel um die Meisterschaft, bei dem es sich die Bayern dann bei allem Spaß am besonderen Kick überlegen sollten, ob sie mal auf den Hallo-Wach-Nervenkitzel verzichten. Und ob sie bei diesem Gegner nicht doch lieber mal von Beginn an präsent sein wollen. Wach und gallig.